Bitte im Fussballleibchen

Verstorbene wünschen zunehmend nicht mehr im Anzug oder im Kleid, sondern in ihrem Lieblingstenü bestattet zu werden.

Ein HSV-Fan lässt sich in den Farben seines Fussballclubs begraben. Foto: AP

Ein HSV-Fan lässt sich in den Farben seines Fussballclubs begraben. Foto: AP

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Bei Beerdigungen taucht sie unweigerlich auf, die Frage nach der Schicklichkeit. Dabei geht es oft um Kleidung: Was zieht man an, um jemanden für immer zu verabschieden? Und auch: Was sollen die Verstorbenen tragen?

In dieser Hinsicht wurde vergangene Woche aus Grossbritannien Erstaunliches vermeldet. Formelle Kleidung wie der Anzug für Männer beziehungsweise Bluse und Jupe oder Hose für Frauen sei bei Bestattungen immer weniger gefragt. Die Verstorbenen oder noch häufiger deren Angehörige würden stattdessen vermehrt das Einkleiden mit der Lieblingsgarderobe bevorzugen.

Das kann dann bei einem glühenden Fussballfan das Leibchen seines Clubs sein (besonders populär bei Anhängern von West Ham) oder bei einem begeisterten Radfahrer dessen Lycra-Tenü. Manchmal handelt es sich sogar um die Arbeitskleidung. Immer verbreiteter ist aber offenbar vor allem die Unisex-Kombination, bestehend aus Jeans und Pullover.

Das als Nachlässigkeit zu interpretieren, als mangelnden Respekt den Toten gegenüber oder gar als Zeichen für den allgemeinen Sittenzerfall, wäre indes verkehrt. Es verhält sich genau andersrum.

Verstorbenen sollen es kuschlig haben

Im Vordergrund stehe der Wunsch der Angehörigen, dass es die Verstorbenen «bequem» und auf eine gewisse Weise «kuschlig» hätten, erklärte die Sprecherin eines der grössten Londoner Bestattungsunternehmen im «Guardian». Rolf Steinmann, Chef des Bestattungs- und Friedhofamts der Stadt Zürich, stellt diese Trendwende auch hierzulande fest.

Früher hätten sich fast alle Zürcherinnen und Zürcher in einem schlichten weissen Bestattungshemd beerdigen lassen. Es wird, zusammen mit einem einfachen Holzsarg, gratis zur Verfügung gestellt, denn diese Dienstleitung wird über die Steuern finanziert. Heute betrage die Quote derer, die das weisse Hemd in Anspruch nähmen, noch rund 50 Prozent, so Steinmann. Beliebter sei «private Kleidung», wie das in der Fachsprache heisst (auf der Webseite der Stadt kann in einem Bestattungswunschformular hinterlegt werden, ob man «private Kleidung» vorziehe).

Mit Ausnahme der Südländer, bei denen immer noch die eher pompösere Ausstaffierung dominiere, entschieden sich die meisten davon für etwas Zurückhaltendes oder etwas, das dem Leben und der Persönlichkeit des Verstorbenen entspreche. So gebe es Töfffahrer, die in ihrer Ledermontur bestattet würden, und ja: Fussballfans, die ihre letzte Reise in einem FCZ-Shirt angetreten hätten, seien ebenfalls schon vorgekommen.

Die Wahl der Kleider spiele beim Abschied eine grosse Rolle, erklären auch Doris Hochstrasser und Karin Koch vom Bestattungsinstitut Koch in Wohlen AG. Die beiden Schwestern, Protagonistinnen des 2015 im Wörterseh-Verlag erschienen Buches «Die Bestatterinnen – Gestorben wird immer», bestätigen, dass die ­Abkehr von der formellen Gar­derobe seit Jahren gang und gäbe sei: «Das klassische Totenhemd verwenden wir kaum noch, weil es nur noch selten gewünscht wird.»

Sofern die Verstorbenen das nicht vorgängig selbst festlegten –wie etwa jene Frau, die bestimmte, im Hochzeitskleid bestattet zu werden –, hätten die Angehörigen zunehmend das Bedürfnis, ihre Lieben nicht mit einer «offiziellen» Ausstattung, sondern sehr persönlich einzukleiden: Da waren schon eine Tracht, die Jagduniform oder die Gartenkleidung darunter.

Tracht, Jagduniform, Gartenkleidung

Und gerade bei Menschen, die lange krank gewesen seien, entscheide man sich oft für den Trainer: «Man will den Verstorbenen nicht zumuten, etwas zu tragen, das sie einengen oder zwicken könnte. Es soll ihnen wohl sein.» Deshalb, so Hochstrasser, rate sie beispielsweise davon ab, Männern, die Krawatten nie gemocht hätten, ausgerechnet in diesem Moment eine solche umzubinden.

Denn genau in ebendiesem Moment ist die sorgfältige Wahl von Kleidern mitnichten oberflächlich oder eine zu vernachlässigende Nebensache, sondern nichts weniger als ein letzter Liebesdienst.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 29.09.2017, 13:48 Uhr

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