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Bitte nicht eincremen!

Wer sich vor dem Baden ordentlich einschmiert, vermeidet Sonnenbrand. Nur: Er gefährdet auch das Leben im Wasser. Es gibt da allerdings eine ungewöhnliche Alternative.

Taucher als schwimmende Zeitbomben: Die Inhaltsstoffe von Sonnencremen und wasserfesten Lotionen sind eine zunehmende Gefahr für die Unterwasserwelt. Foto: Nature Picture Library/Getty Images
Taucher als schwimmende Zeitbomben: Die Inhaltsstoffe von Sonnencremen und wasserfesten Lotionen sind eine zunehmende Gefahr für die Unterwasserwelt. Foto: Nature Picture Library/Getty Images

Das Schöne am Schnorcheln ist, dass man dafür vermeintlich wenig braucht. Brille, Schnorchel, Flossen – und wasserfeste Sonnenmilch. Sonnenbrände sind schliesslich von gestern, und im Wasser ist die Strahlung besonders gefährlich. Doch wer sich ausreichend informiert oder in den Ferien einen Schnorchelausflug mit dem Boot bucht, wird hoffentlich die folgende Ansage zu lesen oder hören bekommen: «Bitte cremt euch nicht ein. Die Inhaltsstoffe von Sonnencremen töten das Riff. Auch auf wasserfeste Lotionen ist zu verzichten.»

Tatsächlich landen nach Angaben der amerikanischen Meeresbehörde NOAA bis zu 6000 Tonnen Sonnenschutzmittel weltweit auf den hochsensiblen Ökosystemen der Korallenriffe. Und erst vor wenigen Tagen hat die Stiftung Warentest für das Versprechen «wasserfest» in ihrer alljährlichen Bewertung von Sonnencremen erstmals Punkte abgezogen – weil die Lotionen sich auch dann noch so nennen dürfen, wenn sie nach zweimal 20 Minuten in Pool oder Meer zur Hälfte im Wasser umhertreiben und dann nicht mehr vor der Strahlung schützen. Dass der abgespülte Schutz vor allem zum Problem für die Umwelt wird, sickert jedoch nur sehr langsam ins Bewusstsein der Konsumenten und Konsumentenschützer durch.

Synthetische UV-Filter verheerend für Nesseltiere

Zumal die Aufforderung, aufs Cremen zu verzichten, so ziemlich allem widerspricht, was sonnendurstige Urlauber normalerweise gesagt bekommen. Wer heute noch einen Strand betritt geschweige denn ins Wasser springt, ohne sich vorher sattsam einzuschmieren, der gilt als lebensmüde. Denn UV-Licht verursacht Hautkrebs. Bei der toxikologischen Bewertung der Cremen geht es deshalb in erster Linie um das Potenzial der Inhaltsstoffe, vor der krebserregenden Strahlung zu schützen und möglichst keine unerwünschten Nebeneffekte auf der Haut der Konsumenten zu erzeugen.

So war es auch im Fall von Benzophenon-3, auch Oxybenzon genannt, das zwar nach wie vor zugelassen ist, wegen seiner mutmasslich hormonähnlichen Wirkung aber aus vielen Cremen schon verschwunden ist. Zumindest in Europa ist das so, zum Glück für die hiesigen Korallen, denn Benzophenon-3 wirkt sich verheerend auf die sensiblen Nesseltiere aus. Andernorts versuchen die Behörden jedoch erst jetzt, etwas gegen die Verwendung entsprechend veralteter Sonnenschutzmittel zu unternehmen. In Hawaii wurde jüngst ein Antrag zum Verbot von Benzophenon-3-haltigen Lotionen gestellt.

Mit anderen synthetischen Inhaltsstoffen, die als Sonnenschutz erst auf der Haut und dann im Wasser landen, sind Meeresökologen aber kaum glücklicher. Im Mittelpunkt der Kritik steht Octocrylen, ein Stoff, der in vier von fünf europäischen Sonnenschutzprodukten enthalten ist und Benzophenon-3 als wichtigsten synthetischen UV-Filter in Kosmetika abgelöst hat. Dabei ist der Stoff noch nicht abschliessend im Rahmen der europäischen Chemikalienverordnung Reach bewertet worden.

Tauchen mit Lycrashirt und langer Neoprenhose

Als ökologisch heikel gilt Octocrylen vor allem deshalb, weil der wasserunlösliche Stoff nur schwer abgebaut wird und sich deshalb in Organismen und an Oberflächen anreichern kann. Wie italienische Ökologen von der Universität in Bologna erst kürzlich zeigten, erreicht Octocrylen in der Adria mittlerweile Spitzenwerte: Kein synthetischer Sonnenschutz wird dort so häufig im Meeresboden gefunden wie dieser. Zugleich steht die Substanz unter Verdacht, sich auf das Wachstum von Meeresorganismen auszuwirken.

Da bleibt eigentlich nur noch der Griff zu Ökosonnencremen, die keine chemischen UV-Filter enthalten, sondern ausschliesslich physikalische Filter verwenden; insbesondere Titandioxid soll die schädliche Strahlung abblocken. Der weisse Stoff wird sehr vielfältig in Konsumprodukten eingesetzt, er galt lange als unbedenklich, zumindest für den Menschen. 2012 allerdings stellte sich heraus, dass Wasserflöhe an den Nanopartikeln sterben können. Die winzigen Tierchen gelten als Gradmesser für Umweltgefahren.

Was daraus folgt, ist bislang ­unklar. Umfassendere Studien zur Umwelttoxizität von Titandioxid und anderen, häufig genutzten kosmetischen Inhaltsstoffen sind noch immer spärlich gesät. Das liegt nicht zuletzt an der Vielzahl von Substanzen, die in Körperpflegemitteln eingesetzt werden. Die Zahl der synthetischen UV-Filter erweitert sich zudem stetig. Neben dem inzwischen ausgemusterten Benzophenon-3 und dem aktuell verbreiteten Octocrylen verwenden manche Hersteller bereits Bemotrizinol, einen Stoff, der zumindest beim Menschen als unschädlich gilt. Über die Wirkung auf Meeresbewohner allerdings liegen bislang ebenfalls keine umfassenden Studien vor.

Als zuverlässig umweltfreundlich lässt sich deshalb wohl kaum ein Sonnenschutzmittel bezeichnen. Was aber tun, wenn man in den Ferien doch einmal ins Wasser gehen und zum Beispiel schnorcheln möchte? Die Leiterin des Schnorchelausflugs macht es vor. Kurz vor dem Ablegen des Bootes erscheint sie mit einem langärmligen Lycra­shirt und langer Neoprenhose bekleidet. Das sieht zwar nicht gerade aus wie im Ferienprospekt. Man wird in einer solchen Verhüllung nicht einmal braun. Aber wer das Meer liebt, zieht sich besser anständig an.

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