Bleibt Pädophilie unentdeckt, steigt die Gefahr von Übergriffen

Bereits als Teenager zeichnet sich die sexuelle Neigung ab. Auch bei Thomas N. war es so. Schulen und Vereine bestellten letztes Jahr über 40'000 Registerauszüge.

Thomas N. dachte erst, homosexuell zu sein. Dann merkte er aber, dass er auf vorpubertierende Buben steht. Zeichnung: Sibylle Heusser (Keystone)

Thomas N. dachte erst, homosexuell zu sein. Dann merkte er aber, dass er auf vorpubertierende Buben steht. Zeichnung: Sibylle Heusser (Keystone)

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Der Beschuldigte windet sich um eine Antwort. Erst auf Nachfrage sagt er: «Ich bin pädophil.» Seine sexuelle Orientierung hielt der Vierfachmörder Thomas N., 34, bis zuletzt geheim. Hilfe holte er keine. Aus «Angst und Scham», wie er diese Woche vor Gericht gestand.

Monika Egli-Alge, Leiterin des Forensischen Instituts Ostschweiz (Forio), arbeitet mit Pädophilen und kennt dieses Verhalten. Sie sagt: «Sich einzugestehen, dass einen kindliche Körper erregen, löst tiefe Schamgefühle aus.» Daher würden sich die wenigsten jemandem anvertrauen. Die Psychologin geht davon aus, dass ein Prozent der Bevölkerung pädosexuell ist – fast ausschliesslich Männer.

Ihrer Neigung werden sie sich bereits als Teenager bewusst. Das zeigt eine noch laufende Untersuchung des Forio in Zusammenarbeit mit dem Institut für Sexualwissenschaft der Charité Berlin. Gemäss ersten Ergebnissen sind Betroffene zwischen 15 und 17 Jahre alt, wenn sie es realisieren. «Während sie langsam erwachsen werden, bleibt ihre sexuelle Präferenz beim Kinderkörper haften», sagt Egli-Alge.

Pädophilie ist nicht heilbar, aber behandelbar

Auch bei Thomas N. war es so. Erst dachte er, homosexuell zu sein. Am Ende der Schulzeit merkte er aber, dass er auf vorpubertierende Buben steht. Er flüchtete sich in sexuelle Fantasien. Stellte sich vor, dass ein Knabe von daheim ausreisst und bei ihm Schutz sucht. Doch es blieb nicht dabei. Kaum aufgestanden, schaltete er den Computer an und schaute sich Kinderpornos an. Tat er es nicht, verspürte er eine «Rastlosigkeit». Er war süchtig danach.

Zwar plagten Thomas N. Schuldgefühle, aufhören konnte er dennoch nicht. Egli-Alge sagt, das sei typisch – sie will darum Betroffenen Mut machen, Hilfe zu holen. «Pädophilie ist nicht heilbar, aber behandelbar.» Über 130 Männer waren in den vergangenen Jahren bei ihr am Forio in Therapie. Mit Erfolg. Rückfälle sind keine bekannt. Ihre Patienten haben gelernt, damit umzugehen, sich im Griff zu haben. Will heissen: keine Kinderpornos, keine Übergriffe. Nur das Kopfkino.

«Dass man die Sexualität, die einem entsprechen würde, nicht leben darf, ist aber enorm schwierig», sagt Egli-Alge. Eine Bewältigungsstrategie könne daher sein, dass jemand lerne, sich durch Masturbation zu befriedigen. Unterstützend erhalten die Männer teilweise auch Medikamente. «Insbesondere Antidepressiva verringern die sexuelle Lust und den Trieb.» Allerdings sagt die Psychologin auch: Etwa 10 Prozent der Klienten sind nicht therapierbar. Weil sie nicht können oder wollen.

Test könnte Justizsystem revolutionieren

Derzeit läuft in Berlin ein Pilotprojekt zur Früherkennung. Die Charité hat einen anonymen Chat eingerichtet und bewirbt diesen auf sozialen Netzwerken, um junge Betroffene zu erreichen. «So etwas wäre auch in der Schweiz wichtig», sagt Egli-Alge. Und nimmt die Schulen in die Pflicht. «Es sollte zur Aufklärung gehören, dass man nicht nur hetero-, homo- oder bisexuell sein kann, sondern eben auch pädophil.»

Die Schwierigkeit besteht darin, Pädophile als solche zu erkennen. Marc Graf, Klinikdirektor der Forensisch-Psychiatrischen Klinik Basel, hat mit seinem Team zur Diagnose neuropsychologische Tests entwickelt. Damit lassen sich präzisere Aussagen machen, ob ein Straftäter eine Störung der Sexualpräferenz, wie Pädophilie, hat und ob er ein Übergriffsrisiko darstellt.

Bis anhin hatten sich Psychiater für ihre Gutachten vornehmlich auf die Aussagen der Täter sowie die Akten des Verfahrens verlassen müssen. Das ändert sich nun. Seit Jahresbeginn findet die klinische Anwendung statt. «Ziel ist es, dass diese Testverfahren in die bisherige Beurteilung einfliessen und schweizweit eingesetzt werden können», sagt Graf.

«Oft waren die Täter als Kind selbst Opfer.»Josef Sachs, Gerichtspsychiater

Die Pädophilie von Thomas N. blieb bis zu jenem Tag kurz vor Weihnachten 2015 unentdeckt. Obwohl er im Internet über 1000 kinderpornografische Videos und über 10'000 entsprechende Fotos heruntergeladen hatte.

Gerichtspsychiater Josef Sachs, der den Täter begutachtet hatte, will sich zum konkreten Fall nicht äussern. Er hält aber fest: «Pornos können ein Risikofaktor sein.» Nicht jeder, der sie konsumiere, werde zum Sexualtäter. «Aber jene, die grundsätzlich zu Gewalt neigen, gelangen durch Pornos in einen angeregten Zustand und bauen Hemmungen ab. Einige so weit, dass sie irgendwann selbst zur Tat schreiten», sagt Sachs. Ein weiterer Risikofaktor seien selbst erlebte Übergriffe. «Gerade bei der Pädophilie ist es oft so, dass die Täter als Kind selbst Opfer waren.»

Dirk Baier, Leiter des Instituts für Delinquenz und Kriminalprävention an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, hat das Phänomen kürzlich in Deutschland untersucht. Insgesamt wurden 10'000 Jugendliche befragt. «Jungen, die in ihrem Leben keine sexuelle Gewalt erleben mussten, waren im letzten Jahr nur zu 0,7 Prozent Täter solcher Delikte.» Bei Jungen, die selbst schon Opfer waren, betrug die Quote 15,8 Prozent. «Das Risiko sexueller Gewaltdelinquenz steigt also um ungefähr das 20-Fache an, wenn in der Vergangenheit sexuelle Gewalterfahrungen gemacht wurden», sagt Baier. «Ich denke, dass die Zusammenhänge in der Schweiz sehr ähnlich sind.»

Interesse am Sonderprivatauszug steigt

Ein Opfer soll auch Thomas N. sein. Gegenüber einem Gutachter deutete er an, als Kind sexuellen Missbrauch durch einen Abwart erlebt zu haben. Die Schilderung blieb jedoch vage. Es könnte sich um eine Schutzbehauptung handeln, der Täter ist intelligent und ein manipulativer Lügner.

In Zukunft soll er niemanden mehr täuschen. Mit der Verurteilung erhielt er automatisch einen Eintrag im Sonderprivatauszug. Im Gegensatz zum Strafregisterauszug gibt dieser Auskunft über Berufs-, Tätigkeits- oder Kontaktverbote mit Minderjährigen. Das Interesse am Papier steigt. Beim Bundesamt für Justiz gingen allein im letzten Jahr 40 194 Bestellungen ein, wie es auf Anfrage heisst. Zwei Jahre zuvor verschickte man erst 17'639 Sonderprivatauszüge.

Hinter den Bestellungen stehen meist Arbeitgeber, von Schulen bis zu Krippen, aber auch Vereine wie Sportclubs oder die Pfadi. Sie können das Papier von Bewerbern verlangen und so überprüfen, ob diese vorbelastet sind. Marion Heidelberger, Vizepräsidentin des Lehrerinnen- und Lehrerverbands Schweiz, begrüsst diese Entwicklung. Im Kanton Zürich ist bei jeder Neuanstellung einer Lehrperson dieser Sonderprivatauszug Pflicht. «Der Anstieg zeigt, dass offenbar immer mehr Kantone nachziehen und ihn ebenfalls einfordern», sagt Heidelberger. Sie hofft, dass die in der Schule gelebte Nulltoleranz auch in privaten Organisationen je länger, je mehr durchgesetzt wird.

Fest steht: Nach dem Fall Rupperswil dürfte die Nachfrage weiter steigen. Thomas N. war jahrelang als Fussballtrainer für Jugendliche zuständig. Auch dann noch, als er schon längst wusste, dass er eine pädophile Neigung hat.

Aus Rücksichtnahme auf die Opfer und ihre Angehörigen in diesem Fall hat sich die Redaktion dazu entschlossen, unter diesem Artikel keine Kommentare zuzulassen. Wir bitten um Ihr Verständnis. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 17.03.2018, 20:57 Uhr

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