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Blondes Ungeheuer

Boris Johnson wird als Premierministe schwer zu schlagen sein, schreibt Markus Somm.

Könnte gemäss Markus Somm gute Chancen haben, den Brexit durchzuboxen: Boris Johnson auf einer Aufnahme von 2014. Foto: AFP
Könnte gemäss Markus Somm gute Chancen haben, den Brexit durchzuboxen: Boris Johnson auf einer Aufnahme von 2014. Foto: AFP

Kaum hatte sich der müde, traurige Mann gesetzt, dessen Sorgenfalten heute noch tiefer schienen und dessen Bart noch grauer wirkte – er heisst Jeremy Corbyn und führt die Labour Party –, sprang auf der anderen Seite des Tischs ein blondes Ungeheuer auf, Energie strömte, Feuer flammte auf, Dampf, Rauch, Schwefel stiegen in die Luft: Selten hat ein Premierminister das britische Unterhaus so rasch für sich erobert wie Boris Johnson, der neue Chef des Vereinigten Königreichs von Grossbritannien und Nordirland. Noch am Vortag hatte er 17 Minister entlassen, was ein Rekord darstellte, sodass man davon ausging, dass der bei der Linken ohnehin verhasste Mann selbst in der eigenen Partei, den Konservativen, durchfallen würde. War sein erster Auftritt als Premier, der am Donnerstag anstand, nicht dem Untergang geweiht? 17 gedemütigte, grimmige Ex-Minister, die nach wie vor im Parlament sitzen, verfügen über viele Freunde in den eigenen Reihen, die alle nun zu Feinden von Boris geworden waren. Der Untergang fand nicht statt.

Stattdessen erlebten sie, was für einen gewaltigen Unterschied eine einzige Personalie machen kann. Boris Johnson steht vor einer Aufgabe, die objektiv nicht einfacher geworden ist als für seine Vorgängerin, die glücklose Theresa May – und doch spürten die meisten, dass von nun an alles anders sein würde. In London herrschen ein Mann und eine Regierung, die mit einer Entschlossenheit auf das Ende der britischen Mitgliedschaft in der EU hinarbeiten, wie man sich das auf dem Kontinent lange nicht hatte ausmalen können. Zu viele britische Diplomaten und Politiker, die selber den Brexit ablehnten, hatten ihre europäischen Kollegen in der Illusion bestärkt, es handelte sich beim Volksentscheid von 2016 nur um einen bösen Traum. Ich frage mich, wie viele Funktionäre in Brüssel je damit gerechnet haben, dass der Brexit umgesetzt wird. Bis zum Donnerstag dürfte es nicht allzu viele von dieser Sorte gegeben haben. Inzwischen ist die Zahl der Realisten am Steigen. Panik kommt in Europa auf.

Denn Johnson mag ein charismatischer, spektakulärer Redner sein, doch er beliess es eben nicht bloss bei Worten, sondern schritt auch zur Tat: Sein neues Kabinett lässt keinen Zweifel offen, wer Herr im Haus ist und wohin es gehen soll. Es braucht Mut, 17 Minister abzusetzen, die mehrheitlich gegen den Brexit waren, und sie mit Loyalisten zu ersetzen. Was heisst Loyalisten? Die meisten neuen Minister sind seit langem für den Brexit eingestanden. Es sind Überzeugungstäter, und sie dürften sich trotzdem als fähig erweisen, weil sie schon immer Tories waren, also Mitglieder einer der ältesten und machterprobtesten Parteien der Welt – das sind keine Aussenseiter und Spinner, sondern Karrieristen und Rebellen zugleich. Im Gegensatz zu manchen Herausforderern des Status quo kann sich Johnson auf eine Elite stützen, die sich gewohnt ist, zu herrschen. Diese Regierung ist handlungsfähig vom ersten Tag an, handlungsfähiger auch als die alte, in der Brexit-Gegner und Brexit-Befürworter Katz und Maus spielten.

Zwei Drittel des Parlaments sind skeptisch, ob ein Brexit gut kommt, eine noch höhere Zahl fürchtet einen Austritt ohne Vertrag. Deshalb glauben manche Beobachter, dass Johnson an diesem Parlament genauso scheitern wird wie May zuvor. Je nach Standpunkt wird er verspottet und verdammt, besonders von deutschen Journalisten, die sich überwiegend, so scheint es, immer noch nicht mit dem Brexit abgefunden haben. Womit sie nicht rechnen, ist das Geheimnis der Politik. Viele Experten denken inzwischen wie die typischen Politiker unserer Zeit, die eigentlich keine Politiker sind, sondern überforderte Technokraten. Sie glauben nicht mehr an den Wert des besseren Arguments, und sie können sich nicht vorstellen, dass man Mehrheiten ­gewinnen kann kraft des eigenen Charismas. Sie halten die Verteidigung des Status quo für die einzige Lösung von Problemen, die nur der Status quo geschaffen hat.

Wer Johnson im Parlament gesehen hat, ahnt, dass ­dieser Mann Neuwahlen anstrebt – eher heute als morgen. Sein Kabinett, das er kompromisslos zusammengestellt hat, deutet das an, und das Selbstvertrauen, das er zeigt, wenn er redet. Dieser Mann will eine eigene Mehrheit erringen, die den Brexit mitträgt, und er weiss, dass allein er das kann: Tritt er so vor den Wähler – mit dieser Energie, mit diesem Optimismus –, ist er schwer zu schlagen. Das dürfte auch Corbyn bemerkt haben, bevor er zu Asche zerfiel, als hätte ihn ein Blitz getroffen.

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