Bonjour Cannes!

Glamour, Politik, Streitereien – Matthias Lerf bricht eine Lanze für das grössten Filmfestival der Welt, das auch 2018 wieder das Mass aller Dinge sein wird.

Die Stars des Thrillers «Todos lo saben»: Ricardo Darin, Penélope Cruz, Regisseur Asghar Farhadi und Javier Bardem (v. l.). Foto: Reuters

Die Stars des Thrillers «Todos lo saben»: Ricardo Darin, Penélope Cruz, Regisseur Asghar Farhadi und Javier Bardem (v. l.). Foto: Reuters

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Cannes, Auffahrt, auf dem roten Teppich die Stufen rauf zum Festival-Palais. Seit zwanzig Jahren mache ich das, Jahr für Jahr. Aber nein, nicht abends mit den Stars, sondern vor acht am Morgen. Um 8.30 Uhr startet der Film für die Presse, für gute Plätze muss man früher da sein. Ein letzter Türsteher kontrolliert, ob man den richtigen Eingang gewählt hat. Manchmal wird man da angeschnauzt, häufig ignoriert. Aber dieser Mann heute lächelt. Und sagt beim Vorbeilaufen: «Bonjour Matthias.»

«Bonjour», gebe ich ein wenig verdattert zurück. Kennt der mich wirklich, vielleicht vom letzten Jahr? Sind wir alle eine grosse ­Familie? Es bleibt keine Zeit zum Nachdenken. Drinnen, im Kino, muss ich noch ein Interview vorbereiten, gleich nach der Vorführung habe ich einen Termin mit ­Javier Bardem. Wie lange ist der schon mit Penélope Cruz verheiratet? (Acht Jahre.) Haben sie Kinder? (Ja, zwei.) Dann beginnt der Wettbewerbsfilm «Leto», eine wehmütige Schwarzweissgeschichte über Leningrader Rockmusiker in der Ära von Breschnew. Ich bin – «Bonjour!» – blendend gelaunt und finde den Film wunderbar. Kurz nach dem Ende lese ich die ersten Verrisse auf dem Telefonbildschirm: «Zu nostalgisch», «zu wenig politisch».

Trailer «Leto». Video: Youtube

Das ist Cannes. Jubeln. Verreissen. Feststellen, dass die Filme im Vorjahr viel besser waren. Um dann am Ende des Jahres, wenn die Bestenlisten gemacht werden, doch festzustellen, dass die ersten Plätze von Cannes-Filmen eingenommen werden. Das hier ist die Weltmeisterschaft des Kinos. In Cannes kommt aus, was übers Jahr laufen wird.

Nun gut. Dieses Jahr findet die WM, um im Bild zu bleiben, ohne Italien statt (soll ja vorkommen). Und vielleicht sogar ohne Brasilien.

Gespräche über den Iran

Netflix hat Filme zurückgezogen, weil die Forderungen des Streamingdienstes – sofort weltweit auf die Plattform mit den Filmen! – nicht mit denen der Gralshüter der französischen Kinos – jeder Wettbewerbsfilm muss zuerst auf eine Leinwand! – zu vereinbaren waren. Und Hollywood hat ein paar Knüller zurückbehalten, weil die Studios diese lieber im Herbst starten, wenn die Oscars näher rücken. Aber solche Konflikte sind normal. Kein Grund zur Aufregung. Und im nächsten Jahr ist sowieso ­wieder alles anders.

Auffahrt, kurz vor Mittag, auf dem Dach eines Croisette-Hotels. Interviewpartner Javier Bardem ist noch nicht da, Zeit um mit Regisseur Asghar Farhadi zu sprechen. Der iranische Oscargewinner («A Separation») hat in Spanien gedreht, einen Thriller auf dem Land. Das Gespräch dazu darf ich erst zum Filmstart irgendwann in der zweiten Jahreshälfte veröffentlichen. Aber natürlich dreht sich das Interview ebenfalls um die Kündigung des Iran-Atomabkommens durch Donald Trump, und Farhadis Aussagen dazu werden dann längst veraltet sein: «Wie kann man einem internationalen Abkommen noch trauen, wenn es einseitig aufgelöst werden kann?», fragt der Regisseur. Und: «Noch dazu vom einzigen Land, das die Atombombe je eingesetzt hat.»

Trailer «Todos lo saben». Video: Youtube

Das ist jetzt mehr als lockeres Geplauder. Der Mann macht sich echt Sorgen und kann diese mit einem Schlag Journalisten aus aller Welt mitteilen.

Farhadi, der im Iran immer noch ohne grosse Hindernisse ein- und ausreisen darf, legt sich ausserdem für seinen Landsmann Jafar Panahi ins Zeug, dessen Film an diesem Wochenende läuft und der nicht in Cannes sein darf, weil er unter Hausarrest steht. Genauso wie der russische Regisseur Kirill Serebrennikow, der den erwähnten Leningrader Rock-’n’-Roll-Film ­gedreht hat. Und dessen Name ­wenigstens vom Filmteam auf einem Transparent auf dem roten Teppich mitgetragen wurde.

Alles nur Show? Nicht nur. Jetzt ist auch Javier Bardem aufgetaucht. Er kennt vieles, vom kleinen spanischen Arthousefilm bis zur grossen Kinowelt von James Bond, dessen Gegenspieler er in «Skyfall» war. «Ich stehe auf dem roten Teppich, alle rufen meinen Namen und den meiner Frau, Javier, Penélope, Javier», erzählt er. «Ich will es allen Fotografen recht machen, wende mich ihnen zu, aber merke bald, dass das nicht geht. Dann bin ich wieder ein kleines Kind mit schlechtem Gewissen. Daran gewöhnt man sich nie.» Wie endet es? «Damit, dass mich Penélope galant wegzieht. Frauen sind in vielem weiser als Männer.»

Es menschelt in Cannes

Ja, Cannes 2018 ist das Festival der Frauen. Erneut sind zwar nur drei Filme von Regisseurinnen im Wettbewerb, aber sie werden für Aufmerksamkeit sorgen bei der Preisverleihung nächsten Samstag. Es gibt mehrere Aktionen auf dem roten Teppich, es gibt eine Jury aus mehr Frauen als Männern. Und wer sich fragt, wie man für Gleichheit kämpfen und doch jeden Abend auf dem roten Teppich posieren kann, bekommt von der alles überstrahlenden Präsidentin Cate Blanchett eine entwaffnende Antwort: «Attraktiv zu sein schliesst doch nicht aus, auch ­intelligent zu sein.»

Dieses Festival verbindet tatsächlich Äusserlichkeiten mit Intelligenz. Es menschelt zwar hier und dort. Aber das ist besser als unpersönliche Algorithmen. Genau an diesem Tag bekomme ich eine Pushmeldung von Netflix, die eine «Topauswahl» für mich ankündigt: Empfohlen wird mir die Serie «Fargo». Danke, habe ich längst gesehen.

Neuer Morgen, neuer Film. Gleicher roter Teppich, gleicher Türsteher. «Bonjour, Matthias». Jetzt frage ich ihn, ob wir uns kennen. Er lächelt. «Non Monsieur, aber Ihr Name steht auf dem Badge, den Sie tragen. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.» Ich ihm auch. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 11.05.2018, 16:17 Uhr

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