«Boris ist der intelligenteste Mensch, den ich kenne»

Daniel Hannan war Europa-Abgeordneter der Briten und hat für den Brexit gekämpft. Er verlässt die EU ohne Wehmut und ohne Zweifel

Einer der wichtigsten Berater von Boris Johnson: Daniel Hannan, 48. Foto: Image/PA Images

Einer der wichtigsten Berater von Boris Johnson: Daniel Hannan, 48. Foto: Image/PA Images

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Daniel Hannan hat noch nicht gepackt. Nachdem seine spanische Mitarbeiterin mich am Eingang des Europäischen Parlaments in Strassburg abgefangen und durch die langen, dunklen Gänge geführt hat, betrete ich sein helles, wenn auch bescheidenes Büro, nebenan sitzen weitere Assistenten, wohl genauso intelligente Leute wie die junge Spanierin, auch sie Studententypen aus aller Welt, sie plappern angeregt, schreiben ein bisschen, lachen, die Stimmung ist glänzend. Man möchte bleiben.

Hannans Laune scheint noch glänzender, was sicher auch damit zu tun hat, dass er nicht mehr lange hier ist. Vor gut 20 Jahren war er, ein euroskeptischer Tory, ins EU-Parlament gewählt worden. Nun verbringt er seine letzte Woche in Strassburg, da ich ihn besuche, bevor sein Land, Grossbritannien, am 31. Januar aus der EU austritt. Endlich, nach dreieineinhalb Jahren Streit, Chaos, Bitterkeit, Euphorie und Tränen.

Haben Sie vor einem Jahr noch daran geglaubt, dass es je dazu kommt? Es sah nicht danach aus, und doch war es immer klar für mich.

Warum ging es so lang? Warum dieses Chaos? Diese Kritik war immer etwas unverschämt: Jene Leute, die sich mit dem Ergebnis des Referendums partout nicht abfinden wollten, taten alles, um dessen Umsetzung zu hintertreiben. Sie erzeugten deshalb Chaos – um nachher mit dem Finger darauf zu zeigen: Seht dieses Chaos! Daran ist bloss der Brexit schuld. Dabei war es umgekehrt: Wir steckten im Chaos fest, weil wir keinen Brexit vollziehen konnten. Unser Land blieb all die drei Jahre Mitglied der EU.

In wenigen Tagen ist es vorbei. Was sagt das Gefühl? 20 Jahre sind eine lange Zeit – ganz gleich, wie man sich zur EU stellt, sodass es für mich ohnehin an der Zeit war, etwas Neues zu beginnen. Selbstverständlich kommt auch Wehmut auf: Wenn Sie so lange in einem Amt sind, findet auch Ihr ganzes Leben vor dem Hintergrund dieser Tätigkeit statt: Die ersten Schritte unserer Töchter erfolgten in Brüssel, ihre ersten Worte fielen im Kontext der EU. Aber ich gebe zu: Es erfüllt mich mit einer gewissen Erleichterung, Strassburg und Brüssel zu verlassen.

In Peru auf einer Farm ­aufgewachsen

Wie sollte es anders sein? Hannan gehörte seit je zu den ausdauerndsten Euroskeptikern seines Landes: 20 Jahre lang hat er für den Brexit gekämpft. Als wir uns vor Jahren in Zürich kennen lernten, war er einer der klügsten EU-Gegner, die ich bis zu diesem Zeitpunkt getroffen hatte, er war auch so anders als unsere Exemplare von der SVP zumeist: Hannan wirkt jung, elegant, seine Augen blitzen, wenn er mit einem spricht, er ist «engaging», wie das die Angelsachsen sagen würden: Man kommt kaum mehr von ihm los.

Manieren, Kleidung, Akzent, Hirn: alles tadellos, wie man es erwartet von einem Vertreter der englischen Oberklasse, doch Hannan ist in Peru als Sohn britischer Eltern auf einer Farm aufgewachsen. Er spricht fliessend Spanisch und Französisch. Sein Vater züchtete und verkaufte Hühner, wenn auch Abertausende. Herr des lateinamerikanischen Poulets. Obwohl in Lima geboren, erhielt Hannan seine schulische Ausbildung auf Internaten in England.

Boris Johnson bei der Unterzeichnung des Brexit-Vertrags am Freitag. Foto: Twitter

Er studierte in Oxford Geschichte, wo er schon Anfang der 1990er-Jahre auf sich aufmerksam machte: als Student, der die europäische Integration kritisch sah zu einer Zeit, da der EU eine grandiose Zukunft bevorzustehen schien. Es folgte die Ochsentour in konservativen Kreisen, ein Job in einem Thinktank hier, eine Stelle als Redenschreiber dort, schliesslich eine Position als Journalist beim «Telegraph», der grössten und wohl konservativsten Zeitung des Landes, bis er sich 1999 um einen Sitz im Europäischen Parlament bewarb.

Die Auftaktrede zu Hannans Wahlkampf hielt ein gewisser Boris Johnson. Man war sich beim «Telegraph» begegnet und bleibt befreundet bis heute. Man lud sich gegenseitig an die Hochzeiten ein, die im Falle von Boris etwas häufiger anfielen, man schreibt sich SMS, diskutiert und schmiedet Pläne, obwohl der eine inzwischen Premierminister ist.

«Wenn Widerspruch aufkommt, blüht Johnson erst auf»

Wäre es je zum Brexit gekommen ohne Boris Johnson? Wahrscheinlich nicht. Der Mann strahlt ein sagenhaftes Charisma aus. Er ist einer der intelligentesten Menschen, mit denen ich je zusammengearbeitet habe. Dabei meine ich nicht, dass er Gedichte auf Altgriechisch rezitieren kann, die er eben selber erfunden hat, das ist keine Legende, sondern er verfügt über ein phänomenales Gedächtnis, ist schlau, schlagfertig, belesen. Vor allem bringt er es fertig, genauso talentierte Leute dazu zu bewegen, für ihn zu arbeiten. Weil Boris, was seine intellektuellen Kapazitäten anbelangt, so überaus selbstbewusst ist, hat er keine Angst vor der Brillanz anderer. Das spüren Sie sofort. Wenn ich unsere aktuelle Regierung betrachte oder sein Team in Downing Street oder die Diplomaten, die jetzt für uns mit der EU verhandeln: Es sind die Besten seit langem. Manche von ihnen gaben exorbitante Saläre auf, um zu Boris zu kommen. Theresa May dagegen, seine Vorgängerin, war intellektuell stets etwas nervös. Unsicher. Deshalb umgab sie sich mit Leuten, die sie nie herausforderten, sondern bloss nickten bis zum bitteren Ende. Boris dagegen traut sich alles zu: Wenn Widerspruch aufkommt, blüht er erst auf.

Daniel Hannan, Boris Johnson, ­Michael Gove, der gegenwärtige Vize-Premierminister, und Dominic Cummings, jetzt Stabschef von Downing Street, gelten als die vier Köpfe der Brexit-Kampagne. Vier Musketiere, die sich blind verstanden, wenn sie ihre Gegner symbolisch verprügelten und verbal niederritten. Einer für alle, alle für einen. Dabei war die Arbeitsteilung perfekt: Johnson und Gove als Rampensäue, Hannan als Vordenker und Cummings als Machiavellist im Hintergrund, der Mann fürs Grobe und Gemeine – inzwischen ist er der bestgehasste Berater eines Premierministers aller Zeiten.

«Es ging uns blendend. Keine gute Voraussetzung»

Offensichtlich sprach sich nahezu das ganze britische Establishment gegen den Brexit aus, die Chefs der grossen Unternehmen, die Professoren, die Diplomaten, die Politiker, die Journalisten, die Bischöfe, wer auch immer: Warum? Wenn Sie das erste Mal nach Brüssel fahren als Vertreter des Establishments, sagen wir: Sie sind ein Diplomat. Dann kommen Sie bei der EU an und stellen bald fest: Das ist ein Gebilde, das von Leuten geschaffen wurde, wie Sie selber sind, und zwar für Leute wie Sie. Sodass Sie sich auf Anhieb wohlfühlen.

Wenn sich die Eliten dagegen wandten, warum ist der Brexit dennoch erfolgt? Eine gute Frage, zumal auch die konservativen Instinkte der meisten Menschen ein anderes Resultat hätten herbeiführen müssen. Nur wenn der Status quo schier unerträglich ist, sind wir bereit, etwas Neues zu versuchen. Das war nicht der Fall: Vor der Abstimmung über den Brexit erlebten wir sechs Jahre ununterbrochenes Wirtschaftswachstum. Es ging uns blendend. Keine gute Voraussetzung, um jemanden davon zu überzeugen, ein Risiko ein­zugehen.

Warum gelang es trotzdem? Tatsächlich fürch­tete ich während der Kampagne diese Frage am meisten: Sind die Dinge so schlimm, dass wir alles ändern müssen? Ich sagte dann ­Folgendes: Stellen Sie sich vor, wir sitzen in einem Bus, der sich rasch auf ein Ziel hinbewegt, wohin wir gar nicht fahren wollen. Niemand hat uns betrogen, sondern auf dem Schild vorn steht klar und deutlich die Destination der Reise: Vereinigte Staaten von Europa. Sie wollen keinesfalls dorthin, aber der Bus fährt immer schneller. Es ändert sich mit anderen Worten sowieso alles. Was ist nun der Status quo in einer solchen Situation? Wie bewahren Sie ihn? Indem Sie weiterrasen oder indem Sie aussteigen? Das hat die meisten überzeugt. Und wir stiegen aus.

Der Tee ist aufgebraucht, auch wenn die spanische Mitarbeiterin regelmässig neuen gebrüht hat. Hannan wird bald sein Büro in Strassburg räumen. Vermissen wird er es kaum, denn den Euroskeptikern, den «Rechtspopulisten», wie man sie hier pauschal nennt, ob aus Grossbritannien oder Deutschland, aus Spanien oder Italien, wurden sowieso stets die hässlichsten und kleinsten Räume zugewiesen.

Erstellt: 25.01.2020, 21:00 Uhr

Brexit: So geht es jetzt weiter

31. Januar – Der kommende Freitag ist «Brexit-Tag» in Grossbritannien. Nachts um 23 Uhr (Mitternacht MEZ) tritt das Vereinigte Königreich in aller Form aus der Europäischen Union aus. Von Samstag an wird London nicht mehr im Ministerrat der EU vertreten sein und keine Abgeordneten mehr ins Europa-Parlament entsenden. Es wird keinen Einfluss mehr auf die EU-Politik haben.

Das heisst aber nicht, dass sich im täglichen Leben der Briten schon etwas ändert. Denn bis Ende des Jahres ist eine Übergangsfrist vereinbart worden, in der Grossbritannien faktisch in Binnenmarkt und Zollunion der EU verbleibt. Auch den Europäischen Gerichtshof anerkennt London in dieser Zeit noch. Die Übergangsfrist soll den Briten und der EU die Chance geben, neue Handels- und sonstige Beziehungen in Augenschein zu nehmen. «Europäer» können weiter frei in Grossbritannien einreisen und sich dort ansiedeln, bis diese Frist am 31. Dezember verstrichen ist.

1. Februar – Beginn des Zeitraums, in dem beide Seiten über das künftige Verhältnis verhandeln sollen. In der Praxis werden erste Gespräche aber nicht vor März oder sogar ­April stattfinden. Zunächst müssen Verhandlungspositionen geklärt und veröffentlicht werden. Michel Barnier braucht ein neues Mandat. Parallel dazu kann London nach dem erfolgten Austritt Verhandlungen mit den USA und mit anderen Ländern aufnehmen.

30. Juni – Bis zu diesem Tag, also bis zur Jahresmitte, kann London vertragsgemäss eine ein- bis zweijährige Verlängerung der Übergangsfrist beantragen, wenn es sich mehr Verhandlungsspielraum verschaffen will. Boris Johnson hat seine Minister allerdings bereits gesetzlich dazu verpflichtet, dieses Angebot auszuschlagen.

31. Dezember – Ohne Verlängerung der Übergangsfrist ist dies der letzte Tag der engen britischen Vernetzung mit dem Kontinent. Sollte es den Briten bis dahin gelingen, einen Freihandelsvertrag mit der EU auszuhandeln, stünde ein vielleicht nicht allzu abrupter Abgang bevor. Da Johnsons Regierung sich von 2021 an aber von EU-Bestimmungen generell lösen will, um international eine eigene Handelspolitik zu verfolgen, droht erneut ein «harter Brexit» zum Jahresende. Höchstens «ein Skelett von einem Deal» liesse sich in der kurzen Zeit wohl aushandeln, glauben Experten – bestenfalls etwas zum Güterverkehr, zu den Fischereiquoten und vielleicht zur Zusammenarbeit in Sicherheitsfragen. Beunruhigt fragt sich etwa die Finanzwirtschaft in der City of London, was aus ihrer Verbindung zur EU werden soll. Käme es zu gar keiner Lösung, weil die Positionen zu weit auseinanderliegen, würde Grossbritannien von 2021 an auf die Regeln der Welthandelsorganisation zurückfallen. Dann gingen in Dover und Calais die Schranken runter, und beide Seiten stünden erneut vor einem beträchtlichen Chaos in jedem Bereich.

Unabhängig davon müssen im Lauf des Jahres in Westminster weitere Gesetze erlassen werden. Zum Beispiel ist ein neues Einwanderungsgesetz geplant, da die Personenfreizügigkeit 2021 enden wird. Und wie im Austrittsvertrag vereinbart, muss London in den nächsten Monaten gewisse interne Kontrollen zwischen Grossbritannien und Nordirland einrichten, damit Nordirland und die zur EU gehörende Republik Irland auch in Zukunft weiter freien Grenzverkehr haben können. Peter Nonnenmacher, London



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