So fährt sich die erste Elektro-Harley

Der Motorrad-Hersteller bringt mit der LiveWire sein erstes Elektrobike auf den Markt. Wir waren in den USA mit ihr unterwegs.

Ein Meilenstein: Das E-Bike, dessen Fahrdynamik und Design überzeugen, ist der Auftakt für Harley-Davidsons Elektro-Offensive. (pd)

Ein Meilenstein: Das E-Bike, dessen Fahrdynamik und Design überzeugen, ist der Auftakt für Harley-Davidsons Elektro-Offensive. (pd)

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«Portland ist die grösste Stadt in Oregon und liegt an den Flüssen Columbia und Willamette im Schatten des schneebedeckten Mount Hood. Es ist für seine Parks, Brücken und Radwege sowie für seine Umweltfreundlichkeit, Mikrobrauereien und Cafés bekannt. In der Stadt gibt es florierende Kunst-, Theater- und ­Musikszenen», schreibt Wikipedia. Das passt, ­haben sie sich wohl bei Harley-Davidson gedacht, als sie im Hauptsitz in Milwaukee nach einem Ort suchten, an dem die ­US-Kultmarke mit der LiveWire den Aufbruch ins Elektro-Zeitalter starten wollte. «Der innovative Charakter der Stadt widerspiegelt unser erstes Elektrobike perfekt», hiess es anlässlich der Fahrpräsentation für die internationalen Journalisten.

Fünf lange Jahre Entwicklungsarbeit und fünf Jahre begleitendes PR-Tamtam gingen diesen Testfahrten voraus. Doch schon nach wenigen Kilometern zeigte sich, für welche Käuferschaft Harley-Davidson sein erstes elektrisch angetriebenes Motorrad entwickelt hat: für eine urbane, finanziell gut aufgestellte. «Born to be Wild» war gestern. «Die LiveWire soll Technologie-Trendsetter, Konsumenten von Luxus-Brands und Menschen mit einem besonders hohen Anspruch an Design und Qualität begeistern», schreiben die Amerikaner.

Sportwagen werden leise abgehängt

Das passt auch zur Reichweite des Elektrobikes. Zwar kann die LiveWire theoretisch bis zu 250 Kilometer zurücklegen, doch die ­anspruchsvolle Topografie der Schweiz dürfte den Radius auf rund 150 Kilometer verkleinern. Was für Hardcore-Biker und ­Tourenfahrer wie ein Witz klingt, ­dürfte für die anvisierte Klientel allerdings locker genügen – einmal von zu Hause ins Büro und zurück, dann reichts im Normalfall auch noch für eine kurze Feierabend-Ausfahrt.

Und egal, ob in Fahrt, parkiert oder an der Steckdose – das Design des Stromers ist gelungen: Wie bei den kultigen 2-Zylinder-Aggregaten haben es die ­Ingenieure und Designer geschafft, den Elektromotor prominent in Szene zu setzen. Die Verarbeitungsqualität ist top. Alles andere ist Geschmackssache.

Sehr emotional und packend ist das Fahrgefühl auf der ­Landstrasse – wie bei Elektroautos begeistert die lineare Leistungsentfaltung des Elektromotors auch auf zwei ­Rädern. Vom ersten Meter an steht das volle Drehmoment von 116 Newtonmetern zur Verfügung. Das bedeutet ein Andante furioso: Gerade mal 3 Sekunden gibt die Motor Company für den Spurt aus dem Stand auf 96,5 km/h an. ­Damit lassen die E-Biker schon mal den einen oder anderen Sport­wagen quasi lautlos stehen. Zum Glück ist die ­Brembo-Bremsanlage jeder Herausforderung gewachsen. Ergänzt wird das ausgezeichnete Bremssystem von einem Bosch-Stabilisierungssystem, das neben einer Traktionskontrolle auch eine Wheelie-Kontrolle, ein ­Kurven-ABS und eine Hinterrad-Abhebeerkennung umfasst. Also auch hier kein Alteisen, vielmehr Next Level.

Bei Tesla gibt es keinen Anschluss

Das gilt auch für die Fahrdynamik, weil die LiveWire mit feinen japanischen Showa-Komponenten ausgerüstet ist und straff, präzise, agil und stabil gleitet. 45 Grad gibt Harley als Schräglagen-Maximum an, und es scheint, als würde die ­LiveWire – ein Novum bei Harley-Davidson – nach solchen Grenzwerten gieren. Doch mindestens so eindrucksvoll wie lustvolles Schnellfahren ist gemütliches Cruisen. Flüsterleise und vollkommen ruckfrei gleitet das 249 Kilogramm wiegende E-Bike mit jedem gewünschten Tempo voran. Stop-and-Go in der City wird ohne das ständige Kuppeln zum Vergnügen, und die sonst oft lästige Abwärme des Motors vor der roten Ampel gibts angenehmerweise auch nicht. Dafür jede Menge zum Spielen: Vier vorkonfigurierte Fahrmodi werden durch drei individuelle Modi ergänzt. Mal wird mehr, mal ­weniger Leistung freigegeben, mal mehr, mal weniger rekuperiert.

Die Zeiten der bollernden Zweizylinder sind zwar noch lange nicht vorbei, doch die Zukunft tönt anders. Darum hat man sich in Milwaukee auch viele Gedanken über eine markengerechte ­Soundkulisse gemacht. Das Ergebnis ist ein mit der Fahrgeschwindigkeit ansteigender, überraschend angenehmer (oder zumindest nicht störender) Pfeifton. Stärker ins Herz soll aber der künstliche Herzschlag treffen: Der setzt ein, wenn das Motorrad startbereit ist und sendet ein leichtes Pulsieren bis in das Gesäss des Fahrers. Vorausgesetzt, das Bike hat genügend Strom.

Das sollte im Normalfall kein Problem sein, denn das Wiederauf­laden des Akkus ist grundsätzlich einfach: Eine Kabelverbindung ­genügt. An der ­Haushaltssteckdose dauert es 12,5 Stunden, bis eine komplett entleerte Batterie wieder 100-prozentig fit ist, an einer Gleichstrom-Schnellladesäule nur eine Stunde. Aber sie muss erstens vorhanden und darf zweitens nicht belegt sein. Und drittens sollte sie möglichst nicht in einem unwirtlichen Industriegebiet oder an der Autobahn stehen, sondern an einem Ort, an dem die neue Generation von Harley-Davidson-Fahrern gern eine Pause macht. Zurzeit dürfte diese Kombination in der Schweiz nur bei den Tesla-Superchargern vorhanden sein – und dort gibts für die LiveWire keinen Anschluss.

Ab September auf Schweizer Strassen

Selbstverständlich beherrscht das 4,3 Zoll-TFT-Display des Zweirads die heute gängigen Spielarten der Konnektivität, integriert also Musik, Navigation und Telefonie. Die Anzeigen für den Zustand beziehungsweise die Belastung der 15,5kWh-Batterie sind umfassend, gut ablesbar und damit ­verständlich. Alles 24/7 abrufbar, auch auf dem Smartphone.

Bis die ersten LiveWires in die Schweiz kommen, dauert es nur noch ein paar Wochen. Denn schon ab September rollen die ersten E-Bikes in den zwei auffälligen Matt-Metallicfarben Orange Fuse und Yellow Fuse auf die Strasse. Natür­lich auch im unvermeidlichen Schwarz. Schwarzsehen dürften auch alle Harley-Fans, die nicht für das neue E-Zeitalter gespart haben, denn unter 36'500 Franken läuft bei der US-Kultmarke nichts. Noch nichts: Denn die LiveWire ist zwar ein weiterer Meilenstein in der fast 120-jährigen ­Geschichte der Marke, aber sie ist nur der Auftakt für die Elektro-Offensive aus Milwaukee.



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Erstellt: 27.07.2019, 18:31 Uhr

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Harley-Davidson LiveWire – Technische Daten

Motor: Flüssigkeitsgekühlter Permanent-Magnetmotor, 78 kW/106 PS bei 11'000 U/min, 116 Nm bei 0–5000 U/min; kein Getriebe, keine Kupplung; Riemen-Endantrieb
Batterie: Lithium-Ionen-Akku, Nenn-Kapazität 15,5 kWh, nutzbare Kapazität 13,5 kWh, Rekuperation im Schiebebetrieb. Ladedauer 1 Stunde von 0–100% mit Schnelllader, an der Haushaltssteckdose 12,5 Stunden
Fahrwerk: Leichtmetall-Gussrahmen; vorne USD-Telegabel ø 43 mm, voll einstellbar, Federweg 11,5 cm; Leichtmetall-Zweiarmschwinge, Zentralfederbein, voll einstellbar, Federweg 11,5 cm; Aluminiumguss-Räder, schlauchlose Reifen 120/70 ZR 17 (vorne) und 180/55 ZR 17 (hinten). 30 cm Doppelscheibenbremse vorne, 26 cm Einscheibenbremse hinten
Assistenzsysteme: Zweikreis-ABS mit Schräglagenfunktion, vier Fahrmodi (Road, Sport, Regen, Eco) plus 3 individuell konfigurierbare ­Fahrmodi, Traktionskontrolle, LED-Beleuchtung
Masse und Gewichte: Radstand 149 cm, Sitzhöhe 76/78 cm, Gewicht fahrfertig 249 kg, Zuladung 181 kg
Fahrleistungen: Spurt 0 bis 100 km/h in rund 3 Sekunden, Höchst­geschwindigkeit 177 km/h; Reichweite bis zu 250 km
Preis: ab 36'500 Franken
Garantien: 5 Jahre auf den Energiespeicher und 4 Jahre aufs Fahrzeug

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