Boykottiert die Fussball-WM!

Das Turnier soll zu Putins Festspielen werden. Da tun sich ganz neue Sanktionsmöglichkeiten gegen Russland auf.

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Fussballfans müssen jetzt stark sein. Diesen Sommer wird die Weltmeisterschaft in Russland vielleicht ohne Deutschland und England stattfinden. Das zumindest fordern zwei der grössten Zeitungen beider Länder, die «Bild» und die «Daily Mail». Anfangs fand ich die Idee Blödsinn, die politische Instrumentalisierung des Sports ein Sakrileg. Bei der Lektüre begann ich allerdings zu zweifeln – und mittlerweile glaube ich, dass selbst die neutralen Schweizer sich einen Boykott ernsthaft überlegen sollten.

Auslöser für die Forderung in Deutschland und England war das Giftgasattentat auf zwei Exil-Russen, mutmasslich in Auftrag gegeben durch die russische Regierung. Der Anschlag mit dem Nervengas Novichok war perfide; auch ein britischer Polizist schwebt in Lebensgefahr, und Hunderte Menschen hätten kontaminiert werden können.

Tatsächlich war es bloss der neueste Eintrag in Wladimir Putins Sündenregister: Er marschierte in die Ukraine ein – ein Krieg, der bisher über 10'000 Leben forderte, darunter die 298 Frauen, Männer und Kinder des Ferienfliegers MH17, der von russischen Streitkräften abgeschossen wurde. Er unterstützt in Syrien das mörderische Assad-Regime, das mit Brandbomben die eigene Bevölkerung massakriert und Giftgas gegen Kinder einsetzt.

«Auf Kritik ­reagiert Wladimir Putin mit Hohn und Spott.»

Auch im eigenen Land hält Putin von Menschenrechten wenig bis gar nichts: Er lässt unliebsame Politiker verhaften und Homosexuelle verfolgen, die Zahlen der getöteten Dissidenten und Journalisten erreichen laufend neue Höchststände.

Auf Kritik oder Sanktionen, und mögen sie noch so harsch sein, reagiert Putin mit Hohn und Spott. Höchste Zeit also, über neue Möglichkeiten nachzudenken. Und nichts würde Putin mehr schmerzen als ein Boykott der Fussball-WM. Die Vergabe an Russland – die im Übrigen kaum unter regulären Bedingungen stattgefunden hat – war sein grosser Triumph.

Das Turnier soll zu seinen Festspielen werden, bei denen er sich dem eigenen Volk als unangefochtener Führer und der versammelten Weltgemeinschaft als gefeierter Gastgeber präsentieren kann. Es wird genauso zu einer Propagandaveranstaltung werden, wie es 2014 bereits die Olympischen Spiele in Sotschi gewesen waren. Womit wir mittendrin wären im umstrittenen Thema der politischen Instrumentalisierung des Sports.

Es gibt Wichtigeres als Fussball

Vier Jahre nach Sotschi wissen wir, welch grosser Fehler diese Vergabe gewesen ist. Während seine Truppen die Krim besetzten, durfte sich Putin als Schirmherr eines völkerverbindenden Sportfests inszenieren. Seine Athleten liess er ein ausgeklügeltes, professionelles Dopingprogramm durchlaufen, etliche Ranglisten mussten später neu geschrieben werden, die traditionsreichen Spiele wurden zur Farce. Da können sich Sportler und Verbände noch lange gegen die Vereinnahmung durch die Politik wehren – sie ist zumindest bei Anlässen in Russland längst Tatsache. Wer sich gegen diese Verpolitisierung wehren will, dem bleibt nichts anderes übrig, als eben gerade nicht dort teilzunehmen.

Natürlich würden unter einem solchen Boykott auch Sportler und Fans leiden. Aber es gibt Wichtigeres als Fussball – Tausende Kriegstote in Syrien zum Beispiel. Ob Olympia 1936 in Berlin, die WM 1978 in Argentinien oder eben Sotschi: Im Nachhinein bedauerte man stets, grosse Sportanlässe an autoritäre Regimes vergeben zu haben. Wo die korrupten Funktionäre versagen, müssen die Sportler einspringen. Fussballer sind die Helden unserer Zeit. Wahre Helden wären jene, die diesen Sommer demonstrativ daheimblieben.

Erstellt: 17.03.2018, 20:06 Uhr

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