Bratwurst und Burka

Ein Wochenende voller Paradoxe.

Burka-Trägerinnen im Berner Oberland. Foto:PD

Burka-Trägerinnen im Berner Oberland. Foto:PD

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Das Leben steckt voller Paradoxen. Nirgends geht es zum Beispiel asozialer zu und her als in den sozialen Medien. Niemand toleriert in der Politik abweichende Meinungen weniger als die Toleranzverfechter. Und wer alles dafür tut, um in seinem Leben kein Bünzli zu sein, ist meist selbst der grösste. Wie der Kellner neulich in einem Zürcher Restaurant, der zwar einen ­furchtbar coolen Eindruck machte, uns aber um 22.03 Uhr ein Schälchen mit Oliven ver­weigerte – die Küche sei seit drei Minuten ­geschlossen.

Dass in Schweizer Restaurants die Bedienung zu unfreundlich und das Essen zu teuer sei, sagen hauptsächlich jene, die sich zu oft in Zürich bewegen. Als ich über den Nationalfeiertag ein verlängertes Wochenende im Berner Oberland verbrachte, erlebten wir das Gegenteil. Ob in der Pizzeria, der urchigen Wirtschaft, beim Chinesen oder der Bratwurst in der Touristenfalle: Das Essen war vorzüglich. Und die Bedienung ausnehmend freundlich – nicht anbiedernd, nicht klebrig, sondern heiter und zackig. Auch die ­Preise überraschten: Für die Kosten eines Menüs hätten wir in Zürich mit etwas Glück ein Schälchen Oliven bekommen.

Das einzig Paradoxe an der voralpinen Idylle waren die vielen Burkas auf den Strassen. Es ist beklemmend, in der Schweiz Dutzende von eingesperrten Frauen zu sehen, erst recht inmitten der sommerlichen Leichtigkeit und Fröhlichkeit. Im Hotel verschwanden die Burkaträgerinnen direkt nach der Ankunft ins Zimmer – während ihre Gatten die Bar aufsuchten und dem harten Alkohol zusprachen. Bei Männern wird das Einhalten von religiösen Vorschriften im Ausland offenbar flexibel ausgelegt.

«Vollständig verhüllt, versuchte sie, einen Teller ­Spaghetti zu essen»

Ich sass ihnen gegenüber und dachte an das Paradox, dass ausgerechnet die angeblich progressivsten Frauen diese Demütigung ihres Geschlechts am eifrigsten verteidigen. Dass Judith Butler, die Übermutter aller akademischen Feministinnen, das Tragen des weiblichen Stoffgefängnisses allen Ernstes als eine «Übung in Bescheidenheit und Stolz» rechtfertigt. Eine Übung – aber eher eine erniedrigende – war es tatsächlich, als am nächsten Tag eine vollständig verhüllte Frau am Tisch nebenan versuchte, einen Teller Spaghetti mit Tomatensauce zu essen.

Das Tessin ist da einen Schritt voraus. Seit dem Burkaverbot tragen arabische Touristinnen dort Kopftücher mit grossen Sonnen­brillen; sie müssen das Gelato nicht mehr ­mühsam unter dem Gesichtsschleier hindurchmanövrieren.

Dabei wäre das Städtchen Thun mindestens so schön wie Locarno, die vielen Restaurants direkt an der Aare erinnern sogar an Venedig. Auf dem Mühleplatz spielte Hank Shizzoe mit seiner Band ein grandioses Konzert, für das ­jeder so viel in die Kollekte bezahlen konnte, wie er mochte. Die Stimmung war so entspannt, wie es Zürich gerne wäre – aber meist nicht recht hinbekommt vor lauter angestrengter ­Coolness. Pech war bloss, dass meine Begleitung zwar gerne Romantik einfordert, auf dem Riesenrad aber nach wenigen Metern von ihrer Höhenangst übermannt wurde – und in eine völlig ­unromantische, total paradoxe Schreckstarre ­verfiel. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 05.08.2017, 23:07 Uhr

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