Nestlé hamstert Nespresso-Kapseln

Schweizer Unternehmen arbeiten an Notfallplänen für den Brexit: Migros-Industrie droht mit Verlagerung der Produktion, Roche zieht Personal ab.

Illustration: Philip Bürli

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Die Schweiz ist der fünftgrösste Kaffeeexporteur der Welt, dank Nespresso. Deren Kapseln werden ausschliesslich in der Schweiz hergestellt. Nestlé gibt keine Zahlen bekannt, doch die Exporte lassen sich an der Statistik der Eidgenössischen Zollverwaltung ablesen. Nach Grossbritannien etwa exportierte die Schweiz im November 411 Tonnen Kaffee im Wert von 12,6 Millionen Franken – ein Mengenanstieg um 38 Prozent gegenüber dem Vorjahr und so viel wie noch nie.

Der Rekord hat auch mit dem drohenden Brexit zu tun. Am 29. März sollen die Briten den EU-Binnenmarkt verlassen. Aber das Parlament lehnte am Dienstag das von Premierministerin Theresa May mit der EU ausgehandelte Abkommen klar ab.

Aufgestockte Lager gegen Lieferunterbrüche

Mit dem Aufbau von Lagern bereiten sich die Unternehmen auf den ­ungeordneten Austritt vor, den harten Brexit. Täglich werden fast 1 Million Kilo Waren aus der Schweiz nach Grossbritannien eingeführt. Die nach dem EU-Austritt nötige Zoll­abfertigung wird da zum Problem. Im Hafen von Dover dauert sie heute im Schnitt zwei Minuten. Brauche sie nur zwei Minuten mehr, gebe es Staus von 27 Kilometer Länge, warnt der Hafenbetreiber.

Unternehmen arbeiten an Notfallplänen, um mögliche Zölle, Verzögerungen oder Unterbrechungen der Lieferkette zu vermeiden. «Hamsterkäufe wie nach einer Sturmwarnung» beobachtete der Kreditversicherer Euler Hermes schon im vergangenen Oktober. Lagerflächen sind überall im Land knapp. «Ein No-Deal-Brexit könnte erhebliche Auswirkungen auf die Lebensmittel- und Getränkeindustrie haben und die Verfügbarkeit von Roh- und Fertigwaren beeinträchtigen», sagt Nestlé-Sprecher Michael Jennings. Nestlé sei darauf vorbereitet, mögliche Unterbrechungen für die Verbraucher auf ein Minimum zu reduzieren. Unter anderem mit aufgestockten Lagern.

Je nach Branche bereiten sich die Firmen unterschiedlich vor

Der Schaffhauser Industriekonzern Georg Fischer hat Massnahmen eingeleitet, um im Fall eines ungeordneten Brexit die Logistikkette aufrechtzuerhalten, und unter anderem die Lager erhöht. Der Baarer Bauchemiekonzern Sika rechnet mit zusätzlichen Kosten im Fall eines harten Brexit und einer erschwerten Beschaffung von Rohmaterialien.

Betroffen ist auch die Migros, deren Tochtergesellschaft Mibelle im englischen Bradford Körperpflege­produkte herstellt. Sie bereitet sich auf verschiedene Szenarien vor. Dabei geht es unter anderem um die Sicherstellung der Rohstoffverfügbarkeit oder die Möglichkeit einer raschen Verlagerung der Produktion auf Fabriken in der Schweiz oder in Frankreich. Die zusätzlichen Kosten eines harten Brexit könnten «je nach Szenario erheblich» sein.

Die wichtigste Warengruppe im Handel der Schweiz mit Grossbritannien sind Pharmaprodukte. Sie machten 2017 wertmässig 45 Prozent aller Schweizer Exporte aus. «Wir planen, schon vor dem 29. März erhöhte Lagerbestände über das gesamte Medi­kamentenportfolio von Novartis und ­Sandoz bereitzustellen», sagt Novartis-Sprecher Satoshi Sugimoto. Auch Roche versucht alle Risiken zu vermindern und sicherzustellen, dass Patienten in Grossbritannien und auf dem europäischen Festland weiterhin Zugang zu Medikamenten haben werden. Roche verlagert nun Aktivitäten im Bereich Arzneimittel­sicherheit von Grossbritannien nach Deutschland, wie das «Wall Street Journal» am Donnerstag berichtete. Der Grund: Inhaber von Medikamentenzulassungen, die von der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) vergeben werden, müssen ihren Sitz in der EU haben. Wegen des Brexit zieht die EMA von London in die Niederlande um.

Noch bleibt Zeit

Schweizer Unternehmen haben in Grossbritannien Direktinvestitionen von mehr als 54 Milliarden Franken aufgebaut und beschäftigen dort fast 100 000 Personen. Mit Aussagen über Personalverlagerungen im Zusammenhang mit dem Brexit sind die Firmen jedoch vorsichtig.

Für Schweizer Banken, Versicherungen und Beratungsunternehmen ist Grossbritannien einer der wichtigsten Exportmärkte überhaupt. Bei der Credit Suisse würden im Fall eines ungeregelten Austritts vor allem Madrid, Frankfurt und Luxemburg an Bedeutung gewinnen. London werde aber «in jedem Fall ein wichtiger Standort unserer globalen Präsenz bleiben», so die Bank. Die UBS geht davon aus, dass nur ein kleiner Teil der Mitarbeiter in London aufgrund des Brexit nach Frankfurt oder in andere EU-Orte übersiedeln werden.

Noch bleibt etwas Zeit für die Abwendung des harten Brexit. Die Finanzmärkte scheinen mit einer Verschiebung des Austrittsdatums zu rechnen. Nach dem Parlamentsentscheid vom Dienstag haben sich das britische Pfund und die Londoner Börse wieder stabilisiert. Die Unternehmen hoffen weiter auf das Beste, bereiten sich aber auf das Schlimmste vor.

Erstellt: 19.01.2019, 19:58 Uhr

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