Briten und Deutsche flüchten in den Schweizer Kunstmarkt

Das Geschäft mit Kunst wächst auf 1,2 Milliarden Dollar – Schweiz profitiert von Brexit und neuen Gesetzen.

Plattform für Big Business: Art Basel 2017, mit dem Werk 
«Ear Sofa; Nose Sconces with Flowers (in Stage Setting)» von John Baldessari. Foto: Keystone

Plattform für Big Business: Art Basel 2017, mit dem Werk «Ear Sofa; Nose Sconces with Flowers (in Stage Setting)» von John Baldessari. Foto: Keystone

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Wann kommt Brad Pitt? Die Frage beschäftigt nicht nur Fans des Schauspielers, sondern auch Kunstliebhaber, wenn die Art Basel diese Woche ihre Tore öffnet. Pitt taucht fast jedes Jahr an der Kunstausstellung auf und trägt zum Glamour des Anlasses bei. Die Reichen und Prominenten flanieren jeweils an den «Private Days» vor dem breiten Publikum durch die Hallen. Ein ideales Umfeld für Firmen, um mit dieser Klientel ins Geschäft zu kommen.

Kunst ist in der Schweiz Big Business. Im vergangenen Jahr lief es den Galerien, Händlern und Auktionshäusern in der Schweiz gut. «Der Umsatz im Schweizer Markt ist um über 15 Prozent auf etwas mehr als 1,2 Milliarden Dollar gewachsen und damit schneller als der weltweite Kunstmarkt», sagt Kulturökonomin Clare McAndrew. Sie gibt zusammen mit UBS und Art Basel eine jährliche Branchenstudie heraus. Das Geschäft mit Kunst ist volatil. In den Jahren davor kam es global unter Druck. Nun läuft es wieder rund, besonders im Hochpreissegment. Im November kam ein Gemälde von Leonardo da Vinci in New York für 450 Millionen Dollar unter den Hammer. Noch nie wurde so viel Geld für ein Kunstwerk bezahlt.

Kunst als Anlage

Dabei geht es nicht nur um die Freude am Kreativen. Die Werke dienen den Käufern auch als Diversifizierung ihres Vermögens. Bei den historisch tiefen Zinsen gilt Kunst als interessante Anlage.

Die Schweiz ist weltweit der fünftgrösste Kunstmarkt, und Schweizer gehören zu den wichtigsten Käufern von Kunst. Dabei gibt es nicht nur Gewinner. Kleinere Galerien verschwinden zunehmend, die grossen internationalen Anbieter legen dagegen zu. Vom Geschäft mit Gemälden, Skulpturen und anderen Werken profitieren auch Unternehmen ausserhalb der Branche – von Banken über Versicherungen bis zu Spediteuren. Sie erwarten weiterhin steigende Einnahmen. Die Schweiz bietet Vorteile, wie umstrittene Lager, in denen Kunst zollfrei aufbewahrt werden kann.

Doch der jüngste Aufwärtstrend hat auch andere Gründe. Die Schweiz kann von neuen Rahmenbedingungen in Europa profitieren. Etwa im mit Abstand wichtigsten europäischen Kunstmarkt Grossbritannien. «Der Brexit sorgt für Unsicherheit im britischen Kunstmarkt», sagt Clare McAndrew. Gemäss der UBS-Studie ist er 2017 denn auch nur um 8 Prozent gewachsen.

Auch der Chef des auf Kunsttransporte spezialisierten US-Unternehmens Crozier Fine Arts, Simon Hornby, sieht die Schweiz als Standort für Kunst zunehmend im Vorteil. Der Brexit sorge bei den Kunden des Unternehmens für Verunsicherung, weil Unklarheit darüber herrsche, wie der Kunsthandel mit der EU ablaufen werde. «Davon kann der Kunstmarkt in der Schweiz profitieren», sagt Hornby. Die Schweiz biete als Alternative ein stabiles Umfeld.

In Deutschland gibt es für die Branche ebenfalls Probleme. Ein 2016 eingeführtes, umstrittenes Gesetz zum Schutz von Kulturgütern hat dem Handel neue administrative Hürden auferlegt. Viele Werke dürfen nur nach einem Genehmigungsverfahren ausgeführt werden. Kunstkäufer weichen gemäss Experten deshalb öfter in die Schweiz und andere Länder aus, um ihre Sammlungen aufzubauen.

Das bringt hierzulande Arbeitsplätze. So baut Crozier einen Standort in der Schweiz auf. «Wir planen, in der Schweiz 100 bis 150 Stellen zu schaffen», sagt Simon Hornby. Das Unternehmen sucht Personal: vom Fahrer über den Techniker bis zum Logistikplaner. Die wertvollen Gemälde und Skulpturen benötigen spezialisierte Dienstleistungen: Sie werden in eigens angefertigten Holzverkleidungen transportiert, in klimatisierten Tresoren aufbewahrt und in von Designern ausgestatteten Showrooms in den Zollfreilagern präsentiert. Dort können die Besitzer ihre Kunstwerke möglichen Käufern im rechten Licht zeigen. Nicht selten verreisen die Sammler sogar mit ihrer Kunst. In der Residenz in Miami oder St. Moritz darf der Wandschmuck eben nicht fehlen.

Die UBS berät beim Sammeln und schützt vor Fälschungen

Gross im Geschäft mit der Kunst ist die UBS. Sie sponsert nicht nur die Art Basel, sondern auch Kunstausstellungen in Saudiarabien und Israel. An den Events kann die Bank die Reichen der Welt als Kunden gezielt ansprechen. UBS beschäftigt ein 20-köpfiges Team mit Kunsthistorikern und anderen Experten. Nur wer mehr als 50 Millionen Franken bei der Bank anlegt, bekommt Zugang zum Service. Dazu gehört die Beratung beim Aufbau von Sammlungen und auch, was die Bank «Risikomanagement» nennt. Die Experten stellen sicher, dass die Kunden keine Fälschungen kaufen. Im intransparenten Kunstmarkt ist das eine Notwendigkeit. Für die UBS ist die Beratung zum Thema Kunst ein wichtiges Geschäft, sagt Patricia Amberg, Leiterin des UBS Art Competence Center. «Der Bereich Kunst ist für die UBS ein Wachstumssegment. Die Zahl der Kunden nimmt deutlich zu.»

Das passiert auch bei Versicherungen. Allianz Suisse versichert eigenen Angaben zufolge Kunstwerke Privater im Gesamtwert von einer Milliarde Franken. Das Wachstum bei Kunstversicherungen lag zuletzt im zweistelligen Prozentbereich. Dasselbe erwartet Oliver Class, Kunstexperte bei Allianz, auch für das laufende Jahr. Die Schweiz werde als Kunstmarkt weiter an Bedeutung gewinnen, auch dank der neuen Gesetze im Nachbarland. «Der Kunsthandel und Auktionshäuser werden vermehrt von Deutschland in die Schweiz kommen», sagt Class.

Die vielen Partys an der Art Basel dürften in dieser Woche noch etwas ausgelassener ausfallen als in anderen Jahren. Egal, ob Brad Pitt erscheint oder nicht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.06.2018, 20:03 Uhr

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