Brutstätte der Radikalisierung

Im syrischen Internierungslager al-Hol träumen Frauen von der Wiederauferstehung des IS. Unter den Gefangenen sind auch mindestens eine Frau und fünf Kinder aus der Schweiz.

Die Kleidervorschriften werden vom harten Kern der Jihadistinnen auch im Lager durchgesetzt: Eine Frau in al-Hol. Foto: AFP

Die Kleidervorschriften werden vom harten Kern der Jihadistinnen auch im Lager durchgesetzt: Eine Frau in al-Hol. Foto: AFP

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Die Frauen haben ihre schwarzen Schleier und Umhänge über den Maschendrahtzaun zum Trocknen aufgehängt. Hinter der Umzäunung sind weisse Zelte mit dem blauen Emblem des UNO-Flüchtlingshilfswerks aufgereiht, dazwischen rote Plastiktanks für die Wasserversorgung. Das Internierungslager al-Hol erstreckt sich über eine sanfte Anhöhe hinweg auf etwa vier Quadratkilometern. Mehr als 73'500 Zivilisten, vor allem Frauen und Kinder aus dem ehemaligen Kalifat des Islamischen Staats, sind hier eingepfercht. Dies entspricht etwa der vierfachen Bevölkerungsdichte der Stadt Zürich, nur leben die Menschen in al-Hol nicht in mehrstöckigen Gebäuden, sondern in 11'000 Zelten.

Auf der Strasse, die zum Camp führt, hat es mehrere Kontrollposten der kurdisch dominierten Syrian Democratic Forces (SDF). Diese haben vor rund einem Monat den letzten Flecken des IS-Kalifats auf syrischem Boden erobert. Nach einer kurzen Überprüfung kann ein Traktor mit Anhänger passieren. Damit wird Müll aus dem Lager entfernt. In der Gegenrichtung poltern Tanklastwagen mit Trinkwasser über die mit Schlaglöchern übersäte Strasse. Ausserhalb der Umzäunung haben die SDF Flutlichtanlagen mit Stromgeneratoren aufgestellt. Daneben sitzen Kämpfer mit ihren Kalaschnikows. Sie behalten das Camp auch tagsüber im Blick und stellen sicher, dass niemand über den Zaun klettert und in der Halbwüste verschwindet.

«Bis jetzt hat noch niemand versucht zu flüchten», sagt Hemrin Hassan, die Lagerchefin. Die hilfsbereite Kurdin mit den schulterlangen dunklen Haaren sitzt hinter einem Schreibtisch und telefoniert. Unsichtbaren Männern gibt sie Anweisungen, die in einem Computersystem gespeicherten Namenlisten der Lagerinsassen nach Schweizern zu durchforsten. Mindestens eine Frau und insgesamt fünf Kinder mit Schweizer Nationalität sitzen in al-Hol fest. Eine Genferin, Mutter von drei Mädchen, scheint beim Eintritt aber weder ihren richtigen Namen noch die korrekte Staatsbürgerschaft angegeben zu haben. Ausserdem leben dem Vernehmen nach zwei Kinder eines Waadtländer Jihadisten und einer Belgierin in al-Hol.

Vom Zustrom der Kranken überfordert

Ob man nicht nach den Fotos der Schweizerinnen suchen könne? Das sei schon möglich, antwortet Hassan, doch dafür seien die Leute vom Geheimdienst zuständig. Schnell stellt sich heraus, dass der zuständige Geheimdienstler zwar am Vortag den Befehl erhalten hat, nach Schweizern zu suchen. Er sei aber inzwischen auf Geheiss eines anderen Vorgesetzten wegbeordert worden. Vor seiner Abreise unterliess er es offenbar, seinen Untergebenen entsprechende Anordnungen zu hinterlassen. Telefonisch ist er ebenfalls nicht zu erreichen.

So undurchschaubar und kompliziert sind die bürokratischen Strukturen der SDF, dass es auch in den darauffolgenden Tagen nicht möglich ist, die Namenslisten und Fotodateien der SDF systematisch nach den allesamt aus der Romandie stammenden Schweizern zu durchforsten.

Vor Hemrin Hassans Büro drängen sich Frauen im schwarzen Gesichtsschleier, dem Niqab. Ihre Hände stecken in synthetischen schwarzen Handschuhen, manche tragen in Decken eingehüllte Babys im Arm. Eine Mutter hält einen offenbar geistig behinderten Buben im Alter von etwa sechs Jahren an der Hand. Seine Beine stecken in einer eng anliegenden lilafarbenen Pyjamahose. Ober- und Unterschenkel sind spindeldürr, der Bub ist eindeutig unterernährt.

Video: Eindrücke aus dem Lager al-Hol

Mehr als 73'500 Zivilisten sind hier eingepfercht. Video: Kurt Pelda

Die wartenden Schwarzgewandeten, die meisten von ihnen Ehefrauen oder Witwen von IS-Kämpfern, hoffen auf medizinische Hilfe für ihre kranken und abgemagerten Kinder – meist vergeblich. Eine Klinik des syrischen Roten Halbmonds kümmert sich ganz in der Nähe um die schwereren Fälle. An ein Genfer Mädchen, das wegen einer Splitterverletzung am Oberschenkel im Rollstuhl sitzt, können sich die Verantwortlichen nicht erinnern. Das ist nicht weiter erstaunlich, denn das Personal ist vom Zustrom der Kranken und Verwundeten vollkommen überfordert. Abgesehen von der prekären medizinischen Versorgung hat sich die Situation in al-Hol allerdings verbessert, seitdem die sintflutartigen Regenfälle und die für die Jahreszeit ungewöhnliche Kälte zu Ende sind.

Draussen auf der «Hauptstrasse» des Camps erhält man einen Eindruck, wie schwierig es ist, ohne computergestützte Hilfe nach einer bestimmten Person zu suchen. Es sind Heerscharen von Frauen und Mädchen im schwarzen Niqab unterwegs, aber keine von ihnen ist hinter dem Schleier identifizierbar. Manchmal sind durch die Augenschlitze asiatische oder europäische Gesichtszüge zu erahnen. Die Frauen kommen zum Beispiel zur Kerosinverteilstelle, die sich ganz in der Nähe des Verwaltungsgebäudes befindet. Familien, denen ein Zelt zugeteilt wurde, bekommen einmal im Monat eine Essensration und müssen die Speisen selber auf einem Kerosinkocher zubereiten.

Wortreich beschwert sich eine junge Frau über die unhaltbaren Zustände. Sie zeigt auf ihre kleine dunkelblonde Tochter neben ihr. Deren Stirn ist von einer tiefen eitrigen Furche durchzogen. «Granatsplitter», sagt die Mutter bloss. Es ist ein Wehwehchen verglichen mit den Kindern, die an Krücken gehen oder von Verwandten in Rollstühlen herumgeschoben werden. Manchen von ihnen fehlt ein Bein oder ein Arm.

Die Mütter wollen einen «IS 2.0» heranzüchten

Auf der anderen Seite der staubigen Schotterpiste ruht sich eine Mutter mit drei Kindern aus. Sie alle haben helle europäische Gesichtszüge, das etwa vierjährige Mädchen ist kahl geschoren, der wesentlich ältere Bub sitzt auf einem roten Kühlbehälter für Wasser. Daneben hat er Plastiksäcke mit Kleidern und Schuhen abgestellt. Es sieht so aus, als ob die Familie ihren ganzen Hausrat mit sich herumträgt. Aus dem rechten Oberarm der Mutter ragen Fixierungseisen, wie man sie in Syrien für die Behandlung offener Knochenbrüche verwendet. Als sich die Frau erhebt, auf dem gesunden Arm ein Säugling, ist selbst durch den Schleier hindurch zu erkennen, wie sich ihr Gesicht vor Schmerzen verzerrt.

Die kurdischen Internierungslager sind eine Brutstätte der islamistischen Indoktrination. Manchmal gehen radikale IS-Anhängerinnen mit Gewalt gegen jene vor, die sich zum Beispiel nicht sklavisch an die Kleidervorschriften der Terrororganisation halten. Im Internierungslager Roj setzten sie zum Beispiel ein Zelt einer «abtrünnigen» Familie mit Kerosin in Brand. Zwei kleine Kinder kamen dabei um. Manche der radikalisierten Mütter machen keinen Hehl aus ihren Absichten: Sie wollen in al-Hol einen «IS 2.0» heranzüchten. Es ist die einzige Hoffnung, die ihnen nach dem gewaltsamen Ende des Kalifats noch bleibt.



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Erstellt: 04.05.2019, 22:01 Uhr

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