Buckelwale in der Karaoke-Lounge

Auf ihren Wanderungen treffen sich die singenden Säuger zu einer Art Musikfestival.

Nur die Männchen singen: Buckelwale bauen aufgeschnappte Melodien in ihre Lieder einFoto: Mauritius Images

Nur die Männchen singen: Buckelwale bauen aufgeschnappte Melodien in ihre Lieder einFoto: Mauritius Images

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Buckelwale sind Gewohnheitstiere. Sie verbringen die Sommer in kalten Gewässern in hohen geografischen Breiten, wo sie reichlich Nahrung finden. Im Winter, in der Paarungszeit, kehren sie an genau jenen Ort in den Tropen zurück, wo sie einst geboren wurden. Und wenn sie dort ankommen, singen die Männchen eine Melodie, die spezifisch ist für diese bestimmte Paarungsstätte und die nur an diesem Ort erklingt.

Doch offenbar gibt es zumindest einen Ort in den Ozeanen, wo sich die Melodien der verschiedenen Walpopulationen vermischen. Wie eine kürzlich im Fachblatt «Royal Society Open Science» pub­lizierte Studie zeigt, liegt dieser Ort bei der kleinen Vulkaninsel Raoul Island, 1100 Kilometer nördlich von Neuseeland. Buckelwale aus dem Südpazifik tendieren dazu, auf ihrer Reise aus den Paarungsgründen – etwa bei Tonga oder Neukaledonien – ins antarktische Meer dort für ein paar Tage einen Stopp einzulegen.

In dieser Zeit machen sie etwas, was Forscher bislang noch nie ­beobachtet hatten: Wale aus den verschiedenen Paarungsstätten ­teilen ihre Melodien mit den ­Kollegen und lernen umgekehrt deren Lieder. Mit anderen Worten: Raoul Island ist die Karaoke-Lounge der Buckelwale.

Jedes Brutgebiet hat seine eigene Melodie

Die Gesänge der Buckelwale erkennt man sofort. Sie haben einen satten, eindringlichen Sound. Die Buckelwale mischen Tonhöhen und Klanggefüge in einer Art und Weise, wie es Menschen nie wagen würden. Diese Klangbilder ­faszinieren Experten und Laien gleichermassen. 1970 produzierte der Bioakustiker Roger Payne gar ein Studioalbum («Songs of the Humpback Whale»), das sich über 100'000-mal verkaufte.

Warum die männlichen Wale singen, darüber sind sich Verhaltensforscher nicht einig. Die meisten gehen davon aus, dass es zum Balzverhalten gehört. Je länger Forscher die Walgesänge studieren, desto mehr Rätsel offenbaren diese. So singen zwar alle Wale in einem bestimmten Brutgebiet die gleiche Melodie, allerdings können sich die Lieder über die Jahre verändern, neue Elemente und Strophen können hinzukommen.

Diese Veränderungen sind aber nicht zufällig, wie Wissenschaftler des South Pacific Whale Research Consortium nach jahrzehntelangen Analysen der Gesänge der südpazifischen Buckelwale herausgefunden haben: Die Wale mischten ihre Melodien, indem sie Teile von Songs aus anderen Paarungsgründen einbauten.

Ein weiteres Beispiel des Buckelwal-Gesangs. Video: Youtube/NPG Press

«Von der Melodie, die wir dieses Jahr bei den Walen von Neukaledonien hören, werden wir nächstes Jahr einige Elemente bei den Gesängen der Wale von Tonga ­wiederfinden», sagt Rochelle Constantine, Biologieprofessorin an der University of Auckland und Mitautorin der neuen Studie. «Die Melodien bewegen sich von West nach Ost.»

Forscher belauschten die Wale beim Üben

Die Forscher fragten sich: Wo schnappen die Wale die neuen ­Melodieelemente auf? Anderen Brutgebieten statten sie keine ­Besuche ab. Und die Nahrungsgründe im antarktischen Meer, wo alle südpazifischen Wale zusammenkommen, sind ein stiller Ort: «In dieser Zeit singen sie nicht», sagt Constantine. «Sie sind beschäftigt.»

Die Vulkaninsel Raoul Island, etwa so gross wie der Brienzersee, würde man nicht unbedingt als Treffpunkt der Buckelwale vermuten. Doch im Verlauf der letzten zehn Jahre haben auf der Insel ­stationierte Naturschutzranger bemerkt, dass sich im September und Oktober dort Buckelwale ­versammeln. «Anstatt auf direktem Weg zu den Nahrungsgründen zu schwimmen, machen sie einen Umweg», sagt Constantine. Offenbar, um Zeit bei der Insel zu verbringen.

© «The New York Times»

So klingt der Buckelwal. Video: Alfred-Wegener-Institut

Im Jahr 2015 reisten die Forscher selber nach Raoul Island. Als sie ein Unterwassermikrofon (ein «Hydrofon») ins Wasser liessen, waren sie «ziemlich überrascht, wie viele Lieder wir hörten», sagt Constantine. Die Gesänge, welche die Forscher auch durch den Schiffsrumpf hören konnten, ­waren nicht so laut und kraftvoll wie in den Paarungsgebieten. Aber fast zu ­jedem Zeitpunkt war zumindest ein Wal am Singen.

Eine akustische Analyse zeigte dann, dass die singenden Wale zu verschiedenen Brutgebieten gehören. Dies bestätigten auch Fotoidentifikationen und genetische Tests. Die Forscher nahmen sogar den Gesang eines Wals auf, der zwei verschiedene Melodien sang. Vermutlich lernte er gerade den Song eines anderen Wals.

Obwohl die untersuchte Walpopulation relativ klein ist – es wurden nur ein paar Dutzend Walgesänge analysiert –, hätten die Autoren «klar gezeigt, dass es einen Ort gibt, wo die kulturelle Weitergabe eines Songs stattfinden kann», sagt die an der Studie nicht beteiligte Meeresbiologin Melinda Rekdahl von der Wildlife Conservation Society. Es könnte aber noch weitere Orte ­geben, wo das passiert, ergänzt Rekdahl, etwa in den Nahrungsgründen oder auf den Wanderungsrouten.



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Erstellt: 12.10.2019, 17:42 Uhr

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