Bund will Bauern gegen Klimawandel versichern

Hitze verursacht immer mehr Verluste. Trotzdem sind erst wenige Landwirte vor Schäden geschützt.

Die Trockenheit im Juni setzte Salat und anderem Gemüse zu: Hier traf es ein Feld in Rafz ZH. Foto: Keystone

Die Trockenheit im Juni setzte Salat und anderem Gemüse zu: Hier traf es ein Feld in Rafz ZH. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Gelb und rot färbten sich die Blätter. «Die Sonne verbrannte den Nüsslisalat so stark, dass er in meinen Händen zerbröselte», sagt Micha Krähenbühl. Zwei Tonnen hätte der Thurgauer Landwirt gerne geerntet. Stattdessen zerstörte die Hitzewelle vom Juni die meisten Setzlinge.

«Wir haben noch zusätzlich bewässert. Aber gegen Temperaturen von 36 Grad half auch das nicht mehr.» Nur noch 200 Kilogramm Salat sahen am Ende gut genug aus für den Detailhandel. «Weitere 200 durften Passanten gratis mitnehmen», sagt der Bauer. Die restlichen 1600 Kilo zerfielen unter der sengenden Sonne. So wie diesen Sommer die Ernten auf etlichen Feldern.

Den Beeren setzte die Hitze so stark zu, dass die Erträge laut Verband Swisscofel teilweise unter 50 Prozent sanken. Kartoffeln und Zuckerrüben wuchsen wegen der extremen Temperaturen nicht auf normale Grössen an. Im Welschland waren Grasernten mager. Zudem sorgten Stürme und Hagel für Millionenschäden bei Ackerkulturen, Wein, Gemüse und Obst.

Viele unterschätzen das Risiko immer noch

Bauern jammern gerne über das Wetter. Aktuell auch mit gutem Grund, wie bisher unveröffentlichte Zahlen der Versicherung Schweizer Hagel belegen. 7600 Schadenmeldungen gingen im laufenden Jahr ein. Das sind bereits 20 Prozent mehr als im gesamten 2018. «Dieses Jahr gab es rund 2000 Schneedruckschäden an Raps und auch Gras, rund 300 Frühlingsfrostschäden an Reben und Obst und über 4700 lokale Hagelschäden», sagt Sprecherin Esther Böhler.

Die Trockenheit fiel kaum ins Gewicht. Nicht weil die Dürre keine Ernten vernichtet hätte, sondern weil erst wenige dieser Schäden abgedeckt und somit in der Statistik erfasst sind. «In der Schweiz sind rund 70 Prozent der offenen Ackerflächen gegen Hagel und weitere Elementarschäden wie zum Beispiel Stürme oder Überschwemmungen versichert», sagt Böhler. Gegen Trockenheit seien es gegenwärtig nur knapp 15 Prozent, was rund 1600 Policen entspreche.

«Nach den Dürreperioden während der letzten fünf Jahre und auch unter der Prämisse der Klimaerwärmung ist das Interesse für die Abdeckung dieses Risikos zwar gestiegen.» Gleichzeitig zeige sich jedoch in Gesprächen mit den Landwirten immer wieder, dass noch viele das Risiko Trockenheit unterschätzten und nicht bereit seien, eine Zusatzprämie zu bezahlen.

Futternot und Schlachtungen im Hitzesommer 2018 als Auslöser

Jetzt erhalten die Bauern Unterstützung aus Bern. Der Bundesrat gab diese Woche seine Pläne für die Agrarpolitik während der Jahre 2022 bis 2025 bekannt. Die Direktzahlungen an Bauern sollen ungefähr gleich hoch bleiben wie bisher, also rund 2,8 Milliarden Franken pro Jahr. «Neu will der Bundesrat eine Gesetzesgrundlage schaffen, damit sich der Bund an Prämien von Wetterereignisversicherungen finanziell beteiligen kann», heisst es in der Stellungnahme. «Damit will er die Landwirtschaft bei Ernteverlusten, die durch den Klimawandel verursacht werden, besser positionieren.»

Ein Erfolg für den Schweizer Bauernverband. «Wir begrüssen diesen Entscheid», sagt Präsident Markus Ritter. Er hatte schon nach dem Hitzesommer 2018 staatliche Unterstützung bei Versicherungen gefordert. Die vielen Sonnentage sorgten zwar für hervorragenden Schweizer Wein, auch Äpfel und Kirschen gediehen prächtig. Gleichzeitig zerstörte die Trockenheit aber grosse Grasflächen. So fehlte das Futter für Nutztiere, viele mussten vorzeitig geschlachtet werden.

Das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) liess in der Folge analysieren, ob es Anpassungen bei Agrarversicherungen braucht. Seit dieser Woche liegen die Ergebnisse vor. Laut der Studie bestehen «Lücken im Schutz für die Risiken von Trockenheit und Frost». Entsprechende Versicherungen seien noch wenig populär, «trotz ihrer wachsenden Bedeutung». Umstritten sei, ob es künftig öfter hagelt. Sicher hingegen sei eine Zunahme heisser Sommer, weniger Niederschlag und intensivere Dürreperioden.

Subventionen verdrängen immer auch Innovationen bei den Versicherungen und auf den Betrieben.Robert Finger, Professor für Agrarökonomie und Agrarpolitik

Zudem könnten als Folge der Klima­erwärmung «neue Krankheiten und/oder Schädlinge auftreten», schreiben die Autoren. Sie schlagen schliesslich vor, dass der Bund 30 Prozent der Prämien für Ernteversicherungen übernimmt. Gleichzeitig mahnt die Studie aber, es brauche ein Kontroll­system. Sonst könnten Versicherer die Prämien kurzerhand erhöhen. Und so selber von den Bundesgeldern profitieren.

Skeptisch ist auch der Verband der Schweizer Gemüseproduzenten. Obwohl diese vom Klimawandel besonders stark betroffen sei, wie Kommunikationsleiter Markus Waber sagt: «Zum Beispiel weist der Eisbergsalat bei längeren Hitzeperioden vermehrt Innenbrand auf, der Blumenkohl ist ebenfalls sehr empfindlich, und in den Gewächshäusern ist es zu warm, was das Wachstum von Tomaten abbremst.»

Trotzdem seien staatliche Prämienverbilligungen falsch. «Die hohen Umweltrisiken sind allen Gemüseproduzenten bewusst und werden am Markt auch abgegolten», sagt Waber. «Durch eine vergünstigte Versicherung wird dieses Risiko künstlich verkleinert.» Dies führe zu Fehlanreizen im Markt und staatlicher Abhängigkeit.

Auch Robert Finger hat Bedenken. «Subventionen verdrängen immer auch Innovationen bei den Versicherungen und auf den Betrieben», sagt der ETH-Professor für Agrarökonomie und Agrarpolitik. «Wenn ein Bauer vom Staat versichert wird, dann unternimmt er selber weniger, um Risiken auf seinem Hof zu minimieren.»

Klimaschützer fordern strengere Auflagen für die Bauern

Markus Ritter vom Bauernverband sagt, man wolle nicht mehr Bundesgelder als bisher. «Unser Ziel ist eine Umverteilung innerhalb des Agrarkredits.» Die staatlichen Mittel würden mit Sicherheit überschaubar bleiben. So klingt es auch beim BLW. «Die Kosten hängen natürlich vom letztlich gewählten Modell ab», sagt Sprecher Jürg Jordi. Noch sei aber offen, wie stark sich der Bund an den Versicherungen beteiligen würde. Jordi bestätigt, dass nicht zusätzliche Mittel gesprochen werden sollen, «stattdessen würden bestehende Direktzahlungen umverteilt».

Bis im Frühling 2020 soll dem Parlament eine Botschaft für die neue Agrarpolitik vorgelegt werden. Diese nimmt die Landwirte beim Klima auch in die Pflicht. Der Bundesrat schlägt für den Sektor eine CO2-Reduktion von 20 bis 25 Prozent für das Jahr 2030 gegenüber 1990 vor. Konkrete Massnahmen fehlten aber, kritisiert die Klima-Allianz Schweiz, der rund 80 Verbände angehören.

So sei keine Lenkungsabgabe auf landwirtschaftliche Treibhausgasemissionen vorgesehen. «Aus unserer Sicht ist die Entlastung der Bauern als Opfer des Klimawandels grundsätzlich korrekt», sagt Geschäftsführer Christian Lüthi. «Gleichzeitig muss der Bund jedoch gemäss dem Verursacherprinzip sicherstellen, dass die Klimafolgekosten bezahlt werden.»



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 25.08.2019, 11:27 Uhr

In Zahlen

1600

Kulturen haben Schweizer Bauern gegen Trockenheit versichert. Dadurch sind 15 Prozent aller offenen Ackerflächen abgedeckt.

13

Prozent der Treibhausgasemissionen in der Schweiz werden durch die Nutztierhaltung hervorgerufen.

11'252'000'000

Franken an Direktzahlungen will der Bund in den Jahren 2022 bis 2025 an Landwirte auszahlen. Das entspricht 2,8 Milliarden Franken pro Jahr. Im Frühjahr 2020 soll das Parlament über den Zahlungsrahmen entscheiden.

24,4

Millionen Franken an Schäden wurden der Schweizer Hagel letztes Jahr gemeldet.
Verursacher waren laut der Versicherung vor allem Hagel, Stürme und Dürre bei Mais, Kartoffeln, Zuckerrüben und Grasland.

Artikel zum Thema

Milchbauern verlieren Millionen an der Börse

Der Milchverarbeiter Hochdorf kämpft ums Überleben. Für die Milchproduzenten steht sehr viel Geld auf dem Spiel. Mehr...

Parmelins Vorschlag schockt die Bauern

Eigentlich ist der Wirtschaftsminister bauernfreundlicher als sein Vorgänger. Doch jetzt muss Parmelin den Trinkwasserschutz verschärfen. Mehr...

Hier ist das Schweizer Grundwasser am stärksten verschmutzt

Pestizide und Dünger aus der Landwirtschaft belasten die Böden. Unsere Karten zeigen, wo es besonders schlimm ist. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...