Schweizer Strassen sollen wegen Geländewagen breiter werden

Mehr Platz für SUV, die Rede ist von 10 bis 50 Zentimeter pro Fahrbahn. Wer das fordert und wie der Vorstoss ankommt.

Machen sich breit auf den Strassen: Offroader. Bild: Michele Limina

Machen sich breit auf den Strassen: Offroader. Bild: Michele Limina

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Protzige Geländelimousinen liegen im Trend. 2016 war bereits jedes dritte neu in Verkehr gesetzte Auto ein sogenannter SUV. Vor allem wegen dieser fahrenden Kolosse sind Autos heute im Schnitt deutlich breiter als in den 90er-Jahren. Gemäss einer Studie der Uni Duisburg hat die Breite von Personenwagen seither statistisch um 12 Zentimeter zugenommen. Das hat massive Konsequenzen: Schweizer Strassen sind zu schmal für viele neue Autos. Kreuzen und überholen ist auf etlichen Strecken gefährlich geworden. Vielerorts muss man abbremsen, wenn einem ein SUV entgegenkommt. Experten des Verbandes für Verkehrsfachleute Schweiz (VSS) sehen ein erhebliches Sicherheitsrisiko.

Nun reagiert der Verband, unterstützt vom Bund: «Wenn die Fahrzeuge breiter werden, muss auch die Strasse breiter sein, sonst erhöht sich die Gefahr von Unfällen», sagt VSS-Präsident Jean-Marc Jeanneret. Der Verband arbeite an einer Revision der Norm für Stras­senbreiten. «Dabei sollen die Fahrbahnen den breiter gewordenen Fahrzeugen angepasst werden», sagt er auf Anfrage. Das Ziel sei, die revidierte Norm in einem Jahr in Kraft zu setzen. Ähnlich sieht es Jörg Röthlisberger, Direktor des Bundesamtes für Strassen (Astra). Er sitzt ebenfalls im Vorstand des VSS: «Viele Strassen sind heute zu schmal, um den Bedürfnissen aller Verkehrsteilnehmer gerecht zu werden.» Die Folgerung des Direktors: «Breitere Strassenräume können einen wichtigen Beitrag leisten, um ein sicheres Miteinander auf verkehrsorientierten Strassen auch in Zukunft zu gewährleisten. Um wie viel breiter die Stras­sen werden sollen, ist noch nicht klar. Wahrscheinlich um 10 bis 50 Zentimeter pro Fahrbahn.

Hinter den Kulissen wird hitzig diskutiert

Der Streit hinter den Kulissen tobt bereits. Vor einem Jahr hatten die Verkehrsexperten des VSS in Fachkreisen einen ersten Vorschlag zur Revision der Norm vorgestellt. Dieser sah erheblich breitere Fahrbahnen vor, innerorts bis zu einem Meter. Der Verband hatte das Regelwerk vergangenes Jahr bereits in Kraft gesetzt. Doch die Kantone und die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) liefen dagegen Sturm. Der VSS musste die Revision Anfang August – noch bevor sie öffentlich bekannt wurde – unter Druck wieder zurückziehen. Es habe sich gezeigt, dass Behörden und die verschiedenen Verkehrsteilnehmer zum Teil völlig unterschiedliche Vorstellungen betreffend Verbreiterung von Strassen hätten, sagt VSS-Präsident Jeanneret. «Wir wollten die hitzig geführten Diskussionen etwas entspannen.»

Doch auch der zweite Anlauf wird ein Spiessrutenlauf. Das zeigen die Antworten aus der Vernehmlassung der gescheiterten ersten Version. Während einige Kantone sie gut fanden, übten andere Grundsatzkritik. So schrieb die Volkswirtschaftsdirektion des Kantons Zürich, es stelle sich die Frage, ob Strassenbreiten dem Trend der Automobilindustrie folgen müssten. Man sehe keinen Handlungsbedarf. Die wohl grösste Kritikerin der neuen Norm ist die BfU. Sie kritisierte, dass innerorts Strassen bis zu einem Meter breiter geworden wären. Darin sieht die BfU keine Verbesserung, sondern eine Verschlechterung der Verkehrssicherheit: «Das Unfallrisiko wäre erheblich gestiegen, weil breitere Fahrbahnen zu schnellerem Fahren führen», sagt BFU-Sprecher Marc Kipfer. Der Kanton Basel-Landschaft hat hingegen bereits 2015 von sich aus beschlossen, die Breite neuer Strassen den Geländewagen anzupassen. Und der Lastwagenverband Astag fordert ausdrücklich eine Verbreiterung der Strassen.

«Vorgaben von Stras­senbreiten haben nicht nur eine technische, sondern auch eine verkehrspolitische Dimension.»Claude Janiak, SP-Ständerat

Nun will auch noch die Politik mitmischen: «Vorgaben von Stras­senbreiten haben nicht nur eine technische, sondern auch eine verkehrspolitische Dimension. Sie beeinflussen Sicherheit und Fahrverhalten», sagt SP-Ständerat Claude Janiak. Deshalb sollten laut Ja­niak solche Fragen auch politisch entschieden werden. Er werde das Astra bitten, das Geschäft dem Parlament zu unterbreiten. Er persönlich sehe keinen Handlungsbedarf für breitere Strassen.

Anders sieht das FDP-Nationalrat und Verkehrsexperte Thier­ry Burkart. Er findet, die Strassenbreite müsse den breiteren Autos angepasst werden. Die Frage sei aber so kontrovers, dass es letzten Endes einen politischen Entscheid brauche. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 19.08.2018, 19:40 Uhr

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