Chaos auf Gotthardstrecke ist grösser, als SBB zugeben

Sogar Passagiere mit Reservation mussten diese Woche aussteigen. Toiletten sind regelmässig geschlossen.

Solange zwischen Arth-Goldau und Bellinzona keine Doppelstockzüge verkehren, dürfte es für die Passagiere eng bleiben. Foto: Keystone

Solange zwischen Arth-Goldau und Bellinzona keine Doppelstockzüge verkehren, dürfte es für die Passagiere eng bleiben. Foto: Keystone

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Donnerstag, 8.10 Uhr: Der Intercity 2 Richtung Lugano verlässt den Zürcher Hauptbahnhof. Doch wer sich auf eine entspannte Fahrt durch den Gotthard-Basistunnel gefreut hat, wird enttäuscht. In der ersten Klasse herrscht ein Anblick, wie wenn eine Schulklasse ins Lager reisen würde. Menschen stehen und sitzen in den Gängen. Kein einziger Sitzplatz ist mehr frei, der Lärmpegel ist aufgrund des überfüllten Waggons beachtlich. An Arbeiten ist nicht zu denken, auch, weil in den alten Wagen die Steckdosen für den Laptop fehlen.

Besonders sauer ist eine vierköpfige Familie, die sich Erstklassbillette mit Sitzplatzreservation geleistet hat und nun auf dem Boden ihr Znüni essen muss. «Der Wagen, in dem unsere Sitze reserviert waren, existiert gar nicht in dieser Zugskomposition», nervt sich der Vater.

In Rotkreuz ZG kommt es noch dicker: Die vier müssen trotz Reservation aus dem Zug aussteigen – zusammen mit anderen Passagieren, die bloss einen Stehplatz ergattert haben. Die SBB gehorchen damit einer Vorgabe des Bundes: Züge dürfen den Gotthard-Basistunnel aus Sicherheitsgründen nur mit einer bestimmten Anzahl Reisender befahren. Sind zu viele an Bord, müssen die überzähligen Passagiere den Zug verlassen.

Bislang war bekannt, dass die SBB Passagiere ohne Sitzplatzreservation zwingen, in Arth-Goldau SZ oder in Bellinzona auszusteigen, damit der Zug den Tunnel befahren kann. Dass nun sogar Reisende mit Reservation davon betroffen sind, ist neu.

Reservationen verfallen, wenn ein Zug ausgetauscht wird

Die SBB erklären den Fall vom Donnerstag so: Der ursprünglich vorgesehene Intercity-Neigezug konnte auf der Hinfahrt von Chiasso nach Zürich wegen einer Kupplungsstörung nur mit einer statt zwei Kompositionen verkehren. Für die Rückfahrt Richtung Süden wurde er in Zürich durch einen älteren Zug ausgetauscht, um aufgrund des grossen Passagieraufkommens mehr Platz zu schaffen. Dies ging allerdings zulasten der Passagiere mit Reservation, denn diese wurde dadurch hinfällig.

Der Versuch, alle Passagiere fahrplanmässig nach Süden zu bringen, misslang. In Arth-Goldau mussten dreissig Personen aussteigen, damit der Zug weiterfahren konnte. Andere Reisende waren schon in Zürich und Rotkreuz gebeten worden, einen anderen Zug zu nehmen – darunter die entnervte vierköpfige Familie. SBB-Sprecherin Sabine Baumgartner spricht von einem bedauerlichen und ärgerlichen «Einzelfall».

Ähnlich ist die Reaktion der SBB auf die zunehmenden Klagen von Passagieren über verschmutzte, verstopfte oder geschlossene Toiletten. Ein Beispiel von vielen: Am vergangenen Sonntag waren im Intercity, der Lugano um14.04 Uhr Richtung Zürich verliess, in den drei vordersten Wagen alle drei WCs unbenutzbar. Zwei waren geschlossen, ein drittes war so stark mit Fäkalien verstopft, dass Passagiere die Toilette angeekelt wieder verliessen.

Die Ursache für das Toilettenproblem ist die kurze Aufenthaltsdauer der Züge in den Bahnhöfen. Der betreffende Zug war zuvor aus Zürich angekommen und hatte in Lugano nur acht Minuten Aufenthalt. In dieser kurzen Zeit kann das spärlich eingesetzte Reinigungspersonal den Zug beim besten Willen nur oberflächlich reinigen. Die vollen Toiletten zu leeren, ist unmöglich – dann werden sie einfach geschlossen.

SBB reinigen die Toiletten nur einmal pro Tag

Die SBB reden auch hier von «Einzelfällen». «Jeder Einzelfall ist ärgerlich und soll möglichst verhindert werden», sagt Sprecherin Sabine Baumgartner. Im Fernverkehr seien 97 Prozent der Toiletten verfügbar. Wie diese Zahl erfasst wird, kann die Sprecherin allerdings nicht sagen. Die SBB kümmerten sich «intensiv darum, dass die Kundinnen und Kunden saubere, funktionierende Toiletten vorfinden. Sämtliche Toiletten werden einmal pro Tag gereinigt und mehrmals täglich kontrolliert.»

Einmal pro Tag.

In Restaurants mit hohem Gästeaufkommen wäre das undenkbar. Entdeckt ein Hygienekontrolleur ein stark verschmutztes Restaurant-WC, setzt es für den Wirt eine Busse ab.

Um das Problem mit überfüllten Zügen und gestrandeten Passagieren auf der Gotthardstrecke in den Griff zu kriegen, rüsteten die SBB für dieses Wochenende auf. Sie bieten in der zweiten Klasse über 3000 und in der ersten über 900 zusätzliche Sitze an. Zudem setzen sie Extrazüge ein, mit 1384 Sitzplätzen in der zweiten und gut 400 in der ersten Klasse.

Sie hätten die gesteigerte Nachfrage nach Fahrten ins Tessin «unterschätzt», räumen die SBB ein. Das erstaunt, denn in Tourismuskreisen ist seit Jahren klar, dass es nach Eröffnung des Gotthard-Basistunnels viel mehr Tagesausflügler ins Tessin zieht. Auch eine «ungenügende Planung» geben die SBB zu. Dazu passt, dass sie einzig in Bellinzona einen bemannten «Dispozug» stationiert haben, mit dem sie innerhalb weniger Minuten auf überbelegte Züge reagieren können. In Arth-Goldau gibt es hingegen keinen solchen Einsatzzug.

Abhilfe werden erst die neuen Züge von Stadler Rail schaffen. Sie werden zurzeit am Gotthard getestet und ab dem kommenden Fahrplanwechsel im Dezember schrittweise eingeführt. Ab Dezember 2020 ist nach SBB-Angaben voraussichtlich die ganze Flotte auf den Schienen.

Eine Garantie, dass dann keine Passagiere mehr zum Aussteigen gezwungen werden, wollen die SBB nicht abgeben. Zumal sie das Problem weiterhin kleinreden. Eine Überbelegung auf der Gotthard-Achse komme selten vor – im Schnitt bei einem von 850 Zügen – und betreffe «nur einzelne Verbindungen» in Spitzenzeiten.

Einzelfälle halt.



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Erstellt: 12.10.2019, 19:17 Uhr

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