Chaos in der Museumsstadt

Im Kunstmuseum Basel musste ein Chagall-Bild vor eindringendem Wasser gerettet werden, im Historischen Museum ist ein Teil der Sammlung nicht mehr auffindbar.

Es regnet rein: Kunstmuseum Basel mit Neu- und Altbau. Foto: Julian Salinas

Es regnet rein: Kunstmuseum Basel mit Neu- und Altbau. Foto: Julian Salinas

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Plötzlich herrschte Alarmstimmung. Ein Aufseher im Kunstmuseum hatte bemerkt, dass hinter einem Chagall-­Gemälde im Steinsaal Wasser die Wand hinunterfloss. Notfall­mässig wurden alle acht Gemälde in dem Raum abgehängt und in Sicherheit gebracht. Das Dach hatte dem Platzregen vom 20. Juni nicht standgehalten.

Dies war nicht der einzige Notfall an jenem Tag im Basler Kunstmuseum. Auch in der Abteilung Gegenwart, einer Aussenstelle einige Hundert Meter vom Hauptgebäude entfernt, regnete es hinein. Und wie. Ein Mitarbeiter ­erzählte im SRF-Regionaljournal von einer dramatischen Situation: «Der Regen kam durch das Dach bis in die Eingangshalle. Es sah beinahe aus wie ein Wasserfall.» Grund seien eine verstopfte Leitung und ein defekter Überlauf gewesen.

Dass bei einem mittelstarken Gewitter gleich in zwei Museumsgebäude Wasser eindringt, muss Zufall sein. Könnte man meinen. Basel-Stadt gibt pro Person weit mehr Geld für Kultur aus als jeder andere Kanton in der Schweiz. Hinzu kommen grosszügige Spenden von Stiftungen und Privatpersonen, vornehmlich aus den Pharma-Dynastien. Basel Tourismus wirbt mit dem Slogan «Culture ­unlimited» um Gäste. Die fast 40 Museen gehören zum Stolz der Region, beinahe wie der örtliche Fussballclub. Doch während der FC Basel wieder international mitspielt, befindet sich die Museumsstadt in einer schweren Krise.

Stellvertretend für den Zustand der Basler Ausstellungshäuser steht das Historische Museum. Eine externe Untersuchung brachte kürzlich ans Licht, dass 62 Prozent der 166'000 bekannten Gegenstände in der Sammlung unzureichend inventarisiert sind. Das heisst: Sie sind in den neun über die ganze Stadt verteilten Depots des Museums nicht oder nur noch mit erheblichem Aufwand auffindbar. Ein katastrophaler Wert. Um die Inventur nachzuholen, wären gemäss einer Schätzung 15 Mitarbeiter während fünf Jahren beschäftigt. Das Museum sei zudem nicht mehr in der Lage, die internationalen Standards zur Sammlungsbewahrung einzuhalten.

Toilettengänger als Besucher gezählt

Der Bericht, verfasst von einem renommierten Münchner Beratungsunternehmen, löste bei den Behörden Nervosität aus. Regierungs­präsidentin Elisabeth Ackermann (Grüne), deren Präsidialdepartement für die fünf staatlichen Museen zuständig ist (Kunstmuseum, Historisches Museum, Antikenmuseum, Naturhistorisches Museum und Museum der Kulturen), hielt die Studie mehrere Monate unter Verschluss. Offiziell, weil noch Anpassungen nötig waren. Kritiker allerdings monierten, Ackermann habe die desaströsen Ergebnisse zurückhalten wollen, um die Abstimmung über den Neubau für das ­Naturhistorische Museum vergangenen Mai nicht zu gefährden.

Der Direktor des Historischen Museums, Marc Fehlmann, hatte schon vor dieser Analyse auf Missstände aufmerksam gemacht. Der ehemalige Sammlungsdirektor des historischen Museums Berlin merkte bereits beim Amtsantritt 2017, dass einiges nicht stimmte. So zum Beispiel die Besucherzahlen: Jahrelang waren auch jene Leute als Ausstellungsbesucher gezählt worden, die bloss ins ­Museumscafé gegangen waren oder die Toilette aufgesucht hatten. Die Eintrittszahlen waren stark geschönt ­worden, Fehlmann musste sie um fast zwei Drittel nach unten korrigieren.

Dass ein von aussen kommender Mann lange geduldete Machenschaften aufdeckt und korrigiert, kommt bei Politikern und Kulturbeamten nicht gut an. Die Basler Szene ist klein, alle kennen sich, im Zweifel deckt man sich. Nachdem vergangenen Monat die Betriebsanalyse der Öffentlichkeit präsentiert worden war, griffen ein paar langjährige Mitarbeiterinnen des Historischen Museums ihren Direktor offen an. In einem Gastbeitrag in der «Basler Zeitung» warfen sie ihm vor, die Zustände im Museum schlechtzureden. Wehren konnte sich Fehlmann nicht: Er hatte zuvor direkt von Regierungspräsidentin Elisabeth Ackermann ein Redeverbot erhalten.

Die jahrelange Misswirtschaft im Historischen Museum hat direkte Auswirkungen auf den Ausstellungsbetrieb. Zum Beispiel auf die Ausstellung zum 1000-jährigen Bestehen des Basler Münsters, die am 10. Oktober eröffnet wird. Fehlmann ist es gelungen, Schätze aus der ganzen Welt nach Basel zurückzubringen, unter anderem die goldene Altartafel aus dem Basler Münsterschatz. Von einer «Jahrhundertausstellung» ist die Rede. Allerdings findet die Schau nicht im Stammhaus des Historischen Museums statt, der Barfüsser­kirche, sondern – man höre und staune – im Kunstmuseum. Notabene nicht im Altbau, wo es diesen Sommer reingeregnet hatte, sondern im Neubau.

Die Verlegung der prestigeträchtigen Ausstellung hat mit dem baulichen Zustand des Historischen Museums zu tun: Auch die Barfüsserkirche ist undicht. Als im vergangenen Jahr nach einem Gewitter das Wasser auf der Südseite des Chors durch marode Fenster eindrang und den Sandstein hinunterfloss, mussten die alten Holzskulpturen von der Wand entfernt und ins Rauminnere gestellt werden. Die Feuchtigkeit ist nicht das einzige Problem. Aufgrund der fehlenden Klimaanlage wird es im Sommer im Kirchenschiff dermassen heiss, dass wertvolle Objekte aus Silber Schaden nehmen. Kein Leihgeber wäre bereit gewesen, seinen kostbaren Besitz einem solch risiko­behafteten Umfeld auszusetzen.

Problemlösung mittelsAbgangsentschädigung

In den letzten 25 Jahren ist das Museumsangebot in Basel explodiert. 1996 eröffnete das Tinguely-­Museum, 1997 die Fondation Beyeler, 1998 das Spielzeug-Welten-Museum, 2000 das Musikmuseum, 2003 das Schaulager, 2008 das FCB-Museum. Das Kunstmuseum bespielt seit der Einweihung seines spektakulären Neubaus 2016 drei Häuser. Und der Ausbau geht ­ungebremst weiter: Im Mai sagte die Basler Stimmbevölkerung Ja zum Neubau für das Naturhistorische Museum und das Staatsarchiv. Kosten: 216 Millionen Franken. Zudem möchte die Fondation Beyeler seine Ausstellungsfläche mit einem 100-Millionen-Franken-Bau von Stararchitekt Peter Zumthor um 50 Prozent erweitern.

Im Bauen von neuen Ausstellungsgebäuden sind die Basler Weltmeister. Hierfür lässt sich einfach privates Geld auftreiben. Dass die zusätzlichen Ausstellungsflächen dann beträchtliche Folgekosten mit sich bringen, lässt man in der Euphorie jeweils gerne ausser Acht. Für den Neubau des Kunstmuseums wurden die Betriebs- und Unterhaltskosten ursprünglich um zweieinhalb Millionen Franken zu tief angegeben. Manche sagen: absichtlich, um das Projekt nicht zu gefährden. Entsprechend geriet das Museum nach der Einweihung in finanzielle Nöte. Dass auch die zwei Wassereinbrüche von diesem Jahr damit zu tun haben, streitet das Museum aber ab. Die finanzielle Situation hat sich mittler­weile etwas entspannt, seit die Subventionen um zwei Millionen Franken angehoben wurden.

Auch die Causa Kunstmuseum war von vielen Misstönen begleitet. Die kurz nach der Eröffnung des Neubaus eingesetzte kaufmännische Direktorin, Annette Schönholzer, hatte immer wieder auf die finanzielle Fehlplanung aufmerksam gemacht. Was das Departement von Elisabeth Ackermann ­offensichtlich wenig goutierte. Schönholzer verliess das Museum im April 2018, nach nur eineinhalb Jahren. In der Basler Museumsszene heisst es, sie sei mit einer grosszügigen Abgangsentschädigung und einer Schweigevereinbarung verabschiedet worden sein. Die Jahresrechnung 2018 des Kunstmuseums lässt vermuten, dass dies richtig ist. Auf dieselbe Art löste das Präsidialdepartement ein Jahr zuvor bereits das Problem um Marie-Paule Jungblut, die ehemalige Direktorin des Historischen Museums.

Die Geschichte droht sich erneut zu wiederholen. Marc Fehlmann, der die Misswirtschaft im Historischen Museum aufgedeckt hat, ist zurzeit nicht erreichbar. Es heisst, er stehe noch immer unter dem von Elisabeth Ackermann auferlegten Redeverbot. Weshalb werden Kritiker in Basel ruhiggestellt? Regierungschefin Ackermann sagt, man sei daran, Massnahmen festzulegen, um das Museum wieder auf gesunde Beine zu stellen. «Es ist nicht zielführend, diesem ­Prozess vorzugreifen und in der ­Öffentlichkeit voreilig über Details zu spekulieren.»



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Erstellt: 06.10.2019, 00:41 Uhr

In Zahlen

1258 Fr.
gibt die öffentliche Hand von Basel-Stadt jährlich pro Einwohner für die Kultur aus. Damit liegt der Kanton mit grossem Abstand an erster Stelle. Auf Platz zwei folgt mit 838 Franken der Kanton Genf (Stand 2015).

38
Museen buhlen in Basel und Riehen um Kundschaft, inklusive Ableger wie die Abteilung Gegenwart des Kunstmuseums.

1,23 Mio.
Besucher zählten alle Basler Museen zusammen im vergangenen Jahr. Am meisten verzeichnete die private Fondation Beyeler in Riehen mit 280'000.

60,3 %
der Basler Stimmbevölkerung sagten am 19. Mai Ja zum 214 Millionen Franken teuren Neubau des Naturhistorischen Museums.

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