Chefin und schwanger, na und?

Managerinnen im Mutterschaftsurlaub – was vor einigen Jahren noch für Aufregung sorgte, wird normaler.

Kaderfrauen mit Babybauch sind keine Ausnahmeerscheinung mehr. Foto: Plainpicture/Bildhuset/Paulina Westerlind

Kaderfrauen mit Babybauch sind keine Ausnahmeerscheinung mehr. Foto: Plainpicture/Bildhuset/Paulina Westerlind

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ricarda Demarmels arbeitet als Topkader in der Lebensmittelgruppe Orior. Und sie ist hochschwanger. In einem halben Jahr wird sie bei Emmi tätig sein, wiederum als Finanzchefin. Emmi ist ein international tätiges Unternehmen und der grösste Milchverarbeiter der Schweiz. Sechsmal grösser als Orior. Bevor sie ihren neuen Job antritt, wird Demarmels einen Mutterschaftsurlaub beziehen.

Vor knapp zehn Jahren lösten die Schwangerschaft und der Mutterschaftsurlaub von Jasmin Staiblin eine gehässige öffentliche Debatte aus. Die heutige Alpiq-Chefin stand damals an der Spitze von ABB Schweiz. Dass Managerin-Sein, Kinderkriegen und Mutterschaftsurlaub zusammengehen, war für manche unvorstellbar. «Darf eine Firmenchefin einfach schwanger werden?», fragte «Weltwoche»-Chef und heute SVP-Nationalrat Roger Köppel. «Aus Sicht der Firma ist es verantwortungslos, wenn die Chefin in einer Wirtschaftskrise für Monate ihren Posten räumt», schrieb er. Und lobte Ems-Chefin und SVP-Kollegin Magdalena Martullo-Blocher, die nach der Geburt von zwei Kindern nur ein paar Tage fehlte.

Heute ist das anders. Orior hätte Demarmels sehr gerne behalten. Und für Emmi spielte ihre bevorstehende Mutterschaft keine Rolle. «Demarmels ist eine ausgewiesene Führungskraft mit grosser Finanzexpertise und Erfahrungen in einem börsenkotierten Umfeld», sagt Emmi-Sprecherin Sibylle Umiker. Natürlich komme während des Auswahlprozesses für eine solch wichtige Position auch das persönliche Umfeld und allenfalls die Familie zur Sprache. «Dabei spielt es jedoch im Grundsatz keine Rolle, ob der Kandidat eine Frau oder ein Mann ist. Familienmanagement oder ein Wohnortswechsel betreffen unabhängig vom Geschlecht das private Umfeld einer jeden Person.» Alle Konzernleitungspositionen bei Emmi seien sehr fordernd. «Sie bringen beispielsweise auch regelmässig Abendeinsätze oder mehrtägige Reisen mit sich.»

Besonders in grossen Firmen findet sich leicht ein Ersatz

Emmi ist offenbar bemüht um eine frauenfreundliche Unternehmenskultur. Dieses Jahr hat sich der Frauenanteil im Verwaltungsrat des Konzerns verdoppelt. Im neunköpfigen Gremium sitzen nun vier Frauen. Was für die Schweiz fast schon exotisch ist. In der Regel sind die Topkader immer noch vorwiegend männlich besetzt. «Eine gesunde Diversität an Kompetenzen, Persönlichkeiten, Erfahrungen, Alter und Geschlecht sind das beste Rezept für ein erfolgreiches Team», sagt Emmi-Verwaltungsrätin Monique Bourquin. Die neue Finanzchefin ergänzt nach ihrer Ansicht die jetzige Konzernleitung optimal.

Ricarda Demarmels: Die schwangere Finanzchefin wechselt von Orior zu Emmi. Bild: PD

Doris Aebi, die im Auftrag von Unternehmen Top-Führungskräfte sucht, beobachtet ein Umdenken. Heute sei bei der Besetzung von Kaderstellen die Frage nach der Familienplanung der Kandidatinnen sehr selten ein Thema. «Die Familienphase ist für Personen in diesen Top-Positionen meist bereits abgeschlossen», erklärt sie. «Früher wurde dieses Thema eher von den Kunden angesprochen.» Aebi sieht aber Unterschiede zwischen grossen Firmen und KMU. «In Grossunternehmen lässt sich leichter im Konzern ein Ersatz für den Mutterschaftsurlaub finden als in kleineren und mittleren ­Firmen.»

Deshalb greifen KMU gerne auf Temporärvermittler zurück, wenn eine Managerin schwanger wird. Adecco-Tochter Badenoch & Clark ist auf die Vermittlung von Führungskräften spezialisiert. Bei drei von zehn Managementpositionen in der Romandie, die sie temporär besetzt, geht es um Mutterschaftsvertretungen.

Noch werden schwangere Managerinnen diskriminiert

Es lohne sich allemal, frauenfreundliche Rahmenbedingungen zu schaffen, sagt Guido Schilling, Berater in der Besetzung von Toppositionen. «Noch nie war das Bedürfnis nach Frauen so gross wie heute, da 92 Prozent der Führungsetagen von Männern besetzt sind.» Die Wirtschaft habe erkannt, dass durchmischte Führungsteams einen Mehrwert bringen.

Aber nicht immer läuft es so rund wie bei Emmi und Orior. Das zeigt der Bericht der schwangeren Personalchefin eines mittelgrossen Unternehmens. Sie erzählt, dass ihr Chef gar keine Freude zeigte, als sie zum zweiten Mal schwanger wurde. «Er sagte zu mir: Mal schauen, welche Position du nach dem Mutterschaftsurlaub bekommen wirst.»

Doch als Personalchefin kennt sie die rechtliche Situation. Der Arbeitgeber darf ihr während der Schwangerschaft und in den 16 Wochen nach der Geburt nicht kündigen. Somit hat sie das Recht, nach dem Schwangerschaftsurlaub wieder an ihre Stelle zurückzukehren. Erst dann darf ihr Chef ihr kündigen. In ihrem Arbeitsvertrag wurde eine sechsmonatige Kündigungsfrist festgehalten. Deshalb kann sie ihre Position auch nach dem Mutterschaftsurlaub vorerst behalten. Angesichts der verkorksten Situation schaut sie sich jetzt trotzdem nach Alternativen um.

Im Ausland sind selbst neun Kinder kein Hindernis

Anders ist es im Ausland. Dort sind schwangere Frauen in Top-Positionen schon länger der Normalfall. So etwa die Yahoo-Chefin Marissa Mayer, die Zwillinge gebar, als sie 2015 an der Spitze der Firma stand. Auch für die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern war ihre Schwangerschaft im Amt kein Problem.

Helena Morrissey, eine der mächtigsten Frauen in der Londoner Finanzwelt, hat sogar neun Kinder. «Bei einer meiner Schwangerschaften ging ein männlicher Kollege nach meiner Ankündigung zum damaligen Chef des Investmenthauses Newton und sagte: ‹Meine Güte, sie ist schon wieder schwanger›», erzählt die Topmanagerin, die bei einem britischen Vermögensverwalter arbeitet, in einem Interview. «Unser Chef antwortete: ‹Na und? Sie kommt jedes Mal besser zurück!›»

Morrissey ergänzt: «Ich würde sagen, das entspricht nicht ganz der Wahrheit. Aber er hatte erkannt, dass es seiner Fondsgesellschaft nützt, viele unterschiedliche Menschen zu beschäftigen – auch mehrfache Mütter. Die Vielfalt erhöhe die Chance, auf Probleme die richtige Antwort zu finden.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 01.12.2018, 21:54 Uhr

Artikel zum Thema

Schwanger, entlassen, sucht

Immer wieder werden Frauen wegen ihrer Schwangerschaft entlassen oder am Arbeitsplatz benachteiligt. Was der Bundesrat zu diesem Problem sagt. Mehr...

Was Schwangere beim Sport beachten sollten

Bewegung tut auch während der Schwangerschaft gut – aber nicht jedes Training ist gesund. Worauf es dabei ankommt. Mehr...

Fehlgeburt während der Nachtschicht

Eine Anästhesistin verlor bei der Arbeit im Inselspital ihr Kind. Wie Diskriminierung und Überarbeitung Ärztinnen an ihre Grenzen bringt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Festival vereint die verschiedenen Kulturen des Landes: Eine Frau singt und tanzt bei einem Strassenfest in Südafrika in einem traditionellen Kleid. (14. Dezember 2018)
(Bild: Rajesh JANTILAL) Mehr...