Credit Suisse finanziert Firma, die Khashoggi-Mord ermöglicht haben soll

Die Bank vergab einen 500-Millionen-Kredit an den israelischen Hersteller der Spionagesoftware Pegasus. Mit deren Hilfe hat das saudische Regime mutmasslich den Journalisten ausgehorcht.

Der kaltblütige Mord sorgte weltweit für Entsetzen: Kundgebung für Jamal Khashoggi am 10. Oktober 2018 vor der saudischen Botschaft in Washington. Foto: Keystone

Der kaltblütige Mord sorgte weltweit für Entsetzen: Kundgebung für Jamal Khashoggi am 10. Oktober 2018 vor der saudischen Botschaft in Washington. Foto: Keystone

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Die Credit Suisse ist am umstrittenen Übernahmedeal um die israelische Sicherheitsfirma NSO Group beteiligt. Die Schweizer Bank hat zusammen mit der New Yorker Investmentbank Jefferies einen Kredit in der Höhe von 510 Millionen US-Dollar gewährt, der den beiden NSO-Gründern mit Unterstützung der Londoner Beteiligungsgesellschaft Noval­pina Capital eine Übernahme der Firma ermöglicht.

Kontrovers ist der Deal wegen der Spionagesoftware Pegasus, die NSO weltweit vertreibt. Sie wird zur Terrorabwehr und Verbrechensbekämpfung eingesetzt, aber offenbar auch zur Bespitzelung von Regimegegnern. Gegen das israelische Unternehmen laufen deswegen mehrere Klagen. Der saudische Dissident Omar Abdulaziz wirft NSO vor, der saudischen Regierung dank Pegasus das Abhören seiner Kommunikation mit dem saudischen Journalisten Jamal Khashoggi ermöglicht zu haben. Dieser wurde im Oktober 2018 im saudischen Konsulat in Istanbul brutal ermordet, seine Leiche zerstückelt.

Software gegen Menschenrechtler eingesetzt

NSO-Gründer Shalev Hulio sagte Ende März in einem Interview mit dem US-Fernsehsender CBS, er habe sofort überprüfen lassen, ob Pegasus bei der Ermordung Khashoggis eine Rolle gespielt habe. Er könne klar sagen: Seine Firma habe «mit dem schrecklichen Mord nichts zu tun». Laut «Washington Post» ist aber Pegasus tatsächlich an die Regierung in Riad verkauft worden, mit Genehmigung der israelischen Regierung. Dies stellte Hulio nicht in Abrede.

Bildstrecke: Der Fall Jamal Khashoggi

In weiteren Verfahren haben Betroffene in Mexiko und den Vereinigten Arabischen Emiraten schwere Vorwürfe gegen NSO erhoben. Im Februar beklagte die Menschenrechtsorganisation Amnesty International in einem offenen Brief an Mehrheitseigner Novalpina, dass Pegasus allein in Mexiko gegen 24 Menschenrechtler, Journalisten und Parlamentarier eingesetzt worden sei. Auch der Menschenrechtsaktivist Ahmed Mansoor aus den Arabischen Emiraten war Zielobjekt. Zudem wurden gemäss Amnesty Ermittler der israelischen Sicherheitsfirma Black Cube gegen Privatpersonen eingesetzt, die Nachforschungen zu NSO anstellten. Black Cube war 2010 von ehemaligen Mitgliedern des israelischen Geheimdienstes Mossad gegründet worden. Amnesty fordert von Novalpina das Ende aller Verkäufe von NSO-­Produkten zur Kommunikationsüberwachung an Staaten, die Menschenrechte verletzen.

Pegasus wird laut der Website von NSO gegen Terroristen, Pädophile, Drogendealer und andere Kriminelle eingesetzt. So gelang es 2016 durch die Überwachung von Smartphones eines Journalisten und einer Schauspielerin, den mexikanischen Drogenboss El Chapo zu schnappen. Laut Firmenchef Shalev Hulio hat die Technologie «Zehntausenden von Menschen das Leben gerettet». Das Motto der Firma lautet: «Wir arbeiten, um Leben zu retten und eine bessere, sicherere Welt zu schaffen.»

Pegasus wurde auch in der Schweiz entdeckt

Doch die hehren Ziele dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass autoritäre Regierungen Spionagesoftware gegen missliebige Kritiker einsetzen. Eine effektive Kontrolle ist unmöglich. NSO kann zudem dubiose Kunden nur dann aussortieren, wenn es Beschwerden und Klagen gibt. Laut Hulio ist dies erst dreimal geschehen.

Bereits im September hatte das «Citizen Lab» der Universität Toronto enthüllt, dass Pegasus in 45 Staaten eingesetzt wird, auch in der Schweiz. Die Spezialisten konnten einen Nutzer namens «Edelweiss» aufspüren; die Aktivitäten erfolgten über die Swisscom. Laut deren Sprecher, Armin Schädeli, gibt es dazu oder zu anderen Operationen mit Pegasus «keine Erkenntnisse».

Die kanadischen Cyberjäger konnten zwischen August 2016 und August 2018 weltweit 1091 IP-Adressen und 1014 Domain-Namen mit Pegasus in Verbindung bringen. Sechs Staaten, welche die Spionagesoftware verwenden, sind für Bespitzelungen ihrer Bürger bekannt, nämlich Bahrain, Kasachstan, Mexiko, Marokko, Saudiarabien und die Vereinigten Arabischen Emirate.

Für die Credit Suisse stellt der NSO-Kredit nicht nur ein Reputationsrisiko dar, sondern auch ein finanzielles.

Die Kanadier beschreiben auch, wie Pegasus funktioniert. Die Software wird von einem Angreifer über einen Programmcode auf ein Smartphone geschleust. Wenn der Besitzer ein vermeintlich harmloses SMS anklickt – etwa eine Nachricht zu einer Paketlieferung –, wird Pegasus installiert. Danach kann die Software über Apps Privatdaten absaugen, einschliesslich Pass­wörter, Kontaktlisten, SMS und Livetelefonate. Der Angreifer kann sogar die Kamera und das Mikrofon des Smartphones aktivieren. Pegasus kann jedes Smartphone knacken.

Für die Credit Suisse stellt der NSO-Kredit nicht nur ein Reputationsrisiko dar, sondern auch ein finanzielles. Da die Platzierung des Kredits bei Anlegern harzig verlief, mussten Credit Suisse und Jefferies den Kredit vorstrecken und gleichzeitig den Käufern einen deutlichen Abschlag offerieren. Laut der Nachrichtenagentur Bloomberg lag er bei 10 Prozent, sodass die Credit Suisse mit einem Verlust rechnen muss. Ein Sprecher der Bank erklärt, man mache zu «allfälligen Kundenbeziehungen keine Aussagen.»



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Erstellt: 27.04.2019, 19:19 Uhr

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