«Da kann ich nur sagen: Chapeau, sensationell!»

Sportchef Christoph Spycher glaubt, dass die Young Boys jetzt eine Meistermentalität besitzen.

YB-Sportchef Christoph Spycher ist überzeugt: «Wir sind noch gefestigter als in der ersten Saisonhälfte.»

YB-Sportchef Christoph Spycher ist überzeugt: «Wir sind noch gefestigter als in der ersten Saisonhälfte.» Bild: Keystone

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Wieso wird YB seinen Vorsprung nicht mehr verspielen?
Weil etwas sehr Stabiles und Gutes zusammengewachsen ist. Wir sind noch gefestigter als in der ersten Saisonhälfte. Es «fägt» jeden Tag, für YB zu arbeiten. Das hat nicht nur mit der Mannschaft und ihrer Mentalität zu tun, sondern auch mit dem Team rundherum. Das Vertrauen untereinander ist enorm gross. Und natürlich fördern die Resultate das Selbstvertrauen. Wir spüren, dass wir Geschichte schreiben können.

Den Meistertitel öffentlich als Ziel zu formulieren, das ist für YB verhältnismässig forsch.
Forsch war, wenn in der Vergangenheit ähnliche Ankündigungen vor der Saison gemacht wurden – und der Rückstand dann nach sechs Runden schon sieben Punkte betrug . . . Jetzt ist aber die Ausgangslage anders. Wir lagen nach 19 Runden zu Recht vorn und konnten den Spielern doch nicht mehr ­sagen: «Platz 2 wäre auch okay.»

Wie lässt sich die Mentalität der Mannschaft beschreiben?
Die Spieler zeichnet ein enormes Selbstverständnis aus, sie sind unbelastet. Eine solche Mentalität habe ich hier seit 2010 noch nie festgestellt. Dass YB letztmals vor 31 Jahren einen Pokal gewann, das kümmert sie nicht. Das war in einer Zeit, in der die meisten noch gar nicht geboren ­waren. Diese Mannschaft hat an physischer Stärke zugelegt, sie ist talentiert, unberechenbar und eine Einheit. In dieser Form konnten wir das nach dem Umbruch im vergangenen Sommer nicht erwarten. Es kamen Spieler hinzu, die allein bis zum Winter so viele Partien bestritten wie vorher in fast einer ganzen Saison. Da kann ich nur sagen: ­Chapeau, sensationell!

Was macht Adi Hütter zur idealen Besetzung als Trainer?
Seine kommunikativen Fähigkeiten, die Bereitschaft, neue Lösungen zu suchen und sich als Trainer immer wieder neu zu erfinden. Und die offensive Ausrichtung. Ich möchte nie einen Maurer­meister an der Seitenlinie, weil das die Berner nicht sehen wollen.

«Wir spüren, dass 
wir Geschichte 
schreiben können.»
Christoph Spycher

Kommt es zwischen Ihnen beiden auch zu Meinungsverschiedenheiten?
Wir zwei sind starke Persönlichkeiten, da kommt es selbstverständlich zu kontroversen Diskussionen. Aber entscheidend ist: Wir verfolgen das gleiche Ziel, den Erfolg. Und Adi weiss: Ich bin nicht ein Sportchef, der in heiklen Momenten von ihm abrückt. Im Gegenteil.

Der sportliche Höhenflug von YB wird vor allem mit Ihnen in Verbindung gebracht. Ist Ihnen das grosse Lob manchmal unangenehm?
Es ist doch menschlich: Jeder hat lieber Lob als Kritik. Aber ich klopfe mir ­sicher nie auf die Schulter und denke: Hey, du bist ein Siebesiech. Ohne ein Team, wie ich es habe, gäbe es den Erfolg nicht. Worauf wird ein Sportchef oft reduziert? Auf Transfers, auf die Kader­zusammenstellung. Spycher holte ­Nsame, Spycher holte Sow... Aber vielleicht war für Sow ja ein Gespräch mit Chefscout Stéphane Chapuisat ausschlaggebend. Mein grösstes Verdienst sind nicht die Transfers, sondern die Zusammenstellung meines Teams, der Mitarbeiter, die alle im Hintergrund arbeiten. Ich sehe mich nur als ein ­Puzzleteil davon.

Sie gelten nicht als angriffiger Sportchef, der laute Töne anschlägt. Wann werden Sie unbequem?
Ich bin kein streitsüchtiger Mensch, scheue aber Konfrontationen nicht. Zum Beispiel, wenn Sékou Sanogo vom TV-Einzelrichter gesperrt wird.

In Lugano trat er Gegenspieler Bottani, der Schiedsrichter bekam das nicht mit, Sanogo wurde nachträglich für zwei Spiele gesperrt...
...und jetzt wird er in eine Ecke gedrängt, und das ist nicht korrekt. Sanogo ist kein unfairer Sportsmann. Wenn er so dargestellt wird, wehre ich mich.

Wie viel steckt von Ihrem Vorgänger Fredy Bickel noch im Team?
Es sind immer noch hervorragende Spieler da, die er geholt hatte, Hoarau, Von Bergen, Sulejmani. Oder ein Zakaria kam und wurde für viel Geld nach Mönchengladbach verkauft. Also hat Fredy Bickel natürlich einen Anteil. Aber wir haben seit September 2016 auch sehr vieles verändert.

Im Winter verliess kein Stammspieler YB. Gab es keine Angebote, oder öffneten Sie das Portemonnaie?
Weder noch. Wir setzten uns früh mit Spielern und Beratern zusammen, um über ihre Karriere zu reden. Nehmen wir das Beispiel Kevin Mbabu. Natürlich gab es für ihn Interessenten. Aber wir wollen Spieler wie ihn in eine Position bringen wie damals Zakaria. Er soll also nicht einer sein, der bei einem ­anderen Club bloss das Kader auffüllt, sondern eine wichtige Rolle übernehmen. Ausserdem ergeben Transfers im Sommer viel mehr Sinn als im Winter.

Befürchten Sie einen Ausverkauf?
Nicht gerade einen Ausverkauf, aber es wird im Sommer Veränderungen geben. Es ist die Realität, dass wir diese Mannschaft nicht zwei Jahre zusammenhalten können. Wir sind in einer Ausbildungsliga, da ist es natürlich, dass die Besten irgendwann weiterziehen. Das ist Teil unseres Geschäftsmodells: Wenn die Besten gehen, wollen wir entsprechende Einnahmen generieren, um wieder investieren zu können.

Wer wird im Sommer Trainer bei YB?
Wir haben einen sehr guten Trainer unter Vertrag.

Aber Hütter ist begehrt.
Auch klar. Aber das darf kein Problem für uns sein. Wir sind nicht träumerisch unterwegs, wir glauben nicht, dass YB der beste Verein der Welt ist und Adi Hütter noch 15 Jahre bei uns bleibt.

Und was machen Sie, sollte YB das Double gewinnen?
Dann wird die Zeit nicht stillstehen.

Sie könnten doch Lust auf einen Job in der Bundesliga bekommen.
Ich bin happy bei YB. Ich verlasse den Club erst, wenn ich nicht mehr jeden Tag motiviert ins Büro fahre.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 10.03.2018, 23:45 Uhr

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