Da kommt etwas auf die ­Bauern zu

Die Blockadepolitik des Bauernverbands greift beim wachsenden ökologischen Bewusstsein und bei der Mora­li­sie­rung der Tierhaltung nicht mehr.

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Fröhliche Kinder, glückliche Tiere, gmögige Bauern bevölkern die Werbespots von Migros oder Coop. Die Werbung für Schweizer Zucker feiert Schweizer Qualität, wo doch der einzige Unterschied zu ausländischer Ware im überhöhten Preis besteht. Diese Heidi-Welt hat mit moderner Lebensmittelproduktion nichts gemein.

Viele Schweizer Bauern stehen unter grossem wirtschaftlichen Druck. Sie produzieren sehr intensiv, intensiver als die meisten Bauern in Europa. Das hat Folgen für Umwelt und Tiere. Zwischen 2014 und 2017 erhielten 62'000 Betriebe Gelder vom Bund. 30 Prozent von ihnen mussten die Direktzahlungen wegen Verstössen gegen das Tierschutzgesetz gekürzt werden, wie die Recherchen meiner Kolleginnen und Kollegen zeigen. Viele von Kürzungen ­Betroffene waren Wiederholungstäter.

In einem Bericht stellte der Bundesrat 2017 fest, «dass bisher keines der 13 Umweltziele Landwirtschaft vollständig erreicht wurde». Nächstes Jahr kommen zwei Initiativen gegen den Pestizideinsatz in der Landwirtschaft vors Volk. Der Bauernverband hat sich durchgesetzt: Vor zehn Tagen lehnte der Nationalrat auch die Option eines Gegenvorschlags ab.

«Schweizer Bauern ­produzieren intensiver als die ­meisten in Europa.»

3,7 Milliarden Franken an direkten Subventionen fliessen in die Landwirtschaft. Dazu kommen Milliarden, welche die Konsumenten in Form von überhöhten Preisen tragen, ausserdem versteckte Belastungen und Nachteile für die Exportwirtschaft, wobei oft nicht die Bauern, sondern vor- und nachgelagerte Unternehmen, allen voran der Agrarkonzern Fenaco und die Detailhändler Migros und Coop, profitieren. Die Subventionen sind laut Gesetz an die Erfüllung konkreter Ziele gebunden, doch die Einhaltung der Ziele wird kaum überprüft. Ein zielorientierter Einsatz der Mittel ist so nicht möglich.

Bisher war die Blockadepolitik des Bauernverbands sehr erfolgreich. Möglich, dass sie auch bei der Ablehnung der Pestizid-Initiativen funktioniert. Noch haben die Bauern viel Rückhalt in der Gesellschaft. Aber irgendwann wird die Bevölkerung nicht mehr mitmachen. Dann kommt es zum Knall, wie am 28. September 1986, als die Stimmbürger Nein sagten zum neuen Zucker­beschluss, der die Anbaufläche für Rüben massiv ausgeweitet hätte. Zum ersten Mal hatten sich die Konsumenten gegen die Agrarlobby durchgesetzt. Es war das Ende des Agrarkonzepts mit Preis- und Absatzgarantien.

Der Bauernverband hatte das Gespür für die Stimmung in der Gesellschaft verloren. Ähn­liches lässt sich heute beobachten. Das wachsende ökologische Bewusstsein, die Mora­li­sie­rung der Tier­hal­tung, die Zunahme von Vegetarismus und Veganismus – da kommt etwas auf die ­Bauern zu, das sich mit Lobbying nicht aufhalten lässt.



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Erstellt: 30.06.2019, 00:06 Uhr

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