«Da steht: ‹Schlagt dieser Schlampe den Kopf ab»

Imamin Seyran Ates über die Hasstiraden ihrer Gegner, die Burka und die falsche Toleranz des Westens.

«Klar habe ich Angst. Nicht 
nur um mich»: Seyran Ates, 54. Foto: Norman Konrad

«Klar habe ich Angst. Nicht nur um mich»: Seyran Ates, 54. Foto: Norman Konrad

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Finnen waren schon da, auch ein Reporterteam aus Brasilien, Journalisten aus Österreich haben sich für den nächsten Tag im Gebetshaus angemeldet. Die deutsch-türkische Anwältin und Frauenrechtlerin Seyran Ates sorgt weltweit für Schlagzeilen. Sie gründete in Berlin die liberale Ibn-Rushd-Goethe-Moschee. Hier dürfen Frauen predigen und zusammen mit den Männern beten, Homosexuelle sind willkommen, Burka-Trägerinnen müssen draussen bleiben. Ates hat sich zur Imamin ausbilden lassen. Seit der Eröffnung ihrer Moschee am 16. Juni erhält sie Morddrohungen. Sie steht rund um die Uhr unter erhöhtem Polizeischutz durch Personenschützer des Landeskriminalamts.

Frau Ates, wenn man Sie anruft, klingelt es ins Leere. Dann bekommt man eine SMS mit der Frage, wer angerufen habe. Eine Sicherheitsmassnahme?
Ja. Ich gehe nicht mehr ans Telefon, wenn ich die Nummer nicht kenne.

Sie werden beschimpft und massiv bedroht. Haben Sie Angst?
Klar habe ich Angst. Nicht nur um mich. Meine grösste Angst ist, dass auch denen, die mir nahestehen, etwas passiert.

Wann hat die Hetze gegen Sie angefangen?
Die türkischen Medien haben schon am Tag zwei nach der Eröffnung der Moschee berichtet. Reporter waren an die Feier gekommen, verdeckt. Einer hat behauptet, er sei von der «Bild»-Zeitung. Dabei arbeitet er für den türkischen Regierungssender A Haber. Sie haben Fake-Fotos gemacht, Korane auf den Boden gelegt und das so fotografiert, als ob wir da drauftreten. Mit Lügen haben sie Feindschaft gegen uns gesät. Das ist mit ein Grund, warum so viele türkischsprachige Leute Morddrohungen und hässliche E-Mails schicken.

Kam es schon zu Tätlichkeiten?
Kurz nach der Eröffnung der Moschee haben mich auf der Strasse drei muslimische Männer auf der Strasse erkannt und angegriffen. Der eine sagte: «Du bist doch die von dieser liberalen Moschee, wo die Perversen beten, Frauen mit Männern zusammen, Lesben und Schwule, ihr perversen Schweine. Du stirbst bald!» Am selben Tag bekam ich abends einen Anruf, dass ich sterben werde. In den ­sozialen Medien gibt es Hunderte von Einträgen mit Beschimpfungen. Ich habe so viele Morddrohungen erhalten, dass das Landeskriminalamt zu der Einschätzung gelangt ist, mich rund um die Uhr beschützen zu müssen.

Was steht in diesen Facebook-Einträgen?
Da steht zum Beispiel: «Verrecke in der Hölle», «Schlagt dieser Schlampe den Kopf ab und lasst sie ausbluten».

Wie viele Leute kommen in Ihrer Moschee zum Freitagsgebet?
Acht bis zehn Personen.

Sind das nicht enttäuschend wenige?
Die Leute haben Angst, eine riesige Angst. Und sie werden von ihrem Umfeld unter Druck gesetzt. Die Zahl der Menschen, die kommen wollen, ist sehr viel höher.

«Die Grossmächte müssten die Türkei aus den G-20 ausschliessen»

Die Anfeindungen gegen Sie werden mit einem politischen Dreh angeheizt: Medien in der Türkei und die Religionsbehörde in Ankara bezeichnen Ihre ­Moschee als Gülen-Einrichtung.
Dieser Vorwurf ist völlig absurd. Damit will man uns diffamieren. Die Gleichung ist die folgende: Fethullah Gülen wird in der Türkei als Terrorist bezeichnet und von der Regierung für den versuchten Militärputsch im letzten Juli verantwortlich gemacht. Dadurch ist jeder, der Gülen-Anhänger ist, ein Terrorist. Und jeder Terrorist ist zum Abschuss freigegeben.

Glauben die Leute diese ­Propaganda?
Die einfachen Leute glauben das tatsächlich. Und wissen Sie, was: Sie tun das so sehr, dass inzwischen sogar Gülen-Anhänger glauben, sie hätten bei unserer Moschee die Finger im Spiel.

In der Türkei sind zehn ­Menschenrechtsaktivisten verhaftet worden, darunter ein Deutscher und die Länderchefin von Amnesty International. Auch ihnen werden ­Verbindungen zu Terrororganisationen vorgeworfen.
Das ist unsäglich. Da werden unbescholtene Leute unter hanebüchenen Beschuldigungen verhaftet und in Untersuchungshaft gesteckt. Erdogan sagt nicht einmal, um welche Terrororganisationen es sich handeln soll. Was hier passiert, hat mit unseren europäischen Werten nichts mehr zu tun. Es reicht nicht, das aufs Schärfste zu verurteilen, jetzt müssen endlich Konsequenzen gezogen werden. Die Grossmächte müssten die Türkei aus den G-20 ausschliessen.

«Die Schweiz müsste sich öffentlich distanzieren. Alle Länder müssten das tun»

Die Schweiz setzt gegenüber Erdogan auf stille Diplomatie hinter verschlossenen Türen. Ist das eine kluge Politik?
Stille Diplomatie ist hier ganz falsch. Erdogan gehört zu jenen Leuten, die nur ein klares Wort verstehen. Die Schweiz müsste sich öffentlich distanzieren. Alle Länder müssten das tun. Was in der Türkei passiert, ist Diktatur.

Sie bekamen auch eine Fatwa aus Kairo. Was steht da drin?
Dass es nicht richtig sei, was wir machen. Aber es steht nicht drin, warum. Das ist bezeichnend. Weil sie keine Argumente haben, schlagen sie mit Plattheiten und Beschimpfungen auf uns ein.

Wie gefährlich ist diese Fatwa für Sie?
Unsere Gegner fühlen sich dadurch legitimiert, gegen uns vorzugehen. Es muss nicht sofort etwas passieren, sie warten und warten, bis sich eine Gelegenheit ergibt. Das ist wie bei Islamkritiker Hamed Abdel-Samad. Er muss seit drei Jahren beschützt werden. Die Fatwa ist sozusagen ein Hinweis, dass etwas Falsches passiert. Und sie fordert indirekt zum Handeln auf, weil die Gläubigen immer wissen, was sie zu tun haben, wenn jemand die Religion beleidigt.

Das steht so in dieser Fatwa?
So ist die Fatwa zu verstehen.

Ein Aufruf zum Mord?
Ein Aufruf, alles zu tun, um zu verhindern, dass wir weiterexistieren.

Ihre Kritiker werfen Ihnen vor, Praktiken anzuwenden, die mit den «grundlegenden Quellen» des Islam nicht vereinbar seien. Zum Beispiel das Beten in gemischten Gruppen.
Seit 1400 Jahren beten Frauen und Männer in Mekka zusammen. Der Anfang unserer Religion war viel gleichberechtigter als heute.

«Seit 1400 Jahren beten Frauen und Männer in Mekka zusammen»

Wie wird das Verbot des gemeinsamen Betens begründet?
Als Grund wird immer wieder genannt, dass dies mit der Art und Weise zu tun habe, wie Muslime beten. Männer könnten den Frauen beim Beten auf das Gesäss schauen. Das würde sexuelle Gefühle wecken.

Was entgegnen Sie?
Dass sie dann nicht richtig beten. Beim Beten verneigt man sich vor Gott und hat den Blick zu Boden gerichtet. Sie dürfen gar nicht nach vorne gucken. Offensichtlich haben diese Männer ein sexuelles Problem, wenn sie sogar in der Moschee eine Frau sexualisieren. Die Frauen leiden unter dieser ständigen Sexualisierung. Alles wird sexualisiert, jedes Gespräch, jedes Verhalten, jedes Angucken.

Jeder Händedruck?
Es gibt Muslime, für die ist das Handgeben wie Fremdgehen. Ich war vor einigen Jahren in einer TV-Talksendung. Ein Imam aus Leipzig war auch eingeladen. Er gab uns Frauen nicht die Hand. Als ich ihn fragte, warum er das nicht tue, sagte er glatt: «Ich habe meiner Frau Treue geschworen.»

In Therwil BL weigerten sich zwei muslimische Schüler, ihrer Lehrerin die Hand zu geben. Der Schulleiter tolerierte das.
Das geht nicht. Der Schulleiter hätte das nie zulassen dürfen. Früher hätte man von «Naivität» sprechen können. Aber heute, in Zeiten des Terrors, kann man sich nur an den Kopf fassen. Der Westen hat seine eigene Verfassung nicht begriffen. Wir dürfen den Gegnern der Freiheit keine Sonderrechte einräumen, damit sie unsere Freiheit beschneiden können.

Ist das nicht übertrieben? Was ist so schlimm daran, wenn zwei Schüler aus religiösen Gründen die Hand nicht geben wollen?
Nein, ich übertreibe nicht. Was passiert denn hier gerade? Man sagt, die hat halt mal ein Kopftuch an, dann kriegen sie halt Gebetszeiten in der Schule, dann geben sie eben nicht die Hand, dann machen wir eben Halal-Essen, und es gibt an der Schule kein Schweinefleisch mehr. Man glaubt, damit sei das Problem gelöst. Sollen die Mädchen eben mit dem Burkini ins Bad, sollen sie halt nicht mehr auf Klassenfahrten gehen, was ist denn dabei so schlimm. Und so gehts weiter. Das zeigt, wie sich der Extremismus in Europa breitmacht.

 «Es gibt 2800 Moscheen in Deutschland, und die allerwenigsten davon sind integrativ»

Sie würden auch den Burkini verbieten?
Ja. Es reicht jetzt einfach. Die rote Linie ist schon ziemlich lange überschritten. Die deutsche Linke, die so tolerant sein möchte, hadert dermassen mit der Vergangenheit, dass sie die Entstehung des grössten Extremismus zulässt. Es gibt 2800 Moscheen in Deutschland, und die allerwenigsten davon sind integrativ. Das ist so oft schon nachgewiesen worden. Die Feindseligkeit, die ich jetzt erlebe, bestätigt das.

Es gibt die Religionsfreiheit, man kann nicht einfach alles verbieten.
In der Regel haben wir es hier nicht mit armen Muslimen zu tun, die nur friedlich ihre Religion ausüben wollen. Es geht auch nicht mehr um Konservatismus oder Fundamentalismus, sondern um Extremismus. Das Ziel ist die Islamisierung Europas. Was hat Erdogan gesagt, nachdem er in Deutschland Ärger gekriegt hat mit den Auftritten und in Holland die Absagen kamen? «In der Türkei sage ich, kriegt drei Kinder. In Deutschland sage ich, kriegt fünf Kinder.» Das heisst nichts anderes als: «überbevölkert», «überfremdet». Das ist eine ganz klare Ansage eines Staatsmannes. Damit ist doch nicht mehr zu spassen.

Wollen Sie mit Ihrer Moschee Aufklärung betreiben gegen Extremismus?
Ich will mit dem Islam den Islamismus bekämpfen. Ich möchte versuchen, für Menschen einen Ort zu schaffen, wo sie ihren liberalen Islam leben können. Zum anderen will ich dem Westen zeigen, dass sie die Radikalen so gefüttert haben, dass für uns säkulare, liberale Muslime keine Luft zum Atmen mehr bleibt. Sie treten ein für einen ­friedlichen, modernen Islam.

Tun Muslime wie Sie genug, um sich von Extremismus, Gewalt und Terror zu distanzieren?
Nein. Deshalb fühle ich mich ja so verantwortlich. Wir müssen gemeinsam gegen Extremismus kämpfen. Deshalb habe ich auch die Bürgerinitiative «Stop Extremism» mitbegründet. Ziel ist, dass eine EU-Richtlinie geschaffen wird, um die Schlupflöcher bei der Bekämpfung von Extremismus zu schliessen.

«Aber es wäre schön, wenn sich in der Schweiz noch mehr Organisationen anschliessen würden»

Gibt es auch Unterstützung aus der Schweiz?
Saïda Keller-Messahli vom Forum für einen Fortschrittlichen Islam ist dabei. Sie gehört zu den Erstunterzeichnerinnen der Initiative gegen den Extremismus. Aber es wäre schön, wenn sich in der Schweiz noch mehr Organisationen anschliessen würden. Neben einer EU-Richtlinie brauchen wir auch eine europäische Islamkonferenz.

Was könnte dieses Gremium bewirken?
Dass man europaweit eine einheitliche Islam-Integrationspolitik und Sicherheitspolitik gegen Extremisten betreibt. Was wollen denn die Radikalen? Für sie ist diese gesamte Welt islamisch, nur wissen das die meisten noch nicht. Deshalb betrachten sie den Grund und Boden in der Schweiz, in Deutschland oder wo auch immer als Eigentum der Muslime. Damit legitimieren sie auch, dass sie da sind. Wenn wir sagen, «Geht doch dahin, wo ihr eure Scharia und Geschlechtertrennung leben könnt», sagen sie, «Die gesamte Welt ist unsere Welt» und dass sie dieses Land zu ihrem Land machen werden. Das ist das erklärte Ziel der Radikalen.

Verblüffend ist, dass es Fanatikern gelingt, jungen Männern glaubhaft zu vermitteln, dass auf einen Selbstmordattentäter im Paradies 72 Jungfrauen warten. Wie ist das möglich?
Die Antwort ist ganz einfach. Die Sexualität ist dermassen unterdrückt und diese jungen Männer sind so unglücklich in diesem Leben, dass sie glauben: Wir müssen nur Puff machen, dann sind wir alle Sorgen los, und da oben vögeln wir den ganzen Tag rum.

In Ihrer Moschee sind Frauen mit Kopftuch willkommen, aber Burka und Niqab sind verboten. Warum?
Burka und Niqab sind meiner Meinung nach das Allerschlimmste, was man Frauen antun kann. Das verletzt die Menschenwürde wie nichts anderes. Es lässt sich übrigens theologisch überhaupt nicht begründen. Im Koran ist das Tragen einer Burka oder eines Niqab nicht vorgeschrieben. Es handelt sich hier nur um Tradition, Patriarchat und Besitzdenken. Hinzu kommt, dass es ein Sicherheitsproblem gibt. In unserer Moschee will ich das Gesicht der Leute sehen.

«Niemand hat mir gesagt, dass ich ein Kopftuch tragen, fasten und beten müsse»

Was sagen Sie zum Argument, dass man die Burka nicht verbieten dürfe, weil die Frauen sonst nicht mehr aus dem Haus gelassen werden?
Das ist ein Märchen. Die Frauen werden nicht eingesperrt. Dahinter steckt dieses komische linke, angeblich tolerante Denken. Die Franzosen haben das Kopftuch in der Schule verboten, und die Mädchen sind nicht millionenfach in eine Privatschule gegangen. In der Türkei war es ebenso. Das Kopftuchverbot, das es früher gab, war nie ein Grund, warum ein Mädchen in der Türkei nicht in die Schule durfte.

Sie sind in Istanbul geboren und kamen im Alter von 6 Jahren als Kind von Gastarbeitern nach Berlin. Wie streng war Ihre Erziehung?
Ich komme aus einer sehr traditionellen Familie. Aber sie waren religiös liberal.

Das heisst?
Niemand hat mir gesagt, dass ich ein Kopftuch tragen, fasten und beten müsse. Sobald es um Religion ging, hiess es in meiner Familie: Das ist etwas, das jeder Einzelne zwischen sich und Gott ausmacht.

Warum sind Sie mit 17 von zu Hause abgehauen?
Das Traditionelle hat mich gestört. Mädchen durften weniger als die Buben. Ich war zu Hause eingesperrt. Draussen war die Freiheit. Andere durften ins Kino gehen, Freundschaften schliessen und mit Jungs etwas unternehmen. Das war für mich alles nicht möglich. Meine Kindheit und Jugend habe ich nicht wirklich genossen. Mit 17 habe ich entschieden, dass ich die Welt sehen will. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 22.07.2017, 21:52 Uhr

Kämpferin für Integration

Die 54-jährige Anwältin und Frauenrechtlerin Seyran Ates ist in Istanbul geboren. Im Alter von sechs Jahren kam sie als Kind von Gastarbeitern nach Berlin. Sie studierte Jura an der Freien Universität Berlin. Nach gewalttätigen Angriffen und Bedrohungen gab sie 2006 vor­übergehend ihre Anwaltszulassung zurück. Ein Jahr später erhielt sie wegen ihres Engagements für Integration und Gleichberechtigung das Bundesverdienstkreuz. 2008 bekam sie vom damaligen Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit den Verdienstorden des Landes Berlin.

Artikel zum Thema

«Ich möchte eine christliche Türkei»

Interview Christentum und Islam seien beides missionarische Religionen, sagt der Wiener Kardinal Christoph Schönborn. Beide kämpften um weltweiten Einfluss. Mehr...

«Europäische Muslime müssen mehr über Sex reden»

Im modernen Islam wird Sex tabuisiert. Vor 600 Jahren war das noch ganz anders, als Gelehrte das muslimische «Kamasutra» erfanden, sagt Islamwissenschaftler Ali Ghandour. Mehr...

«Die Verhaftungen überschreiten eine rote Linie»

Wie lange kann der Bundesrat im Umgang mit der Türkei noch auf stille Diplomatie setzen? Parlamentarier fordern jetzt ein rasches Zeichen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

TA Marktplatz

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Ab in den Matsch: Teilnehmer der Ostfriesischen Wattspiele versuchen im Schlamm Fussball zu spielen. (19. August 2017)
(Bild: Carmen Jaspersen) Mehr...