ADHS, Hochbegabung, Dyskalkulie – Betroffene erzählen

Manche Kinder sind besonders. Wie geht es ihnen damit – und ihren Eltern?

Illustration: Stephan Liechti

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Fünf Kinder und ihre Eltern erzählen von ihren Diagnosen – ADHS, Depression, Hochbegabung, Dyskalkulie und High Need. Die Betroffenen berichten, wie sie die Besonderheiten bemerkt haben, was Ärzte oder Lehrpersonen sagten und wie sie heute damit umgehen.

ADHS«In der Schule sass er unter dem Tisch und hielt sich die Ohren zu»

Die Mutter sagt: «Mein Sohn Luca (alle Namen geändert) hat ADHS. Inzwischen kann ich das sagen, ich habe mich daran gewöhnt. Als uns der Kinder­psychiater die Diagnose mitteilte, dachte ich noch: Blöde Mode­diagnose, er hat eben Temperament. Heute weiss ich, dass ADHS eine Stoffwechselstörung im Gehirn ist. Luca kann nichts dafür, dass er ist, wie er ist.

Er kann zum Beispiel ganz schlecht vorausplanen, er kann nicht warten und findet es schwierig, still zu sitzen. Als er in die Schule kam, führte das zu stän­digem Stress und Streit. Er fühlte sich überhaupt nicht wohl in der Schule, war abwechselnd ängstlich, wütend und überfordert. In der Schule sass er unter dem Tisch und hielt sich die Ohren zu. Als mir die Lehrerin das mitteilte, wusste ich, dass wir etwas tun müssen.

Beim Psychiater musste er Tests machen, wir Eltern und die Lehrerin füllten Fragebögen aus. Die Empfehlung nach der ADHS-Diagnose: Medikamente. Im ersten Moment war ich strikt dagegen. Aber der Arzt überzeugte mich: ‹Ihrem Jungen geht es nicht gut, der braucht jetzt dringend Rückenwind.›

Die Medikamente haben Luca sehr geholfen. Er wurde ruhiger, kommt in der Schule mittlerweile besser mit. Seine Ausraster, die zuvor oft eine Stunde gedauert und uns den ganzen Tag verdorben hatten, sind seltener geworden, und er kriegt sich schneller wieder in den Griff. Am überraschendsten finde ich die Wirkung auf seine Feinmotorik. Früher hat er beim Ausmalen immer über die Linien gekritzelt, jetzt kann er es. So fällt ihm auch das Schreiben leichter.

Jetzt möchte ich ihm dabei helfen, sich selbst so anzunehmen, wie er ist. Im Moment findet er es schlimm, ADHS zu haben, und sieht seine positiven Eigenschaften gar nicht mehr. Deswegen lobe ich ihn viel und betone, wie kreativ er ist und wie rasch er reagieren kann.»

Luca, 7, sagt: «ADHS zu haben, fühlt sich eigentlich gar nicht so besonders an. Aber ich prügle mich oft. Wenn mich jemand ärgert, macht es ‹Bom!› in meinem Kopf. Ich sei aggressiv, sagen die Erwachsenen. An Schultagen nehm ich deswegen Tabletten, danach darf ich nichts Süsses essen und habe Bauchweh.»

Depression«Er sprach darüber, wie es wäre, wenn er nicht mehr leben würde»

Die Mutter sagt: «Es begann völlig unvermittelt. Nach den Oster­ferien hatte mein siebenjähriger Sohn Elias ständig Bauchschmerzen, wollte nicht in die Schule gehen. Wenn er zu Hause bleiben durfte, ging es ihm aber auch nicht gut. Dann kamen die Gedanken an den Tod: Er sprach darüber, wie es wäre, wenn er nicht mehr leben würde. Da schrillten bei mir die Alarmglocken. Erst recht, als dann der Satz fiel: ‹Ich wünschte, ich wäre tot.›

Ich kontaktierte unsere Kinderärztin, die mich sofort zur Kinder- und Jugendpsychiaterin weiterschickte. Es ist wichtig, das Kind ernst zu nehmen und rasch zu reagieren. Dort stellte sich nach drei Sitzungen und einer Familienaussprache heraus, dass er mit seiner Position als mittleres Kind total unglücklich war. Er wusste nicht, wo er steht, und war sich unserer Liebe und Zuneigung nicht sicher. Wir mussten akzeptieren lernen, dass Elias ein sehr sensibles und kaum kritikfähiges Kind ist – und er musste lernen, dass er trotzdem nicht mit Samthandschuhen angefasst wird.

Heute geht es uns allen wieder gut, aber für rund ein Dreivierteljahr hat uns das alle sehr belastet. Geholfen haben letztlich die ­Sitzungen bei der Therapeutin, die mit Elias Mal- und Gesprächs­therapie gemacht hat, und dass er mit dem Fussballspielen angefangen hat. Die Bewegung draussen im Freien und das Gefühl, ein wichtiger Teil eines Teams zu sein, sind sehr wichtig für meinen Sohn. Medikamente brauchte er nicht. Ich habe aber immer noch jedes Mal nach den Ferien Angst, dass es wieder losgeht.»

Elias, 9, sagt: «Ich hatte Schulangst, warum weiss ich nicht mehr genau. Ich hatte Bauchschmerzen, ganz stark, und ich musste zittern. Ich habe mich ganz komisch gefühlt und immer gedacht, dass ich schlecht in der Schule bin und dass mich alle anderen Kinder ärgern wollen. Das stimmt aber gar nicht, und Mama sagt, damals habe es auch nicht gestimmt. Meine Therapeutin hat mir sehr geholfen. Wir haben über meine Probleme geredet und Spiele zur Beruhigung gespielt. Die Therapie war wie ein Zauber, wie eine Verwandlung. Plötzlich hatte ich wieder ganz viel Spass.»

Hochbegabung«Er war wie ein Schnellkochtopf, konnte jederzeit explodieren»

Die Mutter sagt: «Jonas war von Anfang an weit für sein Alter, konnte früh sehr gut sprechen und hat uns oft überrascht mit dem, was er schon verstanden hat. Gemacht haben wir lange nichts, wir dachten uns: Ist halt ein cleveres Kerlchen. Wir haben ihn allerdings mit fünf Jahren eingeschult, weil ihm im Kindergarten langweilig war. Er war also der Jüngste in der Klasse – und der Beste. Als er in der dritten Klasse war, wurde es schwierig mit ihm. Er war wie ein Schnellkochtopf, konnte jederzeit explodieren, wenn Dinge nicht so liefen, wie er es sich vorgestellt hat. Und weil er derart viel versteht und eine wilde Fantasie hat, hat er leider oft eine sehr genaue Vorstellung. Wenn dann der Besuch der Grossmutter anders ablief, als er sich das zuvor überlegt hatte, fuhr er aus der Haut. Mein Mann und ich waren uns unsicher: Muten wir ihm zu viel zu? Oder ist er nicht ausgelastet?

Die Klassenlehrerin hat uns dann in ein Heilpädagogisches Zentrum geschickt. Jonas hat dort diverse Tests durchlaufen, und wir hatten pädagogische Beratungs­gespräche. Am Ende war der Befund glasklar: hochbegabt. Jonas hat einen IQ von 147 Punkten. Zuerst waren wir erleichtert, denn die Tests haben vieles andere – wie Autismus oder ADHS – ausgeschlossen. Wir wissen jetzt, dass er ein ganz normales Kind ist, nur eben besonders schlau. Andererseits wussten wir nicht so richtig, was wir damit machen sollten. Wir wollen nicht in diesen Strudel der Elitenförderung geraten, wichtiger ist uns, dass Jonas im Alltag zurechtkommt. Das ist oft gar nicht so einfach, weil er im Kopf schon so viel weiter ist als im Bauch.

In diese Richtung wollen wir ihn fördern. Deswegen haben wir uns gegen ein Elitegymnasium entschieden, er kommt jetzt einfach in die normale Schule. Ausserdem suchen wir gerade nach der richtigen Sportart für ihn und wollen, dass er ein Instrument lernt. Er soll die Erfahrung machen, dass auch ihm nicht alles zufliegt. Denn dafür, dass andere manche Sachen nicht sofort verstehen, fehlt ihm manchmal das Verständnis.»

Jonas, 9, sagt: «Ich langweile mich oft im Unterricht. Weil ich mir die Sachen immer gleich merken kann, nervt es, wenn wir sie dann noch mal und noch mal machen. Die anderen Kinder sagen manchmal ‹Ich wär auch gern so schlau wie du›. Das verstehe ich – ich bin gern so schlau.»

Dyskalkulie«Mir fiel schon auf, dass sie keinerlei Vorstellung von Zahlenräumen hat»

Das sagt der Vater: «Bis zur dritten Klasse kam Lena ganz gut durch. Gut im Rechnen war sie nicht, und sie hat häufig die Finger benutzt oder einfach die Lösungen auswendig gelernt. Mir fiel schon auf, dass sie keinerlei Vorstellung von Zahlenräumen hat. Aber da wir zu dem Zeitpunkt noch andere Baustellen hatten, stand das nicht so im Fokus.

Dann wurde der Stress mit dem Rechnen immer grösser. Meine Frau und ich haben ihr jeden Tag dasselbe erklärt – worauf Lena es dann wieder falsch gemacht hat. Wir haben uns oft gestritten, weil wir dachten, sie sei faul, höre einfach nicht zu oder wolle uns ärgern. Als sie acht Jahre alt war, sind wir dann in ein pädagogisches Förderzentrum. Dort wurden diverse Tests gemacht, die Diagnose war bald klar: hochgradige Dyskal­kulie. Leider hat Lenas Klassenlehrerin das vollkommen ignoriert und ihr sogar gesagt, dass sie das nicht habe.

Inzwischen geht unsere Tochter auf eine andere Schule und bekommt Förderunterricht. Für uns war es sehr wichtig, dass uns Fachleute erklärt haben, was Dyskalkulie ist und wie wir damit umgehen müssen. Ich wusste vor einem Jahr noch nicht, dass es das überhaupt gibt. Die Ignoranz der Leute ist ein Problem. Legasthenie kennen alle, da gibt es sogar Nachhilfe in der Schule. Bei Rechenschwäche nicht, das ist ungerecht.»

Lena, 9, sagt: «Ich habe Dyskal­kulie, das ist eine Mathestörung. Ich muss deswegen oft mit den Fingern rechnen, das Einmaleins habe ich einfach auswendig gelernt, wie ein Gedicht. Aber wenn mir jemand eine Rechenaufgabe stellt, die ich noch nicht kenne, kann ich sie meistens nicht lösen. Auch wenn mir jemand zwei Zahlen nennt, weiss ich manchmal nicht, welche grösser ist. Deswegen bekomme ich Förderunterricht, wo alles viel besser erklärt wird als in der Schule. Allein in die Bäckerei zu gehen, um Brötli einzukaufen, traue ich mich trotzdem noch nicht.»

High Need«Im Kindergarten hat sie gezittert und geklammert»

Die Mutter sagt: «Dass meine Tochter anders ist als andere Kinder, ist so richtig aufgefallen, als wir versucht haben, sie mit dreieinhalb in den Kindergarten zu geben. Das hat überhaupt nicht geklappt. Mia ist ein eher ängstliches und unsicheres Kind, und sie klammert sich sehr stark an mich. Selbst in der Spielgruppe, zu der wir regelmässig gehen und in der sie alle anderen Anwesenden kennt, braucht sie manchmal zwei Stunden, bis sie richtig angekommen ist. Fahren wir in die Ferien, kann sie dort kaum einschlafen, weil alles so ungewohnt ist.

Bei der Eingewöhnung im Kindergarten hat sie dann gezittert und geklammert. Nach zwei Wochen haben die Kindergärtnerinnen beschlossen, dass es Zeit sei, sie von mir ‹abzunabeln›, und die Trennung quasi erzwungen. Das hat meine Tochter überfordert. Sie wird in solchen Situationen sehr wütend, brüllt nur noch. Oder sie weint. Als ganz kleines Kind hat sie oft tagelang durchgeschrien. Mir kommt es vor, als wären bei ihr einfach alle Gefühle intensiver.

Ich bin der Meinung, dass sie ein typisches High-Need-Kind nach der Definition von William Sears ist. Mir ist klar, dass das ­alles subjektiv ist und dass er damit ein Phänomen beschreibt, das im Bereich des Normalen liegt. Mir hilft der Begriff trotzdem, vor allem, weil ich mich im Internet mit anderen Eltern von High-Need-Kindern vernetzen kann und so erfahre, dass ich nicht allein bin und nichts falsch gemacht habe.

Von einem Fachmann habe ich meine Tochter noch nicht untersuchen lassen. Ich bin selbst Sozialpädagogin und traue mir eine kompetente Einschätzung zu. Ausserdem haben wir viele schlechte Erfahrungen gemacht. Eine Kindergärtnerin sprach gar von einer Bindungsstörung. Das kann ich mir nicht vorstellen: Ich habe Mia nach Bedarf gestillt, sie häufig getragen und war immer für sie da. Wenn mir Leute sagen, dass jedes Kind mal anstrengend sei und dass das Label ‹High Need› Quatsch sei, kann ich nur sagen: Die sollen mal einen Tag mit Mia verbringen.»

Mia, 5, sagt: «Ich mag es nicht, wenn es laut ist. Wenn wir irgendwo hingehen, wo ich noch nie war, habe ich Angst.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 08.05.2018, 06:48 Uhr

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