Darauf noch einen Drink!

Der Sommerhit ist primitiv und peinlich. Weshalb das Pop-Produkt dennoch nicht zu unterschätzen ist.

«We’re Going to Ibiza»: Die Vengaboys feiern dank Strache ein ungeahntes Comeback. Foto: Getty Images

«We’re Going to Ibiza»: Die Vengaboys feiern dank Strache ein ungeahntes Comeback. Foto: Getty Images

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Gehts noch bescheuerter, noch sinnfreier? Das konnte man sich fragen, als die holländische Eurodance-Combo Vengaboys 1999 neben dem damaligen Hitparadenschlager «Mambo No 5» einen der Sommerhits des Jahres landete. «We’re Going to Ibiza» hiess dieser Song, den jede und jeder bereits beim ersten Mal Hören mitgrölen konnte.

Dank diesem Stück Plastikpop und dem Ausruf «Whoah!» konnten alle Alltagssorgen zu Hause in der Schweiz liegen gelassen werden. Weil man gemeinsam mit den Vengaboys mit dem Partyflugzeug nach Ibiza flüchtete, dort, wo das Soundsystem aufgedreht ist und die farbigen Schirmchendrinks bereits warten. Und wenn man sich den Flug nicht leisten konnte: Bereits die Vorstellung von einem Wochenende auf der Partyinsel wirkte heilsam, zumal dann, wenn der Sommer grau zu werden drohte.

Kulturredaktor Benedikt Sartorius hat für Sie die 100 besten Sommerhits zusammengestellt.

Die Frage nach dem Grad der Bescheuertheit konnte man sich jedes Jahr aufs Neue wieder stellen. Denn der Sommerhit: Er muss knallen, nerven, primitiv, peinlich, schlüpfrig, latent frauenfeindlich und für jede Altersstufe einprägsam sein. Wenn es diese Anforderungen nicht erfüllt, taugt das Lied nicht zum Sommerhit.

Die brachialen Beispiele aus der Popgeschichte heissen nicht ohne Grund «Itsy Bitsy Teenie Weenie Yellow Polka Dot Bikini», der 1960 den Bikini popularisierte, sie heissen auch «In the Summertime» von Mungo Jerry (mit der Zeile «When the weather's fine, you got women on your mind»). Später tanzten alle zu «Macarena» und sangen Spanglish den «Ketchup Song». Und es gab auch «Chihuahua», einen der grossen Hits in der Karriere von DJ Bobo, in dem das Leben ganz ohne Kummer zelebriert wird.

Der Sommerhit ist musikalisches Fast Food

Diese Sehnsucht nach der Alltagsflucht, nach dem Exotischen und vielleicht auch Unerreichbaren ist beim Sommerhit federführend, ob früher oder heute. Wer sich durch eine Auswahl jener saisonalen Erfolge durchhört, erkennt, dass sie sich – abseits der Instrumentierung – im Kern nicht gross verändert haben. Man findet dies auch in Luca Hännis Eurovision-Song «She Got Me», einem der Anwärter zum Hit der anlaufenden Saison. Da tröten die Schalmeien, wenn die Frau in der Bar tanzt – und den Sänger wie auch alle anderen «boys» und «girls» zum «dirty dancing» verführt.

Ist dies nun alles schlimm und Grund, in Kulturpessimismus zu verfallen und den Sommerhit zu verteufeln? Natürlich nicht. Der Sommerhit ist musikalischer Fast Food und will auch gar nie viel mehr sein. Er verkörpert Pop in seiner reinsten Form, weil er keinen Inhalt hat, sondern bloss Produkt ist, das zum Hedonismus aufruft – und sagt: «Nimm doch nochmals einen Drink!» Oder: «Buche trotz dem Klimakollaps nochmals einen Easy-Jet-Flug in eine Massentourismusdestination!» Und vielleicht hat der Sommerhit ja auch recht: Denn lebt es sich völlig losgelöst nicht besser?

Subversive Tendenzen, die man dem Popsong noch so gerne andichtet, gibt es jedenfalls nicht. Und wenn doch, werden sie von den meist anonymen Hitproduzenten konsequent ausgemerzt. Das gilt etwa für die Aneignung eines Songs wie der italienischen Partisanenhymne «Bella Ciao» aus dem Zweiten Weltkrieg: Im vergangenen Jahr kehrte diese in Form eines Techno-Remixes wieder zurück ins kollektive Bewusstsein. Was übrig blieb, war eine einfach mitsingbare Melodie, als habe es nie ein Gestern gegeben.

Zu unterschätzen ist die Kraft des Sommerhits aber doch nicht, wie das Beispiel «We’re Going to Ibiza» zeigt. Just als das Ibiza-Video aufgetaucht ist, das den damaligen österreichischen Vizekanzler Heinz-Christian Strache im konspirativen Gespräch mit einer angeblichen Investorin aus Russland zeigte, vertwitterte der TV-Satiriker Jan Böhmermann das Lied. Seither sind die Vengaboys Pophelden im Nachbarland – zumindest für die Gegner der gestürzten Regierung um Strache und Kanzler Sebastian Kurz. Und die Wiener Jugend feierte die einst so peinlichen Partytiger an einer Demonstration Ende Mai begeistert. Whoah!

Erstellt: 15.06.2019, 16:51 Uhr

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