Darf man lebensrettende Medikamente für Kleinkinder verlosen?

Ja, man darf, findet Armin Müller. Die heftige Kritik am Pharmakonzern Novartis zielt am Problem vorbei.

Extrem teuer und sehr rar: Das Medikament Zolgensma von Novartis-Tochter Avexis. Foto: PD

Extrem teuer und sehr rar: Das Medikament Zolgensma von Novartis-Tochter Avexis. Foto: PD

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«Glücksspiel mit kranken Kindern», «Gipfel des Zynismus» – der Basler Pharmakonzern Novartis erntet vernichtende Kritik, weil er 100 Behandlungen mit Zolgensma an Kleinkinder verlosen will, die an der tödlich verlaufenden spinalen Muskelatrophie leiden.

Zolgensma ist bisher nur in den USA zugelassen und kann nur in beschränkter Menge hergestellt werden. Um dennoch Patienten in anderen Ländern schnell helfen zu können, hat Novartis gemeinsam mit einem Ethikrat ein Losverfahren für eine Gratisabgabe ausgearbeitet. Man dürfe so etwas nicht dem Zufall überlassen, Novartis umgehe die nationalen Zulassungsbehörden und das Ganze sei nur ein Marketingtrick, protestieren die Kritiker.

Alternativen haben sie jedoch nicht. Wäre es besser, gar nichts für verzweifelte Eltern ausserhalb der USA zu tun?

Das Los ist eine bewährte Methode, um knappe Ressourcen zuzuteilen – und fairer, als persönliche Beziehungen, das Portemonnaie oder die Gnade der Krankenkasse. Üblich wäre, die medizinische Dringlichkeit entscheiden zu lassen, was bei dieser Krankheit aber schwierig ist. Und es muss schnell gehen, denn unbehandelt sterben 90 Prozent der Kinder vor dem zweiten Geburtstag.

Der Streit um die Lotterie hat jedoch auch sein Gutes. Zolgensma ist die teuerste Therapie der Welt. Der Trend zu personalisierter Medizin, Gentherapien und die steigenden Anforderungen an die Zulassung treiben die Kosten weiter in die Höhe. Wie viel darf ein Medikament kosten? Wie viel ist ein Leben wert? Wie lässt sich unser Gesundheitssystem noch finanzieren? Wie regulieren wir die Preissetzung der Pharmafirmen, ohne die Anreize für Innovationen zu beseitigen? Darüber müssen wir diskutieren. Die Verteilung der 100 Dosen Zolgensma können wir getrost Novartis überlassen.



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Erstellt: 08.02.2020, 22:27 Uhr

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