Darwinismus auf dem Trottoir

Mischflächen für Fussgänger und Velofahrer sorgen für Zoff. Bern und Zürich führen nun Konfliktlisten.

Langstrassen-Unterführung in Zürich: Velofahrer und Fussgänger kommen sich in die Quere. Foto: Reto Oeschger

Langstrassen-Unterführung in Zürich: Velofahrer und Fussgänger kommen sich in die Quere. Foto: Reto Oeschger

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Der Velofahrer umkurvt die Fussgänger wie Slalomstangen – und touchiert einen Passanten. Eine Frau mit Kinderwagen muss einem entgegenkommenden Rennrad ausweichen. Und ein älterer Herr erschrickt, weil ein E-Bike mit vollem Karacho an ihm vorbeiflitzt.

Täglich kommt es in Schweizer Städten zu solchen Szenen. Überall dort, wo es keine Trennung zwischen Fuss- und Velowegen gibt – auf sogenannten Mischflächen. In der Stadt Zürich zum Beispiel auf der Hardbrücke oder in der Langstrassen-Unterführung. In der Stadt Bern beim Kornhaus.

«Es ist leider so, dass vor allem in den Städten immer mehr Mischflächen für Fussgänger und Velofahrer entstehen», sagt Christoph Merkli, Geschäftsführer von Pro Velo Schweiz. «Wir erachten das als sehr problematisch. Die Verkehrsteilnehmer sollten möglichst getrennt werden. Nur so lassen sich Konflikte und Unfälle vermeiden.»

Zürich führt eine Art Problemliste

Lange galten solche Mischflächen als verkehrsplanerischer Coup. Doch inzwischen zeigt sich: Das Experiment ist gescheitert.

So führt die Stadt Zürich mittlerweile eine Art Problemliste. Ein Sprecher des Tiefbauamts spricht von einem «Übersichtsplan über Mischverkehrsflächen mit Konfliktpotenzial». Es seien all jene Flächen verzeichnet, «auf denen Fuss- und Veloverkehr entflochten werden können». Welche und wie viele Gebiete verzeichnet sind, gibt die Stadt nicht bekannt.

Auch andere Städte sollen Konfliktpläne erstellen

Thomas Schweizer, Geschäftsleiter von Fussverkehr Schweiz, sagt, dass es allein in der Stadt Zürich «sicher ein paar Hundert Konfliktbereiche» gebe, «wo sich Fussgänger und Velofahrer in die Quere kommen». Laut Schweizer geht der Zürcher Konfliktplan auf eine Initiative seiner Organisation zurück – gesehen habe er diese Liste aber bislang nicht.

Schweizer fordert jetzt, dass alle Städte solche Konfliktpläne erstellen. «Wir werden darauf hinarbeiten, dass solche Register auch in anderen Städten erarbeitet werden, und uns dafür einsetzen, dass zeitnah auch Verbesserungsmassnahmen ergriffen werden.»

Anzahl Unfälle mit Fussgängern in Zürich gestiegen

Streit wegen des Mischverkehrs gibts auch in der Stadt Bern. «Wir haben deswegen heute ein Problem mit den Fussgängern», räumt der Berner Chef-Verkehrsplaner Karl Vogel ein. In Bern sollen daher noch in diesem Jahr alle 30 Mischflächen überprüft und allenfalls verbessert werden. Auch Vogel will ein Problemregister erstellen lassen. Der Planer lässt derzeit auch auswerten, wie viele Unfälle es innerhalb der Mischflächen gibt und wie diese passieren.

Gut möglich, dass wegen der steigenden Zahl von Mischflächen die Unfälle zugenommen haben – selbst wenn es im Strassenverkehr generell immer sicherer wird. So haben zumindest in der Stadt Zürich in den letzten fünf Jahren die Unfälle, bei denen Fussgänger involviert waren, tendenziell zugenommen.

Besonders Senioren sind auf Mischflächen gefährdet

Eine fragile Gruppe, die oft zu Fuss unterwegs ist, sind die Senioren. Die Angst, auf einer Mischfläche oder einem Trottoir von einem Velo angefahren und verletzt zu werden, ist gross. Das zeigt eine noch unpublizierte Umfrage unter Seniorinnen und Senioren im Rahmen einer Studie zur Altersfreundlichkeit in der Stadt Bern.

Die Konflikte zwischen Fussgängern und Velofahrern seien immer wieder ein Thema, sagt Barbara Gurtner, die Vorsitzende des Berner Seniorenrats. Gerade die E-Bikes würden die Unsicherheiten vergrössern. «Diese Gefährte sind noch schneller als Velos – und man hört sie kaum, wenn sie sich nähern.»

«Velos gehören auf die Fahrbahn und nicht auf die Gehflächen oder Trottoirs.»Thomas Schweizer, Geschäftsleiter Fussverkehr Schweiz

Die Velolobby hofft jetzt auf die Veloinitiative, die das Velo in gleicher Weise wie das Wandern fördern will. Diese Woche hat nach dem Ständerat auch der Nationalrat Ja gesagt zum etwas moderateren Gegenvorschlag des Bundesrats. «Wir erhoffen uns von diesem Ja einen gewissen Druck auf die Gemeinden, insbesondere auf die Städte», sagt Pro-Velo-Geschäftsführer Merkli. «Die Netze für Velofahrer sollen ausgebaut, nicht einfach wegen Platzproblemen auf die Trottoirs geleitet werden.»

Das ist auch im Interesse der Fussgänger. «Velos gehören auf die Fahrbahn und nicht auf die Gehflächen oder Trottoirs», sagt auch Fussverkehr-Lobbyist Schweizer. Um die Infrastruktur zu verbessern, sieht er nur eine Lösung: «Die Reduktion von Fahrspuren für die Autos darf dabei kein Tabu sein.»

Erstellt: 03.03.2018, 20:19 Uhr

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