Das Bond-Girl landet in der Gosse

Die Schauspielerin Léa Seydoux sucht nie den einfachen Weg, schon gar nicht in «Roubaix, une lumière».

In Hollywood und im französischen Kino zu Hause: Léa Seydoux.

In Hollywood und im französischen Kino zu Hause: Léa Seydoux. Bild: Getty

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Bond-Girl? Die international bekannteste Rolle von Léa Seydoux ist tatsächlich diejenige an der Seite von Daniel Craig im letzten 007-Abenteuer «Spectre» aus dem Jahr 2015. Aber sie verkörperte darin eher eine Partnerin als eine normale Gespielin des Agenten, was schon der Umstand zeigt, dass sie nicht Honey Rider oder Pussy Galore heisst wie ihre Vorgängerinnen. Sondern frei nach Prousts «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit» Madeleine Swann.

«Ich bin eben das Bond-Girl für Intellektuelle», sagte sie damals, «aber es fragt sich, ob die Anspielung im Multiplexkino überhaupt verstanden wird.» Das zeichnet Léa Seydoux aus. Sie verbindet spielend grosses Actionkino – in «Mission: Impossible 4» mit Tom Cruise war sie ebenfalls – mit dem Kunstkino à la française. So kommt es, dass sie in ihrem neuen Film in der Gosse landet: In «Roubaix, une lumière» spielt sie eine Frau von ganz unten, die verdächtigt wird, im Drogen- oder Alkoholrausch eine alte Nachbarin umgebracht zu haben.

Inszeniert hat den Krimi Regisseur Arnaud Desplechin, der sonst eher für verschnörkelte Fantastereien bekannt ist (zuletzt «Les fantômes d’Ismaël»). Hier erzählt er geradlinig, nach einem wahren Fall, dessen Polizeiprotokolle auch ins Drehbuch eingeflossen sind. Roschdy Zem spielt einen Kommissar, der die Wahrheit in einem grossen Verhör sucht. Und Sara Forestier ist die offenherzige Komplizin der Verdächtigten, die Geliebte vermutlich auch. Léa Seydoux dagegen ist wunderbar verschlossen. Schwer zu sagen, ob ihre Figur total durchtrieben oder völlig abgestumpft ist. Aber plötzlich explodiert sie. Léa Seydoux sagt: «Ich denke, das hat auch mit der Stadt zu tun, in der dieser Film spielt.»

In Roubaix drehte sie auch den Film mit der umstrittenen Sexszene

Roubaix, im Norden Frankreichs, hat die grösste Arbeitslosenquote Frankreichs, eine hohe Kriminalität. Zerfallene Villen zeugen aber auch vom Glanz der früheren Tage, als die Stadt das Zentrum der französischen Textilindustrie war. Es ist der Ort, in dem Regisseur Desplechin aufgewachsen ist. Und es ist der Ort, an dem Léa Seydoux ihren in Frankreich bekanntesten Film – ja, dort gibt es Wichtigeres als James Bond – drehte: «La vie d’Adèle» von Abdellatif Kechiche.

«Ich habe damals viele Monate in Roubaix verbracht, es waren die prägenden Jahre meiner Karriere», sagt die Schauspielerin. «La vie d’Adèle» gewann 2013 die Goldene Palme von Cannes, und der damalige Jurypräsident Steven Spielberg war so begeistert von Léa Seydoux und deren Filmpartnerin Adèle Exarchopoulos, dass er den beiden ganz gegen die Vorschriften ebenfalls die höchste Auszeichnung verlieh. Später kam es zur Kontroverse mit dem Regisseur, weil sich die Frauen in der Sexszene vom Regisseur genötigt und missbraucht fühlten. Dieser schlug zurück und bezeichnete Léa Sedoux als «verwöhnte Göre». Und heute? «Dieser Film ist ein wichtiger Teil von dem, was ich bin, ich mag das Endprodukt immer noch», sagt Léa Seydoux vieldeutig, «die Dreharbeiten war intensiv, aber wie verrückt die Zeit damals wirklich war, merkte ich erst, als ich wieder in die Stadt kam.»

Rückkehr nach Roubaix also, diesmal als Prolo-Mädchen. Was nicht einer bestimmten Ironie entspricht, denn Léa Seydoux entstammt einer der reichsten Familien Frankreichs. Aber sie verkörpert ihre Rolle präzise, leidend und doch mit Stolz. «Ich bin eben sehr französisch, voller Widersprüche», sagt sie. «Nichts fällt uns Franzosen leichter, als mürrisch dreinzublicken, schauen Sie sich doch mal in der Pariser Metro um.»

Und nichts fällt Léa Seydoux leichter, als zwischen den Welten zu wechseln. Im Frühling wird sie wieder als Madeleine Swann im nächsten James-Bond-Film «No Time to Die» zu sehen sein.

«Roubaix, une lumière» läuft jetzt im Kino



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Erstellt: 19.10.2019, 17:43 Uhr

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