Wie Schwule in der Schweiz «therapiert» werden

Im freikirchlichen Milieu tummeln sich Sexualberater, die Homosexuelle «verändern» oder gar «umpolen» wollen. Zwei Betroffene berichten.

Illustration von Melk Thalmann

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Freikirche Chrischona, Affoltern am Albis. Rolf Rietmann referiert vor ungefähr 100 Zuhörern zum Thema: «Veränderung – wie geht das?» Hinter ihm ein schlichtes Holzkreuz, links an der Wand steht: «Nahe bei Gott, nahe bei den Menschen».

Rietmann ist freikirchlicher Theologe und Sexualberater. Er leitet die Organisation Wüstenstrom. Sie bietet Therapien für Menschen an, die «ihre sexuelle Orientierung für sich als konflikthaft erleben», wie es auf der Website heisst.

Rietmann, schwarze Jeans, schwarzes T-Shirt, ist ein rhetorisch gewandter Redner. In einem anderthalbstündigen Vortrag erklärt er, dass Sexualität von vielen Faktoren abhänge und dass sich die sexuelle Orientierung eines Menschen verändern könne. Dabei hat Rolf Rietmann das perfekte Anschauungsbeispiel: Rolf Rietmann.

Er war selber als Jugendlicher homosexuell – und litt darunter. «Jesus, was habe ich dir angetan, dass ich homosexuell empfinde», fasst er seine Gedanken von damals zusammen.

Stolz zeigt er Fotos von seiner Frau und seinen Kindern

Früher war Rietmann fasziniert von schönen Männergesichtern. Seine Verknüpfung war: Wer schön ist, ist auch beliebt. Er hingegen habe den Zugang zu Männern nicht gefunden. Er habe lernen müssen, Männerfreundschaften aufzubauen. Dank den neu gewonnenen kollegialen Beziehungen hätten auch seine homosexuellen Neigungen nachgelassen, sagt er.

Heute fühlt sich der 54-Jährige sexuell ausschliesslich von Frauen angezogen. An diesem Abend zeigt er auf dem Hellraumprojektor stolz Bilder von seiner Frau und den beiden Kindern.

Rietmann führt ein Beispiel aus seiner Beratungspraxis an. Ein Schwuler habe ihm gesagt, er wolle beim Geschlechtsverkehr ausschliesslich die passive Rolle einnehmen. Rietmann kam zum Schluss, dass bei diesem Mann die Homosexualität nur eine Nebensächlichkeit war. Rietmann will ein tieferes Problem ausgemacht haben: die Ablehnung des eigenen Körpers.

Der Referent stützt sich in seinen Ausführungen auf den «New Atlantis Report», eine Arbeit eines konservativen US-Thinktanks. Gemäss dieser ist die Sexualität eines Menschen veränderbar. Zitiert sind etwa Studien, die sagen, dass 80 Prozent der männlichen Jugendlichen, die sich vom gleichen Geschlecht angezogen fühlen, dies als Erwachsene nicht mehr tun.

Rietmann spricht wiederholt von «wissenschaftlichen Erkenntnissen», auf die er sich berufe. Allerdings lässt der «New Atlantis Report» fast sämtliche Forschung weg, die seinen Thesen widerspricht, und ist nie in einem wissenschaftlichen, Peer-geprüften Journal erschienen.

Rietmann beschreibt seine Beratungstätigkeit so: «Jeder, der zu mir in die Beratung kommt, der leidet an etwas. Das muss nichts mit Sexualität zu tun haben. Dass die gleichgeschlechtliche Anziehung verschwindet, ist immer nur ein Nebeneffekt.»

Dem christlichen Radiosender Life Channel sagte Rietmann in einem Interview allerdings sehr deutlich, was er von Schwulen und Lesben hält: «Homosexualität ist aus meiner Sicht ein Symptom.» In einem Positionspapier zur Homo-Ehe schreibt er: «Was keiner bestreitet: Die Bibel sagt, gleichgeschlechtliche Sexualität ist Sünde!»

«Natürlich gibt es Menschen, die mit Therapien oder Beratungen unzufrieden sind», die, sagt Rietmann, gebe es in allen Bereichen. Diese Zeitung hat zwei solcher Menschen getroffen.

 «In Freikirchen wird Homosexualität oft mit Drogen, Alkohol und Pädophilie verbunden.»Joel Heller

Als Teenager hoffte Joel Heller (Name geändert), dass seine Gefühle für Männer nur eine Phase seien. Dass er sie überwinden könne. Zehn Jahre lang versuchte er, seine Homosexualität wegzutherapieren. «Ich würde diese zehn Jahre gerne ungeschehen machen», sagt Heller, Goldkettchen, Fünftagebart, bei einem Treffen in Zürich.

Mit 12 Jahren begann Heller, sich für den christlichen Glauben zu interessieren. Schon als Jugendlicher wusste er, dass er schwul war. Früh in der Freien Evangelischen Gemeinde (FEG) engagiert, wurde ihm eingetrichtert, dass Schwulsein und Christentum nicht zusammengehen: «In Freikirchen», sagt Heller, «wird Homosexualität oft mit Drogen, Alkohol und Pädophilie verbunden.» Er sei von der Freikirche nicht zur Therapie gezwungen worden. «Aber es herrschte ein starker sozialer Druck.»

Regelmässig ging der heute 34-Jährige zu einem Therapeuten, der ihm von seiner Freikirche empfohlen wurde. Verliebte sich Heller in einen Mann, der ihm ähnlich war, sagte dieser: «Das ist in Wahrheit ein Zeichen von persönlicher Schwäche. Du getraust dich nicht, dich auf etwas anderes einzulassen.» War er von einem Mann angetan, der eine ganz andere Persönlichkeit hatte, hiess es: «Du kompensierst, was du selber gerne wärst.»

Mit Fussball und Balgereien gegen das Schwulsein

Teil dieses Programms waren auch typisch «männliche» Aktivitäten: Mit Mentoren spielte Heller Fussball und balgte sich. Ihm wurde auch eine «Umarmungstherapie» verschrieben. Beim Umarmen von Männern sollte er männliche Nähe auf eine kollegiale, nicht sexuelle Art kennen lernen.

Heller litt. Er redete sich ein, sich in Mädchen verliebt zu haben. Dabei waren es nur Kolleginnen. Eine sexuelle Neigung für Frauen spürte er nie. Heute bezeichnet er, was an den Therapiesitzungen vermittelt wurde, als «an den Haaren herbeigezogen».

Heller gab sein Coming-out vor sechs Jahren auf Facebook – und wurde abgestraft. Er, der die Pfarrerausbildung absolvierte, durfte in seiner Freikirche keine Konfirmanden mehr unterrichten, keine Sonntagspredigten mehr halten. Aus ehemaligen Freunden wurden Feinde. Sie schickten ihm Facebook-Nachrichten mit Bibelzitaten, die belegten, dass er sündigte.

Homosexualität als Sünde. Dieses Verdikt kennt auch Beat Meier (Name geändert) nur zu gut. Schon mit 13 war ihm bewusst, dass er sich von Männern angezogen fühlt. In der 9. Klasse machte er erste sexuelle Erfahrungen mit einem Mitschüler.

Sich einzugestehen, dass er schwul war, fiel Meier schwer. Da war die gläubige Familie. «Sie waren Christen, doch sie schimpften über Homosexuelle», sagt er bei einem Treffen in Bern. Und da war die Pfingstgemeinde, der er angehörte, die für das Thema Homosexualität nicht offen war.

«Ich flehte zu Gott, er möge die Homosexualität ­von mir wegnehmen.»Beat Meier

Mit 22 Jahren zog er von zu Hause aus. Meier hatte eine existenzielle Krise und wurde vom Gedanken gequält, dass «die Welt freier und besser wäre, wenn ich nicht existieren würde». Über eine christliche Fernsehsendung lernte er die Therapieangebote kennen.

Damals, Ende der 90er-Jahre, schwappte die «Ex-Gay-Lehre» von den USA in die Schweiz. Deren Kernbotschaft: Schwulsein werde durch einen abwesenden Vater und eine überbehütende Mutter verursacht. Das Fehlen an männlicher Zuneigung werde mit Gefühlen für andere Männer kompensiert. Gerade er, der einen strengen Vater hatte, versprach sich viel davon.

Er betete, las Literatur, nahm an Gruppenarbeiten teil. Kontakte ausserhalb der Therapiegruppe wurden auf ein Minimum reduziert. Als er merkte, dass die Homosexualität nicht verschwand, lag er oft tränenüberströmt am Boden. «Ich flehte zu Gott, er möge die Homosexualität von mir wegnehmen», sagt Meier. Doch die Gebete zeigten keine Wirkung. Meier blieb schwul. Als er dies seiner Therapiegruppe mitteilte, sagte sein Leiter, er habe zu wenig Zeit investiert. «Das war brutal.»

Homosexuelle Gläubige wollen sich nicht mehr verstecken

Heute sind Heller und Meier Mitglied bei «Zwischenraum», einer Selbsthilfeorganisation für Lesben und Schwule, die von ihrer eigenen Kirche verstossen wurden. Einige von ihnen haben Konversionstherapien gemacht. Diese seien auch heute noch in vielen Freikirchen verbreitet, sagen mehrere Mitglieder von Zwischenraum. Meistens werden diese Therapien nicht offensiv angeboten. Es werde aber im Rahmen einer Seelsorge darauf hingewiesen, dass sie eine Lösung wären.

In Zürich treffen sich an einem Abend elf Zwischenraum-Angehörige in der Wohnung eines Mitglieds. Viele Anwesende haben Schlimmes durchgemacht: jahrelange Depressionen, frühere Kollegen und Familien, die sich nach dem Coming-out abgewandt haben. Heute stehen sie wieder fest im Leben.

Da sind etwa Bea und Lara (Namen geändert). An einer Theologie-Hochschule verliebten sie sich. Bea bat Lara, dafür zu beten, dass die Gefühle verschwinden würden. Vergeblich. Als die beiden ein Paar wurden, wollten Laras Eltern nichts mehr von ihrer Tochter wissen. Und doch halten die Mitglieder von Zwischenraum an ihrem Glauben fest. Sie singen christliche Lieder: «Jesus, dini Liebi isch so unendlich gross», oder «Dona nobis pacem». Die Gruppe ist locker. Drei haben einen Chat, den sie spasseshalber «threesome», Dreier, nennen.

Die Mitglieder von Zwischenraum sind überzeugt davon, dass sich Homosexualität und christlicher Glaube nicht widersprechen. Diese Erkenntnis sei nur noch nicht bei vielen Freikirchen angekommen, sagen sie. Zwischenraum ist regelmässig im Austausch mit Kirchgemeinden, um Verständnis für nicht heterosexuelle Menschen zu schaffen.

Und plötzlich wird es still in der Kirche

Am Abend in der Chrischona stösst Rolf Rietmann mit seinen Ausführungen auf Begeisterung. Einige machen Fotos von seinen Folien, in denen er Auszüge aus Studien präsentiert. In Wahrheit seien viel weniger Menschen homosexuell als vermutet, steht da etwa.

Einmal ist auch die Rede davon, wie sich die Freikirchler verhalten müssten: Leserbriefe schreiben, sich bei Schulen melden, die Lehrmittel «gendern» würden, also etwa solche, in denen nicht nur von Feuerwehrmännern, sondern auch von Feuerwehrfrauen die Rede ist. «Die ganze Regenbogengeschichte wird aufgebauscht», sagt eine Frau aus dem Publikum. Ein Mann will wissen, ob «dämonische Einflüsse» bei Rietmanns Therapien auch eine Rolle spielten.

Kurz vor Schluss meldet sich ein anderer Mann. «Ich finde es unmöglich, dem zuzuhören, was Sie erzählen», sagt er. «Ich bin gläubig und selber Teil einer LGBT-Gemeinde. Es macht mich unglaublich traurig, wie die Kirchen mit Schwulen und Lesben umgehen.» Im Saal wird es geradezu gespenstisch still. Auch Rolf Rietmann scheint nicht zu wissen, was er erwidern soll. Der Leiter der Chrischona-Gemeinde nimmt das Mikrofon. Er spricht davon, dass auch die Freikirchen Fehler gemacht hätten.

Der Mann, der sich zu Wort meldete, ist Thomas Fingerlin. Während vieler Jahre hatte er sich in einer lokalen freien Missionsgemeinde im Vorstand und in der Jugendarbeit engagiert. 2005 gab er sein Coming-out. «Noch an derselben Sitzung sagte man mir, ich sei nicht mehr erwünscht, und verbot mir die Jugendarbeit», sagt er.

Gestern Samstag war Fingerlin zusammen mit anderen Zwischenraum-Mitgliedern an einem Stand der Zurich Pride vertreten. Schwule und Lesben in Freikirchen wollen sich nicht mehr verstecken. Auch Joel Heller war gestern Samstag an der Pride. «Sowohl mein Glaube als auch meine Sexualität sind ein Teil von mir», sagt er. «Das geht gut zusammen.»


Konversionstherapien: Evangelikale sind ambivalent

Der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) gab diese Woche bekannt, dass er Konversionstherapien gegen Homosexualität verbieten möchte. Eine Kommission habe gute Lösungsansätze aufgezeigt, wie ein Verbot dieser Therapien geregelt werden könne. Spahn: «Homosexualität ist keine Krankheit und daher auch nicht therapiebedürftig.» In Deutschland sind Fälle bekannt geworden, in denen Homosexuelle auch mit Elektroschocks therapiert wurden.

Wilf Gasser, Präsident der Schweizerischen Evangelischen Allianz (SEA), lehnt ein Verbot von Konversionstherapien ab. «Aber wir distanzieren uns selbstverständlich von jeder Form von Übergriffen im therapeutischen Setting.» Elektroschocks im Rahmen einer Therapie seien inakzeptabel. Wenn Menschen therapeutische Hilfe suchten, müsse die Zielsetzung der Therapie sehr sorgfältig geklärt werden.

Ganz speziell im Bereich der Sexualität. Sich nur auf die Frage von hetero oder homo zu fokussieren, werde der Sache nicht gerecht. Sexuelle Anziehung, Prägungen, Missbrauchserfahrungen, Lebensstil hätten alle einen Zusammenhang und könnten in der Therapie kaum voneinander losgelöst betrachtet werden, so Gasser. «Veränderung in all diesen Aspekten ist selbstverständlich möglich.» Wo aber vom Hilfesuchenden oder Therapeuten eine «Umpolung» gesucht würde, sei dies problematisch.

Der Schweizerische Evangelische Kirchenbund (SEK) stellt sich auf Anfrage hinter die WHO, die 1992 Homosexualität von der Krankheitsliste strich. Ebenso unterstütze man die Erklärungen der Weltärztegesellschaft von 2013 und der Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen von 2016, die beide «Konversions-» oder «reparative Therapien» kategorisch ablehnen.

EVP-Nationalrätin Marianne Streiff-Feller sagt, dass die sexuelle Orientierung und die eigene Sexualität sowie die Religion und der persönliche Glaube Angelegenheiten seien, «die jeder Mensch für sich selbst entscheiden und die Entscheide dazu eigenständig und frei treffen können muss». Dies gelte auch dann, wenn Menschen ihre Sexualität oder ihren Glauben verändern wollen. Demzufolge dürfen Menschen weder unter Druck gesetzt werden, Veränderungsprozesse wie zum Beispiel Therapien durchzuführen, noch sollten diese verboten werden.

EDU-Präsident Hans Moser sagt, dass seine Partei zu Konversionstherapien «noch keine feste Position» habe: «Aber wenn sich Menschen der Bibel zuwenden, wird die Homosexualität ohnehin verschwinden.» (sw)



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Erstellt: 15.06.2019, 23:37 Uhr

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