Masern-Atlas der Schweiz: Wo die meisten erkranken

Bislang unveröffentlichte Zahlen des Bundes geben Aufschluss darüber, wo Menschen am häufigsten die Masern haben. Dabei fällt eine Region besonders auf.

Masern breiten sich aus: In diesem Jahr gab es nicht weniger als 160 Fälle in der Schweiz. Foto: iStock

Masern breiten sich aus: In diesem Jahr gab es nicht weniger als 160 Fälle in der Schweiz. Foto: iStock

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Ausrotten ist das Ziel: Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) will die Schweiz komplett von Masern befreien. Doch derzeit passiert das Gegenteil, die Masern breiten sich aus – und wie: In diesem Jahr gab es nicht weniger als 160 Fälle in der Schweiz. Das sind bereits zum jetzigen Zeitpunkt mehr als in den gesamten letzten zwei Jahren zusammen.

Diese Woche vermeldete das BAG den tragischen Höhepunkt: Zwei Männer, circa 30 und 70 Jahre alt, sind kürzlich wegen der Masern gestorben. Klar ist: Das jüngere Opfer war nicht geimpft. Es hat sich in seinem Umfeld angesteckt – vielleicht bei seinen Kindern oder seinen Freunden.

Eine Auswertung der erstmals veröffentlichten Zahlen zeigt, in welchen Gemeinden, Bezirken und Wahlkreisen in den letzten 30 Jahren am meisten Masernfälle aufgetreten sind. Die Daten hielt der Bund bislang unter Verschluss.

Die Resultate könnten deutlicher kaum sein: Unter den zehn Gemeinden mit den meisten Masernfällen sind sechs aus dem Kanton Luzern – auch der Spitzenreiter Malters. Am zweitmeisten Fälle gab es in der Gemeinde Appenzell, gefolgt vom luzernischen Wolhusen.

Die Analyse auf Ebene der Bezirke, Wahlkreise und Kantone bestätigt die Befunde: Die Schweizer Masern-Hochburg ist das luzernische Entlebuch, auf den Rängen zwei und drei folgen der Kanton Appenzell Innerrhoden und der solothurnische Bezirk Dorneck.

Für Experten ist klar, was die Verteilung prägt: Wo die Impfgegner zu Hause sind, sind die Impfquoten tief – und dort gibt es auch am meisten Masernfälle.

Entlebucher glauben, man müsse Krankheiten «durchmachen»

Aldo Kramis, der Präsident der Ärztegesellschaft des Kantons Luzern, ist nicht erstaunt – er sagt: «In der Tat gibt es im Kanton Luzern relativ viele Impfgegner.» Viele Erwachsene und Kinder seien nach wie vor zu wenig gut gegen Masern geschützt. Die Impfskepsis ist laut Kramis gerade im Entlebuch verbreitet – viele Menschen dort glaubten, dass man die Kinderkrankheiten «individuell durchmachen» müsse, das sei natürlich, die Impfung hingegen sei es nicht.

Eine solche Argumentation ist typisch für Anhänger der Alternativmedizin. In solchen und ähnlichen Kreisen wird auch heute noch auf die sogenannte Wakefield-Studie verwiesen. Diese wurde 1998 in der renommierten Zeitschrift «The Lancet» publiziert. Die Arbeit konstruierte einen inexistenten Zusammenhang zwischen der Masern-Mumps-Röteln-Impfung und Autismus. 2010 wurde die Studie zurückgezogen. Heute ist der Zusammenhang zwischen der Impfung und Autismus mehrfach widerlegt.

Trotzdem lebt das Gedankengut weiter – und es dürfte mit ein Grund sein für die heutige Impfskepsis, die sich nicht nur im Kanton Luzern zeigt. Der Solothurner Kantonsarzt Lukas Fenner weist darauf hin, dass im Raum Dornach-Arlesheim viele anthroposophisch orientierte Institutionen beheimatet sind – Institutionen also, die haufenweise Impfskeptiker in ihren Reihen haben.

Dazu gehören etwa die Steiner-Schule in Aesch BL sowie die Klinik für anthroposophische Medizin in Arlesheim BL, aber auch das Goetheanum im solothurnischen Dornach. Kantonsarzt Fenner sagt: «Obwohl keine Daten dazu vorliegen, ist es deshalb denkbar, dass die Impfskepsis in dieser Region vergleichsweise höher sein könnte.»

Eines der Masernopfer starb im Berner Inselspital

Und vermutlich dürfte auch in Appenzell Innerrhoden ein ähnlicher Cocktail aus Skepsis, Irrglaube und Naturheilkunde die Zahl der Masernfälle in die Höhe getrieben haben. Wie der zuständige Kantonsarzt die Situation beurteilt, ist nicht bekannt. Er liess eine Anfrage unbeantwortet.

Ins Bild passt schliesslich auch der jüngste Ausbruch diesen Frühling in der Stadt Biel. Gleich zweimal innert kürzester Zeit musste die Steiner-Schule dichtmachen, weil sich Schüler mit Masern angesteckt hatten. Allein rund 50 Fälle in diesem Jahr entstammen dem Umfeld dieser Schule. Besonders viele Masernfälle gab es bislang in den Kantonen Bern und Neuenburg.

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Die Wahrscheinlichkeit ist daher hoch, dass auch die zwei Todesopfer aus diesem Raum stammen. Recherchen zeigen, dass der etwa 70-jährige Mann im Inselspital Bern gestorben ist. Ob er geimpft war, ist nicht bekannt. Laut einer Mitteilung des BAG litt er an Krebs – wegen Medikamenten war sein Immunsystem geschwächt. Das zweite Opfer, ein Mann um die dreissig, starb zu Hause. Bekannt ist nur, dass er in der Deutschschweiz wohnte.

Die Todesfälle zeigen, wie gefährlich die Masern tatsächlich sind. Auch weltweit nehmen die Fälle zu, in vielen Ländern gibt es Epidemien. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sieht in der Impfskepsis eine «Gefahr für die Weltgesundheit».

Wie weit die Schweiz vom Ziel der Ausrottung entfernt ist, zeigt die Impfrate. Diese hat zwar in den letzten ­Jahren zugenommen, ist aber noch zu wenig hoch. Gemäss aktuellen Zahlen sind von den zweijährigen Kindern schweizweit 89 Prozent mit den zwei nötigen Dosen gegen Masern geimpft. Zu wenig, wie das BAG betont, die Situation bleibe «fragil». Die Masern­eliminierung könne nur erreicht werden, «wenn mindestens 95 Prozent der Kinder sowie alle nach 1963 geborenen Erwachsenen mit zwei Dosen geimpft werden».



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Erstellt: 05.05.2019, 08:37 Uhr

Diese Daten wurden ausgewertet

Das Masernvirus kann sich im luzernischen Entlebuch besonders gut ausbreiten. Seit 1988 gab es in dieser Region 158 Masernfälle. Pro 10'000 Einwohner normiert, ergibt dies 67 Fälle. Keine andere Region erreicht diesen Spitzenwert. Ebenfalls sehr hohe Fallzahlen haben der Kanton Appenzell Innerrhoden (54 Fälle pro 10'000 Einwohner), der Bezirk Dorneck im Kanton Solothurn (mehr als 53 Fälle), der Bezirk Einsiedeln im Kanton Schwyz (42 Fälle) und der Wahlkreis Sursee im Kanton Luzern (37 Fälle).

Basierend auf den Daten des Bundesamts für Gesundheit (BAG), hat die SonntagsZeitung insgesamt 8102 Masernfälle aus 2797 Gemeinden ausgewertet. Detaillierte Daten gab das BAG nur für Gemeinden heraus, die mindestens 4000 Einwohner haben. 1123 Gemeinden mit Masernfällen haben weniger als 4000 Einwohner. Diese Fälle gab das BAG bloss nach Bezirken, Wahlkreisen oder Kantonen heraus. (db/bsk)

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