Die Zürcher Samichläuse haben erstmals eine Chefin

Ihre Wahl glich einem Umsturz: Karin Diefenbacher ist die erste Frau an der Spitze der grössten Schweizer St. Nikolausgesellschaft.

Vom «Eseli» zur Präsidentin: Karin Diefenbacher, 54, auf dem Samichlaus-Schlitten in der Chlauszentrale. Bild: philipp rohner

Vom «Eseli» zur Präsidentin: Karin Diefenbacher, 54, auf dem Samichlaus-Schlitten in der Chlauszentrale. Bild: philipp rohner

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Karin Diefenbacher hat eine beachtliche Karriere hingelegt: In neun Jahren brachte sie es vom «Eseli» zur Präsidentin. Und das in einer der letzten Männerdomänen in unserem Land. Sie steht an der Spitze der St. Nikolausgesellschaft Zürich, der grössten Samichlaus-Vereinigung der Schweiz. Ihre Wahl kam einem Erdbeben gleich.

Eine fröhliche Stimme bittet herein ins Büro. Was für ein Arbeitsplatz! Das Licht gedimmt, goldverzierte Stühle mit rotem Samt bezogen, eine silberne Schale gefüllt mit Christbaumkugeln und weissen Federn. Eine Girlande aus künstlichen Tannenzweigen verziert die Wände. Ein Samichlaus klettert die Ständerlampe hoch, ein anderer Chlaus umarmt die Duftkerze. Die Chefin von 44 Samichläusen und 54 Schmutzli, so scheints, kanns kaum erwarten.

Bis zu den Fingernägeln – rot mit goldenen Sternchen – ist sie auf die Festtage eingestimmt. Karin Diefenbacher serviert Guetsli und Kaffee in roten Wichteltassen. Auch die «Bartli-Stube», Treffpunkt von Samichlaus und Schmutzli, hat sie gemütlich geschmückt. Diefenbacher habe eine Wohlfühlatmosphäre in die «Chlauszentrale» in den Katakomben des Strassenverkehrsamtes Zürich gebracht, loben Vereinsmitglieder.

Herzenswärme statt ­Kasernenton

Von kuscheligem Beisammensein konnte an der Generalversammlung der St. Nikolausgesellschaft im vergangenen Mai keine Rede sein. Oberstes Traktandum war die Wahl des neuen Präsidenten. Die 120 Anwesenden wählten Sprengkandidatin Karin Diefenbacher, 54. Mit sechs Stimmen Vorsprung auf den Favoriten, einen altgedienten Samichlaus, den Wunschkandidaten des scheidenden langjährigen Präsidenten.

Tumultartige Szenen und gehässige Reaktionen waren die Folge. Ein Chlaus erhob sich und polterte: «Eine Frau kommt nicht infrage.» Statt zu gratulieren, verkündete der Ex-Präsident schliesslich die Namen jener, die unter Diefenbachers Führung nicht mehr mitmachen wollten. Fast der gesamte Vorstand, vor allem Frauen, trat zurück. Nach wie vor bekomme sie böse Post, sagt die neue Chefin. Auch deshalb möchte sie lieber nicht mehr über den Abend reden.

Die nächste «Samichlaus-Post» vermeldete den Umsturz: «Samichläuse, Schmutzli und Eseli und die vielen guten Geister im Hintergrund ahnen, dass sie in diesem Moment Zeugen eines Ereignisses von historischer Dimension werden.» Erstmals in der 70-jährigen Geschichte der St. Nikolausgesellschaft gibt eine Präsidentin den Ton an. Eine Frau!

Die meistgehörte Klage: «Du hast nie unter einer roten oder braunen Kutte gesteckt. Du weisst nicht, wie wir Samichläuse und Schmutzli ticken.» Karin Diefenbacher jedoch traute sich das Amt zu. Dieses verlange vor allem «Herzenswärme, gesunden Menschenverstand und Organisationstalent». Ausserdem wisse sie sehr wohl, wie die Mannen tickten. Aus ihrer Zeit als Eseli. Eseli (und nicht Esel!) nennt man die Fahrerinnen, die Chlaus und Schmutzli von Haus zu Haus chauffieren.

Sie übernahm das Amt aber auch, weil sie von den jungen Samichläusen darum gebeten wurde. Die neue Generation wünschte sich Veränderung, hatte genug von der militärisch-diktatorischen Führung, dem Kasernenton. «So geht man nicht mit Leuten um, die in ihrer Freizeit samichlausen gehen», sagt Diefenbacher rückblickend. 100 Leute arbeiten im Hintergrund, alle ehrenamtlich, vom Eseli bis zur Präsidentin, die von Beruf die Hauswirtschaft in einem Altersheim leitet. Die Freiwilligen halten die Kostüme in Schuss, oder sie bereiten die Mahlzeiten für die hungrigen Chläuse und Schmutzli zu. Geselligkeit, gemeinsames Essen in der Bartli-Stube, darauf legt Diefenbacher grossen Wert. 

Heute, ein halbes Jahr nach der turbulenten GV, sind alle Posten wieder besetzt. Am vergangenen Sonntag wurde die kurze Samichlaus-Saison mit dem Umzug durch die Zürcher Bahnhofstrasse eröffnet. Die neue Präsidentin stand abseits und schaute zu: «Ich war so stolz uf mini Manne», sagt sie und wischt sich eine Träne weg. So viele Steine seien ihnen in den Weg gelegt worden, «aber wir haben es geschafft».

Sie dürfe sogar auf zwölf neue Schmutzli zählen, sagt sie freudig. Ihre eigenen Erinnerungen an den Schmutzli sind ganz und gar nicht heiter. «Als Kind hatte ich mega Angst.» Im Luzernischen, wo sie aufgewachsen ist, hatte der Samichlaus gleich mehrere, bis zu sechs Schmutzli, «wilde Kerle, die uns Kinder jagten, mit der Rute schlugen, uns Russ ins Gesicht rieben».

Der Polteri von früher hat einiges dazugelernt

Auch heute noch sei der Samichlaus eine Respektsperson. Leider werde der Chlaus nicht selten als Drohmittel eingesetzt. Manche Eltern schreiben gar auf den Zettel, dass er die Kleinen mit der Rute einschüchtern soll – «böser, böser Bub, böses, böses Meitli!» Aber: «Unsere Chläuse und Schmutzli schimpfen nicht, und sie erziehen nicht.»

Die Fitze, die hat der Schmutzli allerdings immer dabei – um seine Schuhe zu putzen, bevor er in die gute Stube tritt. Kein Kind wird mehr in den Sack gesteckt. Im Sack sind all die feinen Sachen. Diefenbachers Enkel Noel, 7, wird sich über Nüssli, Schöggeli, Manda­rinli und Tirggel freuen. Mini-Pic oder Chips, Geld oder grosse Geschenke findet sie unangebracht. Traurig stimmt Diefenbacher auch, dass der Samichlaus nicht wie früher überall festlich erwartet wird. In manchen Wohnungen müsse er darum bitten, den Fernseher doch kurz auszuschalten.

Nach wie vor haben die Kleinen ein Versli parat, wobei es sich einige einfach machen: «Samichlaus, i säg der eis, i weiss e keis.» Der Samichlaus von heute liest den Kindern nicht mehr die Leviten, sondern fragt einfühlsam: «Säg emal, was macht dis Mami alles für dich? Und was machsch du dänn für dis Mami?» Dann kämen die Meitli und Buben ins Grübeln, sagt Diefenbacher. Der Polteri von früher hat einiges dazugelernt.

Damals als Eseli, so die Chlaus-Chefin, habe sie sich jedoch ab und zu schämen müssen: Wenn sich der Samichlaus eine Zigarette zwischen den Bart schob. Oder als er den roten Mantel hob und sich am Strassenrand erleichterte. Solches Benehmen gehe gar nicht, «Samichlaus und Schmutzli sind Vorbilder».

Bereits am 1. November, innert drei Tagen, waren alle Samichläuse ausgebucht. Die Mädchen und Buben, die keinen Besuch bekommen, dürfen den Samichlaus gratis anrufen und mit ihm plaudern, neuerdings auch per SMS und Whatsapp.

Etwas jedoch wird sich nie ändern: Auch in Diefenbachers Ära werden Samichlaus und Schmutzli männlich bleiben. «Es wird keine Frauen unter den roten und braunen Kutten geben», stellt die Präsidentin klar. Warum nicht? «Weil es die Kinder merken würden», sagt sie, «weil wir die Kinder nicht enttäuschen dürfen.» Aber klar, auch ein Mann könne auffliegen. Besonders auf die Schuhe sollte man achten, so ihr Tipp: «Die Schuhe haben schon manchen Samichlaus verraten.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 02.12.2018, 21:40 Uhr

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