Das Gefühl der Straflosigkeit muss weg

Bei Gewaltdelikten muss der Spielraum der Gerichte ausgenutzt werden.

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Gestern am frühen Morgen brannte es beim Zürcher Hauptbahnhof. Die Feuerwehr wollte ­löschen, die Polizei sperrte das Gelände ab. Und was passiert? Gaffer pöbeln gegen Polizisten und behindern die Löscharbeiten.

In derselben Nacht beim Hirschenplatz im Niederdorf, kurz zuvor, eine Schlägerei. Zwei Männer werden verletzt, einer so schwer, dass er liegenbleibt. Der andere flüchtet zur Rudolf-Brun-Brücke und wird dort weiter verprügelt. Die Polizei greift ein und verhaftet einen der Gewalttäter. Und was passiert? Die Beamten werden von FCZ-Fans mit Flaschen beworfen. Sie mussten flüchten und Verstärkung holen.

Am Nachmittag kommt es im Kreis 5 zu einer Massenschlägerei zwischen GC- und FCZ-Fans. Die Polizei geht dazwischen, und auch hier wird sie massiv angegriffen.

Das alles, nachdem es bereits vor einer Woche beim Bellevue zu üblen Szenen kam, mit Angriffen gegen Polizisten und sogar Sanitäter, die einem Schwerverletzten helfen wollten. Zürich ist da kein Einzelfall; in Bern kam es rund um die Reithalle regelmässig zu ähnlichen Szenen, genauso wie in anderen Schweizer Städten. Und damit nicht genug. In den Spitälern, wo manche nach dem Ausgang landen, geht es weiter. Auch dort werden die, die eigentlich helfen wollen, von meist ange­trunkenen oder zugedröhnten jungen Männern angepöbelt und angegriffen.

«Warum soll die Allgemeinheit zahlen, wenn einige wenige pöbeln?»

Es scheint, als ob da bei einem Teil der jungen Männer ein Band des Respekts gerissen ist. Nicht nur vor der Polizei, die von Amtes wegen in der Rolle des Spielverderbers ist, sondern auch vor Ärzten, Sanitätern und vermeintlichen Gegnern, also Fans der gegnerischen Fussballmannschaft.

Fragt sich, warum. Da ist zum einen natürlich der Alkohol, der im Ausgang, meistens ist es ja Nacht, die Hemmungen wegschwemmt. Hinzu kommt das Gefühl der Straflosigkeit, wenn man etwas Gaudi hat, auch mal eine Flasche wirft und erst noch weiss, dass die Polizei nummerisch hoffnungslos unterlegen ist. Um das anzugehen, braucht es nicht unbedingt neue Gesetze, sondern das Strafrisiko muss steigen. Das heisst, der Spielraum, den die Gerichte haben, muss ausgenutzt werden. Es ist auch wichtig, dass Gewaltdelikte auch wirklich angezeigt werden. Doch dafür braucht es Zeugen und Polizei vor Ort, die nicht nur schlichten kann, sondern auch mal jemanden erwischt und verhaftet.

Das alles ist natürlich teuer, und die grosse Mehrheit der Bevölkerung hat keine Lust, noch mehr Polizisten zu bezahlen. Vielleicht müsste man da etwas kreativer werden. Die Profiteure des Ausgangs beispielsweise. Die Beizen, Bars und Clubs, die das Nachtleben attraktiv machen. Warum also nicht nach Mitternacht einen Sicherheitszuschlag auf alkoholische ­Getränke einführen und damit eine stärkere Polizeipräsenz finanzieren?

Erstellt: 25.08.2018, 23:43 Uhr

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