Das grosse Los

In Zermatt sorgen junge Hoteliers für frischen Wind. Aber die guten Zahlen erzählen nicht die ganze Geschichte.

Sarah ­Schwarzenbach vom Boutiquehotel Matthiol mit ihrem Hund ­ Pirucha. Foto: Pedro Rodrigues

Sarah ­Schwarzenbach vom Boutiquehotel Matthiol mit ihrem Hund ­ Pirucha. Foto: Pedro Rodrigues

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Längst liegen die Pisten im Schatten, ruhen die Bahnen.

Eine einsame Snowboarderin gleitet ins Tal. Ein Hund trabt nebenher. An neuralgischen Stellen nimmt Sarah Schwarzenbach Pirucha behutsam auf den Arm. 20 Kilo wiegt der Nova Scotia Duck Tollinger Retriever. Frauchen ist sich die Last gewohnt; in der winterlichen Hochsaison fährt sie jeden Spätnachmittag vom Bergrestaurant Staffelalp unter der Nordwand des Matterhorns zurück nach Zermatt.

Die 32-jährige Bernerin betreibt das Vierstern-Superior-Hotel Mat­thiol am Dorfrand von Zermatt und das Restaurant Staffelalp auf 2200 Meter über Meer. «Dort gebe ich beim Mittagsservice selber den Takt vor», schildert Schwarzenbach. «Ich platziere die Gäste und helfe, wo immer man mich braucht.» Es gebe in der Gastronomie kaum eine grössere Herausforderung, sagt sie, als den mittäglichen Massenansturm hungriger Wintersportler zu bewältigen. «Ich musste lernen, stets ruhig zu bleiben. Die Nervosität der Chefin überträgt sich sofort auf die Crew.»

An einem guten Tag kommen auf der Staffelalp 600 Essen aus der Küche, darunter Leckereien wie die Staffelalp-Rösti. Sie besteht aus fein geriebenen Kartoffeln und Äpfeln sowie Zwiebeln, belegt mit butterzartem Schweinefleisch an Barbecuesauce. Das feinfaserige Fleisch schmorte über Nacht bei Niedrigtemperatur im Ofen.

Nachdem die alte Staffelalp einem Brand zum Opfer gefallen war, liess Pächterin Schwarzenbach, auch dank Einsatz eigener Mittel, ein hölzernes Provisorium errichten. «Ich wollte die Stammkunden behalten. Die Staffelalp ist hervorragende Werbung fürs Hotel», sagt die sportliche junge Frau, im Wissen, dass ein Pistenrestaurant ein volatiles Geschäft ist: «Im letzten Winter blieb das Lokal aus wettertechnischen Gründen an 45 Tagen geschlossen.»

Sarah Schwarzenbach fährt mit dem Board bis zum Matthiol. Unter ihrer Regie ist aus dem vor gut zehn Jahren eröffneten Hotel ein diversifizierter Beherbergungsbetrieb geworden. Das Unternehmen heisst heute Maisons Matt­hiol. Neben dem Hotel mit 33 Zimmern und Suiten führt Schwarzenbach über ihre Management GmbH auch sogenannte Serviced Apartments – Ferienwohnungen, deren Gäste auf Wunsch von Hotelleistungen des Stammhauses profitieren. Ausserdem fliegt die vife Unternehmerin regelmässig nach Berlin, um im Potsdamer Waveboard zum Rechten zu schauen. Sie hat das Boardinghouse für die Liechtensteiner Besitzerschaft des Matthiol aufgebaut; nun soll der Betrieb gewinnbringend verkauft werden.

Beste Pistenverhältnisse auch in schneearmen Wintern

Vor und nach dem Einsatz am Berg sitzt Sarah im Büro, entwirft Strategien und vergräbt sich in die Zahlen. Auf ihrer Visitenkarte steht «CEO» und nicht etwa «Gastgeberin». Denn für die Arbeit an der Hotelfront hat sie Leute ihres Vertrauens engagiert. «Wir pflegen einen unkomplizierten Umgang und flache Hierarchien.» Die Macherin hat das einst schwächelnde Matthiol seit 2011 in ein gut ausgelastetes Vierstern-Superior-Bijou verwandelt. «Dezentes Design, aber kein überladener Alpen-Chic», beschreibt Schwarzenbach den Stil des Hauses. «Auffallend, dass jetzt viele junge Leute bei uns buchen.»

In den Kunststoff-Iglus vor dem Haus dampft Fondue, im Restaurant Filet & Fils lässt eine Spezialität Karnivoren das Wasser im Mund zusammenlaufen: Kellner Alex bringt einen Rindfleischbrocken mit Knochen an den Tisch und schneidet das Steak, das auf der Speisekarte «Tomahawk» heisst, vor den Gästen. «Die Leute lieben solche Inszenierungen», sagt Schwarzenbach.

Die Absolventin der Hotelfachschule Luzern denkt, dass sie mit ihren Ideen und der Power überall erfolgreich sein könnte. «Allerdings haben wir in Zermatt das grosse Los gezogen», räumt die Matthiol-Chefin ein. Selbst in schneearmen Wintern bietet Zermatt beste Pistenverhältnisse. Übers Jahr sorgt eine sehr internationale Kundschaft für fette Zahlen in den 106 Hotels im Dorf. Schwarzenbach hegt aber auch Bedenken: «Wir müssen uns grundlegende Gedanken machen, ob der Massentourismus uns auf die Dauer nicht mehr schadet als nützt.»

Das Geschwisterpaar Anna und Sebastian Metry vom Chalet-Hotel Schönegg. Foto: Pedro Rodrigues

Derweil Sarah aus der «Üsserschwiiz» nach Zermatt kam, sind Anna und Sebastian Metry hier aufgewachsen. Ihre Mutter Marie-José entstammt einer der alteingesessenen Zermatter Julen-Fami­lien. Anna, 34, und Sebastian, 36, führen seit bald acht Jahren das Chalet-Hotel Schönegg, in dritter Generation. Das Rüstzeug holte sie sich an der Hotelfachschule in Thun, er in Lausanne. «Wir sind uns zwar der Tradition unseres Hauses bewusst», sagen die Geschwister, «aber wir bringen eigene Ideen rein.» Schmuckstück des aus zwei Chalets bestehenden Vierstern-Superior-Hotels ist die erneuerte Infinity-Terrasse, von der man einen grandiosen Blick über die Dächer von Zermatt und aufs Matterhorn geniesst. Anna und Sebastian haben das Grandhotel in Chalet-Hotel umgetauft. Ein klares Signal: «Wir wollen den Gästen einen gemütlichen, von einer Familie geführten Rückzugsort in den Bergen bieten.» Sie seien, versichern Schwester und Bruder, nicht immer gleicher Meinung. «Aber wir können gut diskutieren und vertrauen uns gegenseitig», so Sebastian Metry. Der ehemalige Skirennfahrer aus der Generation von Marc Berthod und Daniel Albrecht kümmert sich im Schönegg um Gastronomie und Bauliches, Anna um die 48 Zimmer und Suiten, Réception und Marketing. Eine klassische Rollenverteilung zwischen Hotelière und Hotelier? Anna bejaht und sagt: «Wir haben beide unsere Stärken und Spezialgebiete, lernen aber voneinander. Sebastian hat zum Beispiel ein viel grösseres Wissen über Wein als ich.» Der Hausherr, der mit seiner Partnerin Line Février auch das Hotel National führt, kultiviert im Hotelrestaurant Saveurs im Schön­egg eine aussergewöhnliche Weinkarte. «Unsere Trouvaillen sind Tropfen von kleinen, sehr talentierten Walliser Winzern.»

Die Rückkehr zu Relais & Châteaux

Nach Jahren der Absenz ist das Schönegg wieder zu Relais & Châteaux zurückgekehrt. «Die einzige Hotelkooperation, in der Gastronomie und Hotellerie eine gleichwertige Rolle spielen», so Sebastian Metry. Obwohl man in anderen alpinen Destinationen von der Zermatter Jahresauslastung nur träumt, betrachten die Geschwister das Hotelgeschäft nicht als Selbstläufer. «Im Vierstern-Superior-Bereich gibt es starke Konkurrenz, wir müssen unser Haus stetig weiterentwickeln», sagt Anna. So kommt es, dass sich die Geschwister oft über den Entwurf einer neuen Wellnessanlage beugen. Im Herbst soll das in die Jahre gekommene Schönegg-Spa ein neues Gesicht und einen Indoorpool erhalten – in nur zwei Monaten Bauzeit.

So ambitioniert planen junge Hoteliers.



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Erstellt: 08.02.2020, 19:21 Uhr

Die Hotels

Boutiquehotel Matthiol , DZ ab 340 Fr.; www.matthiol.ch

Chalet-Hotel Schönegg, DZ ab 380 Fr.; www.schonegg.ch;
www.zermatt.ch

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