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«Das IKRK ist oft alleine dort, wo es wirklich implodiert»

«Es ist nicht möglich, die Kriegsbilder zu vergessen. Die sind präsent»: Peter Maurer, 62, am Europainstitut in Zürich. Bild: Sebastian Magnani/Ex-Press

Auf Twitter haben Sie auch schon geschrieben, Sie seien schockiert über das, was Sie in Krisenregionen sehen. Fällt es Ihnen schwer, neutral zu bleiben, wenn Sie mit ­Konfliktparteien verhandeln, die ­Spitäler bombardieren?

Darf der Chef des neutralen IKRK auch Emotionen zeigen?

Zeigen Sie Emotionen auch während der Verhandlungen?

Können Sie schlafen, nachdem Sie aus einer Krisenregion zurückkommen?

Wie bringen Sie die Bilder aus Ihrem Kopf?

Es ist für Sie einfacher, ein zerbombtes Spital selber zu sehen als im Fernsehen oder in der Zeitung darüber zu lesen?

«Der Vorwurf, wir würden Profit aus den Opfern ­schlagen, ist Blödsinn.»

Das Vertrauen in den ­humanitären Sektor hat in diesem Jahr durch den Oxfam-Skandal stark gelitten. ­Mitarbeiter hatten Orgien veranstaltet und Notleidende ausgenutzt. Geschieht Ähnliches auch beim IKRK?

Ein Teil des Problems ist, dass fehlbare Mitarbeiter von anderen Hilfswerken wieder angestellt werden.

Der welschen Zeitung «Le Temps» sagte eine ehemalige Mitarbeiterin, dem Roten Kreuz sei die Problematik egal. Was sagen Sie dazu?

Kritik an humanitärer Hilfe gab es auch von ungewohnter Seite: Aussenminister Ignazio Cassis hatte das UNO-Hilfswerk für die Palästinenser UNRWA grundsätzlich infrage gestellt. Wie beurteilen Sie seine Kritik?

Cassis’ Kritik zielte auch darauf hin, dass die palästinensischen Flüchtlinge ihren Flüchtlings­status vererben. Entsprechend gibt es nun fünf Millionen ­Palästinenser, die auf Rückkehr pochen, was nicht realistisch ist.

«Gemäss einer Untersuchung zählten wir in den letzten sechs Jahren mehr bewaffnete Gruppierungen als in den sechs Jahrzehnten zuvor.»

Das IKRK forciert unter Ihnen die Zusammenarbeit mit der Privatwirtschaft. Sie arbeiten bei gewissen Hilfsprojekten auch mit Banken und Versicherungen zusammen. Verlieren Sie Ihre Unabhängigkeit?

Warum?

Mit sogenannten «humanitarian impact bonds» bringen Sie humanitäre Projekte auf den Kapitalmarkt. Investoren können IKRK-Projekte finanzieren und daran verdienen. Wieso machen Sie das?

Humanitäre Hilfe und Rendite, das geht doch nicht zusammen.

An was für Projekte denken Sie?

Aber private Firmen haben in Krisenregionen andere Interessen als das IKRK. Sie wollen primär Geld verdienen.

Die Zusammenarbeit mit ­LafargeHolcim mussten Sie stoppen, weil Lafarge-Kader mit der Terrormiliz Islamischer Staat Geschäfte abgeschlossen hatten. Das zeigt doch, dass Sie ein beträchtliches Risiko eingehen.

Der mit Abstand grösste Geber des IKRK sind die USA. Deren Präsident hat Länder, in denen Sie tätig sind, als «shithole countries» bezeichnet. Man hat nicht das Gefühl, er sei der glühendste Fan Ihrer Arbeit. Ist das nicht ein Klumpenrisiko?

Hat sich die Beziehung ­verschlechtert, seitdem Donald Trump Präsident ist?

Sie sind seit 2012 Präsident des IKRK: Man hat den ­Eindruck, Zahl und Schwere der Konflikte habe zugenommen. Erleben wir tatsächlich «die grösste humanitäre Krise seit 1945»?

War die Situation in Krisen­regionen früher übersichtlicher?

Inwiefern?

Der Harvard-Professor Steven Pinker schaut noch weiter zurück als bis zum Zweiten Weltkrieg und sagt, die Gewalt auf der Welt sei rückläufig. Sehen Sie eine Gegenbewegung, wenn Sie die letzten Jahre anschauen?

Aber wenn man die ganze Welt betrachtet, geht es der Menschheit doch immer besser.

Was bedeutet das für die Politik?