Das Konzept «Junge Frau»

Endlich gleichberechtigt, verlangen sie jetzt eine Sonderbehandlung – aufgrund ihres Geschlechts.

Alle wollen sie derzeit haben: die junge Frau. Illustration: Julia Geiser

Alle wollen sie derzeit haben: die junge Frau. Illustration: Julia Geiser

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Alle sind scharf auf sie. Wollen sie haben, sich mit ihr schmücken. Buhlen um sie, die junge Frau, so begehrt wie nie, wenn auch aus anderen Gründen als bisher: Sie verkörpert die Zukunft, denn die ist weiblich, auf T-Shirts prangen nicht mehr die Namen von Rockbands, sondern Mantras wie «Girls rule the World». Feminismus ist Trumpf, die Bewegung der Stunde, und machte die Förderung junger Frauen für Firmen zunächst zur Imagefrage und dann zum Gütesiegel: So wie man früher zwecks Eigen-PR Charity für Afrika betrieb, bieten Unternehmen heute unzählige Programme exklusiv für die Arbeitnehmerin an. «Diversity» nennt sich das, und beschränkt sich in der Regel auf die, die derzeit alle haben wollen: die junge Frau.

Und so wird recht eigentlich Entwicklungshilfe betrieben, auf Teufel komm raus und selbst dann, wenn sich der männliche Kollege als talentierter herausstellt, wobei das nur konsequent ist – Gleichberechtigung heisst auch, dass den jungen Frauen genauso das Recht zusteht, trotz Mittelmässigkeit befördert zu werden.

Die Hoffnungsträgerinnen entfalten null Wirkung

Die Zahlen bestätigen es ja: Buben und Männer geben Anlass zur Sorge, sie verlieren den Anschluss, vor allem bildungsmässig, die jungen Frauen überflügeln sie, laufen ihnen den Rang ab, sind verständiger, fleissiger, verlässlicher.

Nur bleibt das ohne Folgen. Die bestens ausgebildeten, mit allen Kräften geförderten Hoffnungsträgerinnen hinterlassen keine Spuren. Nicht in der Politik. Nicht in der Wirtschaft. Nirgends. Ihre Wirkung verpufft, bevor sie überhaupt etwas bewegen könnten, sie lösen sich in Luft auf – meist spätestens sobald das erste Kind da ist. Dann sind sie wieder unter sich, die Männer, überall dort, wos wichtig ist.

Es wird sehr viel darüber nachgedacht, weshalb das so sein könnte. Die Gründe seien strukturell, lautet die am meisten bemühte Antwort; «strukturell» ist ein sehr praktischer Ausdruck, da schwingt mit, dass alle irgendwie schuld sind daran, vor allem die Männer und die unendliche Geschichte des ­Patriarchats.

Die «Das-steht-mir-zu-denn-ich-bin-eine-Frau-Attitüde»

Nur: Da sind ja auch noch die jungen Frauen selbst. Und weil sie sozusagen offiziell zu einer Art schützenswerten Spezies erkoren worden sind, wird kaum je die Frage gestellt, ob es denn nicht auch an ihnen liegen könnte. Daran, dass man ihnen vor lauter Huldigungen zu sagen vergessen hat, dass jung und weiblich und gut ausgebildet zu sein noch nicht reicht, um in der Welt zu bestehen. Dass das kein nachhaltiges Alleinstellungsmerkmal ist.

Helena Trachsel, Leiterin der Fachstelle Gleichstellung des Kantons Zürich, freut sich über nichts so sehr wie unbescheidene, junge Frauen, die ihr Licht nicht länger unter den Scheffel stellen. Und doch konstatiert sie zunehmend eine ungute Anspruchshaltung, das Pochen auf einen «weiblichen ­Vorauskredit», wie sie es nennt, eine Das-steht-mir-zu-denn-ich-bin-eine-Frau-Attitüde. Verwunderlich sei das zunächst nicht, da mit den Millennials und der Generation Z Jahrgänge mit einem viel grösseren Selbstbewusstsein in den Arbeitsmarkt gekommen seien. Bloss: «Bei manchen jungen Frauen manifestiert sich dieses Selbstbewusstsein deutlicher als bei den gleichaltrigen Männern.» Es handle sich bei ihnen um die erste Generation, die mit Leichtigkeit durch die Institutionen marschierte, die nicht für die Gleichstellung kämpfen musste und diese deshalb für völlig selbstverständlich hält, was man ihnen nicht zum Vorwurf machen kann. Genauso selbstverständlich gehen sie aber davon aus, dass sich die Arbeitswelt einfach so ihren Wünschen anpassen würde – «bloss weil sie junge, gut ausgebildete Frauen sind».

Die Verwöhnten scheuen den Mehraufwand

Sie höre das von Personalverantwortlichen, sagt die oberste Zürcher Gleichstellungsbeauftragte: dass die jungen Frauen sich hervorragend verkaufen könnten und beeindruckende Forderungskataloge stellten betreffend flexiblen Arbeitszeiten und Ferien, aber pikiert reagierten, wenn im Gegenzug Flexibilität und hoher Einsatz erwartet würden. Oder auch einfach nur: Leistung. Verwöhnt und umschwärmt, wie sie sind, erwischt es sie mitunter auf dem falschen Fuss, dass die Welt entgegen allen Beteuerungen eben doch nicht auf sie gewartet hat – und auch trotz Fachkräftemangels nicht bereit ist, sämtliche ihrer Forderungen zu erfüllen. Helena Trachsel sagt: «Wer Gleichberechtigung verlangt, muss akzeptieren, dass gleiche Pflichten eingefordert werden.»

Wenn eine gewisse Sonderbehandlung ausbleibt, wird aber bisweilen schnell «Diskriminierung» gerufen. Helena Trachsel hört das oft – und keineswegs immer zu Recht. Sie sagt: «Nicht nur die Firmen haben eine Bringschuld. Sondern auch die jungen Frauen.» In ihren Beratungen bekommt sie immer wieder mit, wie wenig manche zum Verzicht bereit sind oder dafür, mal einen Extra-Einsatz zu leisten, auf die Zähne zu beissen oder Kritik einzustecken. Werde es schwierig, verlören einige von ihnen schnell die Motivation – schneller als die gleichaltrigen Männer.

Sie können es sich ja auch leisten. Weil sie stets einen Plan B parat haben: die Gründung einer Familie. «Flucht in die Frucht» wurde das früher genannt, geändert hat sich daran nicht viel: Aller Emanzipation zum Trotz ist es auch für Akademikerinnen als Mütter gesellschaftlich immer noch akzeptierter, den Ehrgeiz zu drosseln und zunächst einmal daheim zu bleiben, dann nach vier Monaten Babypause wieder voll einzusteigen. Diese Wahlfreiheit sei eine Errungenschaft der Gleichstellung, heisst es gerne. Bloss erweist sie sich mitunter als Bumerang.

Wie sehr, zeigte eine internationale Studie aus dem Jahr 2017, die im amerikanischen Fachmagazin «Psychological Science» veröffentlicht wurde und für grosses Aufsehen sorgte. Untersucht wurde der Frauenanteil in den sogenannten Mint-Fächern (Mint steht für Studiengänge in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik).

Familienunterhalt wird dem Mann überlassen

Dabei zeigte sich Verblüffendes: Je gleichberechtigter ein Land, desto geringer der Anteil Studentinnen in den als männlich geltenden Fächern. Umgekehrt formuliert, bilden die Gender-Musterschüler-Staaten Finnland, Norwegen und Schweden mit einem Anteil von 25 Prozent das Schlusslicht der Mint-Rangliste, während sie angeführt wird von Algerien, Tunesien, der Türkei und, tatsächlich: den Vereinigten Arabischen Emiraten. Konkret sind in Algerien 41 Prozent aller Absolventen eines Mint-Studiums weiblich; in der Schweiz knapp ein Drittel.

Nun gab es bereits in den Ostblockstaaten deutlich mehr Ingenieurinnen, Physikerinnen und Chemikerinnen als im Westen. Was an der staatlich verordneten Gleichberechtigung lag und daran, dass die Studienwahl für beide Geschlechter nicht frei war. Trotzdem: Dass ausgerechnet in modernen Staaten die Studienwahl konservativer ausfällt als in den konservativen Staaten selbst, dass also dort, wo Gleichberechtigung herrscht, Frauen weiterhin klassische «Frauenfächer» wählen und die Männer in den klassischen «Männerfächern» unter sich bleiben, damit hatte in dieser Deutlichkeit niemand gerechnet. «Gender-Equality Paradox» wurde das Phänomen getauft, Gleichstellungsparadox, und die Fachwelt rätselte. Wie war das möglich?

Ein «männliches» Studium bringt nicht nur mehr Prestige. Es bedeutet: mehr Lohn.

Die amerikanische Gender-Forscherin Janet Shibley-Hyde erklärte es nüchtern so: «In wohlhabenden Nationen denken Frauen, sie hätten die Freiheit, das zu studieren, was sie interessiert. Und dass ihnen diese Freiheit erlaubt, sich nicht darum zu kümmern, dass man in diesen Gebieten meist weniger verdient.» Auch hier: Die Gleichberechtigung als Bumerang.

Denn offensichtlich planen Frauen aus patriarchalischen Ländern ihr Leben gründlicher, pragmatischer und ja, moderner. Ein «männliches» Studium bringt nicht nur mehr Prestige. Es bedeutet: mehr Lohn. Und damit: mehr Freiheit. Und: mehr Unabhängigkeit. Im fortschrittlichen Westen hingegen sind die jungen Frauen zwar selbstbewusst und stellen Forderungen, aber nicht selten erschöpft sich ihre Emanzipation just darin – denn die Frage, ob sie mit ihrem Beruf einst eine Familie ernähren können, stellt sich ihnen nicht, dafür fühlen sie sich nicht zuständig, immer noch nicht. Für sie steht mit der so gerne bemühten «Wahlfreiheit dank Emanzipation» die persönliche Entfaltung im Vordergrund – eigentlich nichts Schlechtes. Aber eine zu prinzessinnenafte Haltung, um damit die Welt verändern zu können.

Erstellt: 09.03.2019, 18:16 Uhr

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