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Das lächerliche Theaterwesen

Wie aus einem konservativen Theologen ein Verfechter der Diversität wurde.

Wie so oft Samstag früh sitze ich im ICE nach Hause und klicke mich durch die Facebook-Timeline. Von ­allen Berufen ist das Theater vermutlich der exhibitionistischste: bizarre Probenfotos, aggressive Angriffe gegen berufliche oder sonstige Feinde, Petitionsaufrufe, flämische Meister neben Fotos von sich anbahnenden oder ­gerade zu Ende gehenden Liebes­beziehungen werden aufge­lockert von AfD-, Trump- und Daniele-Ganser-Bashing.

Eine Freundin von mir hat gerade die SMS eines bekannten Filmproduzenten gepostet, die ausschliesslich aus dem Wort «Erektion» besteht. ­Etwas weiter unten reitet ein anderer Schauspieler auf einer Rodeo-Maschine zu einer Bachkantate. Dazwischen tanzt ein syrisches Kinderensemble vor einem Film von Bombenabwürfen. Theater ist eine öffentliche Kunst – manchmal schonungslos und direkt, oft aber auch verworren und lächerlich.

So war ich ein wenig nervös, als sich Hassan Jarfi letzte Woche für einen Probenbesuch ankündigte. ­Gerade arbeite ich am Nationaltheater in Brüssel an einem Stück über den Mord an seinem homosexuellen Sohn. Vor genau 6 Jahren, am 22. April 2012, wurde er von vier Betrunkenen während Stunden gefoltert und schliesslich sterbend an einem Waldrand ausgesetzt. Wie würde sich die Direktheit des Theaters mit dem tiefsinnigen ­Humanismus des muslimischen ­Theologen Hassan Jarfi vertragen?

Was ihm unverständlich ­geblieben war, das hatte er wohl dem oft lächerlichen Wesen des Theaters zugeschrieben.

Ein kleiner Trupp von Print- und TV-Journalisten begleitete Hassan, als er am «Jarfi Day» zur Probe kam – so heisst ein Feiertag in Belgien zu Ehren des Mordopfers kurz vor dem Jahrestag. Es war der erste breit diskutierte Fall von Homophobie, das Parlament führte sogar ein neues Gesetz zur Strafverschärfung von «Hate Crimes» ein. Bei Hassan selbst hatte der Mord an seinem Sohn Ihsane eine existenzielle 180-Grad-Wendung zur Folge: Aus einem konservativen Theologen wurde ein Verfechter der Diversität.

In meinem Stück kommen unter ­anderem der Mord selbst und eine Knutschszene in einer Gay-Bar vor. Dazwischen tanzt ein Lagerist mit einem Gabelstapler, und als Kapitelüberschriften sieht man Bilder von Hochöfen. Kein Wunder, dass ich ein wenig nervös war. Hassan setzte sich in die erste Reihe und schaute sich das Stück an. Als das Licht anging, sagte er etwa eine Minute lang gar nichts.

Umringt von Journalisten erklärte ich ihm, in der Endfassung würde der Darsteller von Ihsane ein Lied von Purcell singen – um das Ganze etwas monumentaler zu machen. Hassan aber lachte nur und sagte: «Ich hoffe, der Schauspieler singt falsch.» Denn er hatte alles verstanden, er hatte, wie er später sagte, «Ihsane wieder lebendig gesehen». Gerade in der Verworrenheit, im elegischen Durcheinander des Stücks war ihm sein Sohn begegnet.

Und was ihm unverständlich ­geblieben war, das hatte er wohl, wie jeder kluge Mensch, dem oft ­lächerlichen Wesen des Theaters ­zugeschrieben.

Milo Rau ist Theaterintendant in Gent und Essayist.

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