Das Luxusleben der Haustiere

Schweizer geben jährlich über 670 Millionen Franken für ihre Vierbeiner aus. Das Angebot ist breit – und oft skurril.

Jährlich nimmt die Nachfrage nach Betreuung von Haustieren um stark zu. Foto: Getty Images

Jährlich nimmt die Nachfrage nach Betreuung von Haustieren um stark zu. Foto: Getty Images

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Der Hund kommt vor dem Ehepartner – zumindest, wenn es um die Verteilung des Haushaltsbudgets geht. Das sagte einst Paul Bulcke, Präsident des weltgrössten Nahrungsmittelherstellers Nestlé. Er muss es wissen. Der Konzern machte 2018 weltweit einen Umsatz von fast 13 Milliarden Franken mit Tiernahrung – mehr als mit Wasser oder Süsswaren.

Das Geschäft mit Hunden, Katzen und anderen tierischen Hausbewohnern ist lukrativ. Rund ums Thema Haustier hat sich deshalb eine ganze Industrie für Waren und Dienstleistungen aller Art etabliert. Krankenkasse für die Katze, Hochzeitsfoto mit dem Pferd, ­Kinesiologie für den Hund: Das Angebot ist breit – und oft skurril.

Beim Futter wollen viele Halter ihren Liebsten nur das servieren, was sie selber mögen. Statt Fleischabfälle kommen hochwertige Stücke in den Fressnapf. Ente mit Kürbis, Erdbeere und Holunder oder Kalb mit Gurke, gelber Melone und Bärlauch: Solche Menüs liegen voll im Trend, sagt Rolf Boffa, Chef des Fachhändlers Qualipet. «Kunden verlangen nach immer hochwertigerem Tierfutter. Wir haben deshalb unsere Angebote im höchsten Preissegment stark ausgebaut.» Dabei könnten auch die Tierhalter zubeissen. «Die De-luxe-Produkte sind in Lebensmittelqualität. Die könnten auch Menschen essen», sagt Boffa.

Isst der Mensch glutenfrei, muss das auch der Hund tun

Auch Nestlé verkauft solche Produkte. Doch wie nachhaltig ist es, Nahrungsmittel für Menschen an Tiere zu verfüttern? Nestlé-Chef Mark Schneider scheint die Sache eher unangenehm: «Wir müssen uns auch solchen Konsumentenwünschen beugen», sagte er jüngst in einem Interview.

Hoch im Kurs sind Produkte für Allergiker. Tierhalter meiden beim Futter, was sie selber nicht essen: Laktose, Weizen und Gluten kommen auf die rote Liste, auch wenn der Vierbeiner keine Allergien hat. «Es kann unmöglich so viele Hunde mit einer Getreideallergie geben, wie wir weizenfrei verkaufen», sagt Rolf Boffa. Sogar veganes Futter ist auf dem Markt – das Raubtier soll also wie Herrchen auch ganz ohne Fleisch leben.

Laut dem Marktforschungsunternehmen Euromonitor geben Schweizer jährlich allein für Futter und Spielzeug über 670 Millionen Franken aus – Tendenz steigend. Darin nicht eingerechnet sind die Dienstleistungen, die für Haustiere in Anspruch genommen werden. Und hier ist die Preisspanne nach oben offen. Das kostspielige Angebot reicht von der tierärztlichen Versorgung über Therapien und bis über den Tod hinaus. So können Tierbesitzer aus der Asche oder den Haaren ihrer Vierbeiner Edelsteine erstellen lassen: Ein zweikarätiger Rohdiamant kommt dabei auf gut 22'000 Franken zu stehen.

Den Liebling in Form eines Brillanten zu verewigen, ist bei Hinterbliebenen von verstorbenen Menschen schon länger beliebt. Immer häufiger tragen nun aber auch Haustierbesitzer ein solches Bijou. Das erstaunt Bea Roth vom Zürcher Tierschutz nicht. Bei ihrer Arbeit stellt die Wissenschaftlerin fest, dass sich in den letzten Jahren die Stellung der Haustiere im sozialen Gefüge verändert hat. «Sie sind heute für viele Leute vollwertige Familienmitglieder und werden vermenschlicht», sagt sie. Zwar gebe es dazu keine Zahlen – «aber genügend Beispiele».

Die Mehrheit der Hunde und Katzen ist übergewichtig

Die Vermenschlichung sei nicht per se schlecht, betont Roth, denn der Hund werde nicht gequält, wenn er mit im Bett übernachte. Doch in vielen Fällen schadet die Vermenschlichung dem Tiere. «Zuweilen kann sie zu gefährlichen Situationen, gesundheitlichen Schäden und grossem Stress für die Vierbeiner führen.» Etwa, wenn ein Halter seinen Hund vom eigenen Teller füttert. Manchmal verweigern die Vierbeiner darum ihr normales – und für sie gesundes – Futter im Napf und würden durch die ungeeignete Nahrung zu dick. Tatsächlich stuft eine Studie weltweit bis zu 59 Prozent der Hunde und bis zu 63 Prozent der Katzen als übergewichtig ein. «Diese Tiere entwickeln dieselben gesundheitlichen Probleme wie von Adipositas betroffene Menschen.»

Roth verurteilt aktuelle Trends wie jene, den Hunden die Krallen anzumalen oder sie mit Mänteln oder Hüten zu «verkleiden». Diese Accessoires verliehen den Tieren ein artfremdes Erscheinungsbild. «Es kommt vor, dass andere Hunde deshalb aggressiv auf den Verkleideten reagieren und es zu Streitereien kommt.»

Aber auch die «Handtaschen-Hunde» sind der Tierschützerin ein Dorn im Auge. «Derart eingepackt zu leben und transportiert zu werden, widerspricht jeglichem Hundeverhalten», sagt sie. Hunde würden in der Natur mit ihrem Rudel umherziehen. Sie bräuchten Bewegung, um gesund zu bleiben. Das würden ihre Halter verkennen. «Wir haben in unserem Heim schon Hunde mit überlangen Krallen aufgenommen.» Diese wetzten sich normalerweise beim Spazieren ab. «In diesen Fällen nicht, weil die Tiere lediglich in der Wohnung umherliefen und draussen kaum auf den Boden durften», sagt Roth.

Diätfutter und Shiatsu übernimmt die Versicherung

Die Vaudoise bietet seit 2016 eine Versicherung für Katzen und Hunde an. (Foto: Getty Images)

Etliche Versicherer haben die Vierbeiner als Geschäftsmodell entdeckt und bieten meist altersabhängige Versicherungen für Haustiere an. In der Regel steigt die Prämie mit dem Alter des Tieres. Einige Dienstleister weigern sich, eine neue Versicherung für ältere Tiere abzuschliessen – etwa für Hunde über 6.

Laut dem Vergleichsdienst Comparis bewegt sich die Jahresprämie für die Versicherung eines einjährigen Hundes zwischen 125 und 750 Franken. Übernommen werden unter anderem die Kosten für tierärztliche Honorare, chirurgische Eingriffe, Homöopathie, Akupunktur, Osteo­pathie, Diätfutter, Physiotherapie, Shiatsu, den Transport mit der Ambulanz, den Aufenthalt und die Verpflegung im Spital, für chinesische Medizin und Wassertherapie sowie für die Kastration oder die Sterilisation – aber auch für die Euthanasie.

Die Zahl der Tier-Policen nimmt konstant zu. Etwa bei der Vaudoise, die seit 2016 eine Versicherung für Katzen und Hunde anbietet. Vor drei Jahren hatte sie 24'000 Vierbeiner unter Vertrag, heute sind es fast 30'000, zu 70 Prozent Hunde. (pia)

Hochzeit zu dritt

Hochzeitsplaner bieten Dienstleistungen und Tipps für Paare, die ihre Vierbeiner am Fest teilhaben lassen wollen. (Foto: Getty Images/iStockphoto)

Am vielleicht schönsten Tag im Leben darf das Haustier nicht fehlen. Das sagen sich offenbar immer mehr Heiratswillige. Hochzeitsplaner bieten Dienstleistungen und Tipps für Paare, die ihre Vierbeiner am Fest teilhaben lassen wollen. Katzen miteinzubeziehen, sei allerdings anspruchsvoll. Hunde eigneten sich deutlich besser. «Probiert, ob er sich als Ringträger bei der Trauung eignet und euch die Trauringe zum Altar bringen möchte», steht auf einem einschlägigen Portal. Das beste Fotomotiv geben aber offenbar Pferde ab. (eb)

Babysitter für vierbeinige Angehörige

«Jährlich nimmt die Nachfrage nach Betreuung von Haustieren um rund 30 Prozent zu», sagt Christoph Seitz von Petsitting.ch. (Foto: Getty Images)

Kurz vor den Sommerferien herrscht bei Petsitting24.ch, einem Vermittlungsdienst für Tierbetreuer, Hochbetrieb. «Gefragt sind im Juli und August vor allem Leute, die Katzen füttern», sagt Christoph Seitz von der Plattform. Seit sieben Jahren bringt Petsitting24.ch Personen, die sich um Vierbeiner kümmern wollen, mit Tierhaltern in Kontakt. «Jährlich nimmt die Nachfrage nach Betreuung von Haustieren um rund 30 Prozent zu», sagt er.

Für Seitz hat diese Zunahme mehrere Gründe. Die gesellschaftliche Bedeutung eines Haustieres habe sich verändert. «Die Vierbeiner haben heute häufig die Stellung eines Familienmitglieds, und genauso sorgen sich die Halter um sie.» Zudem wollten viele nicht auf ein Haustier verzichten – obschon ihr Zeitbudget knapp sei und ihr Arbeitgeber nicht erlaube, den Vierbeiner mit ins Büro zu nehmen. Dann muss eine Betreuungslösung her – im Familien- oder Bekanntenkreis oder eben extern. «Heute sind Tierhalter eher bereit, für die Betreuung ihres Vierbeiners Geld in die Hand zu nehmen», sagt Seitz.

Glücklicherweise trifft die erhöhte Nachfrage auch auf ein wachsendes Angebot. Denn auch die Tiersitter, die auf dem Vermittlungsportal ihre Dienste offerieren, werden immer zahlreicher. Der geforderte Stundenlohn variiert von 5 bis 30 Franken. «Wir beobachten, dass viele junge Menschen sich um Tiere kümmern wollen – in vielen Fällen spielt das Einkommen eine Nebenrolle», sagt Seitz. (pia)

Glace für Hunde

Von Geschmacksrichtungen wie Banane-Kokos und Apfel-Quark können auch die Hundehalter kosten. (Foto: PD)

Bei der Affenhitze haben Hunde eine Abkühlung dringend nötig. Die soll Schnauziis bringen. Die Glace für Hunde ist vegetarisch, ohne Zuckerzusatz sowie gluten- und laktosefrei. Das von Mutter und Tochter gegründete Bündner Unternehmen verkauft seine Produkte in rund 50 Haustiershops, Restaurants und Kiosken in der Deutschschweiz. Von Geschmacksrichtungen wie Banane-Kokos und Apfel-Quark können auch die Hundehalter kosten. «Es ist eines der gesündesten Glaces auf dem Markt», sagt Geschäftsführerin Rosine Schmid. (eb)

Maniküre für vier Pfoten

«Selbstverständlich achten wir strikt auf tierverträgliche Produkte», sagt Alisha Giorgetti. (Foto: Foto: Getty Images/iStockphoto)

Ein boomendes Geschäft sind Hunde-Spas. Eines davon hat Alisha Giorgetti vor fünf Jahren in Zürich gegründet. Besonders bei Expats beliebt sei die Maniküre: Die Krallen werden gestutzt und passend zum Outfit von Frauchen oder Herrchen angemalt. «Selbstverständlich achten wir strikt auf tierverträgliche Produkte», sagt Giorgetti. Das Paw-Spa funktioniere «wie eine Kinderkrippe». Die Halter bringen das Tier morgens vorbei und holen es abends wieder ab. Kosten: 85 Franken, zweimal eine Stunde spazieren, ein Snack am Mittag und die Pflege von Tatzen und Fell inklusive. (pia)

Letzte Ruhe als Diamant oder Saphir

«Wir äschern heute jährlich rund 7500 Tiere ein», sagt Urs Kapp. (Foto: Keystone)

Während früher verendete Tiere in der Kadaversammelstelle landeten oder im Garten ein Grab erhielten, nehmen Tierhalter heute immer öfter die Dienste von Tierkrematorien in Anspruch. Eines davon leitet Urs Kapp. Vor zehn Jahren noch ein Zweimannbetrieb, beschäftigt seine Firma Dicentra in Rüti ZH inzwischen neun Mitarbeiter. «Wir äschern heute jährlich rund 7500 Tiere ein.» Tendenz steigend. Kapp stellt ein Stadt-Land-Gefälle fest: In urbanen Regionen werden 60 bis 70 Prozent der Tiere eingeäschert, die zuvor von einem Veterinär eingeschläfert worden sind. In ländlichen Gebieten sind es 30 bis 40 Prozent. Kapp führt dies darauf zurück, dass Städter eine andere Beziehung zu ihren Vierbeinern haben und sie eher vermenschlichen als Leute auf dem Land. Zudem haben Letztere eher die Möglichkeit, ihr Haustier im Garten zur letzten Ruhe zu betten. Diverse Krematorien bieten Zusatzdienste an, die ebenfalls häufiger gefragt sind – Nachrufe oder die Beisetzung in einem Sammelgrab in einem kleinen Park. Die Tierhalter können ihren Liebling aber auch auf luxuriöse Art verewigen und aus seiner Asche oder aus dem Fell einen Edelstein herstellen lassen. Urs Kapp fertigt pro Jahr rund 30 Diamanten (4500 Franken) und 10 Saphire (2800 Franken). (pia)

Torte mit Rindfleischgeschmack

Anfang Jahr wurde in Zürich die erste Hundebäckerei eröffnet. (Foto: Fabienne Andreoli)

Statt Berliner und Spitzbuben gibt es in dieser Bäckerei Muffins mit Thunfisch, Fleischtorten und Schokoladenherzen mit Knoblauch. Anfang Jahr wurde in Zürich die erste Hundebäckerei eröffnet. Vieles ist Bio und ohne Zucker, dafür mit Mineral­stoffen, Vitaminen und Antioxidantien. Das soll die Vierbeiner fit halten. «Unsere Hunde sind ein Teil der Familie, für die wir bereit sind, alles zu tun», steht auf der Website der Bäckerei. Das Unternehmen sucht noch Betreiber von Hov-Hov-Shops im Franchise-System. (eb)

Hundesalon auf Rädern

Laut eigenen Angaben ist Margaret Nell «die erste mobile Groomerin der Schweiz». (Foto: Getty Images/EyeEm)

Der Trend kommt aus den USA: Das mobile Groomen ist Wohlfühl-Rundumservice für den Hund auf Rädern. Laut eigenen Angaben ist Margaret Nell «die erste mobile Groomerin der Schweiz». Sie fährt mit ihrem zum Hundesalon ausgebauten Van zur Kundschaft. Ihre Ausbildung hat Nell in diversen Ländern absolviert. Eine komplette Behandlung (je nach Grösse ab 80 Franken) umfasst Fellbehandlung, Baden und Föhnen, die Reinigung von Ohren und Augen sowie die Pflege der Krallen. «Die Nachfrage nach dieser Dienstleistung ist in der Schweiz erst im Kommen», sagt Nell. (pia)



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Erstellt: 09.07.2019, 13:26 Uhr

In Zahlen

20
Hamsterarten existieren. Der Goldhamster wird am häufigsten gehalten und stammt ursprünglich aus Syrien. Er ist Einzelgänger und verteidigt sein Territorium bis aufs Blut. Aufgeblasene Backen kündigen einen Angriff an.

6638
Hunde in der Schweiz sind auf den Namen Luna getauft. Die Nummer zwei der Namen-Hitliste der Vierbeiner ist Rocky (3127), gefolgt von Kira (3015) und Lucky (2694).

190
Franken kostet die Hundesteuer in Glarus. In Basel und Zürich beläuft sie sich auf 160 Franken, in Bern auf 115 Franken. Genfer Hundehalter sind seit diesem Jahr von der Abgabe für ihren Vierbeiner befreit.

3
Millionen Aquarium-Fische lebten 2018 in der Schweiz. Das sind 700'000 mehr als noch ein Jahr zuvor. Rückläufig ist hingegen die Zahl der Fische in Teichen.

408
Tiere hat der Zürcher Tierschutz 2018 in seinem Heim aufgenommen.
370 waren Verzichts- und 35 Findeltiere, 3 Hunde waren beschlagnahmt worden. 377 Tiere konnte das Heim 2018 vermitteln.

523'139
Hunde waren im Jahr 2018 in der Schweiz registriert. Am zahlreichsten sind sie im Kanton Bern (65'270 Hunde), gefolgt von der Waadt (61'051) und Zürich (60'037).

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