«Das macht mich ­wahnsinnig sauer»

Johann Scheerer über die Entführung seines Vaters, Millionenerbe Jan Philipp Reemtsma, und die Wut auf den gierigen Täter.

«Heute lebe ich mit einem grossen Misstrauen in den Rest der Welt»: Johann Scheerer, 35, in seinem Hamburger Tonstudio. Foto: Patrick Runte

«Heute lebe ich mit einem grossen Misstrauen in den Rest der Welt»: Johann Scheerer, 35, in seinem Hamburger Tonstudio. Foto: Patrick Runte

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Es war einer der dramatischsten Entführungsfälle in der Geschichte Deutschlands. 1996 wurde der Millionenerbe, Mäzen und Literaturexperte Jan Philipp Reemtsma entführt. 30 Millionen D-Mark pressten die Entführer der Familie ab – es war das höchste je in Deutschland bezahlte Lösegeld. Der grösste Teil davon bleibt bis heute verschwunden. 33 Tage war Reemtsma in der Gewalt seiner Entführer, sie wurden später zu langen Haftstrafen verurteilt. Über den nicht enden wollenden Horror hat jetzt der Sohn von Reemtsma, Johann Scheerer, ein berührendes Buch geschrieben. Darin schildert er, wie er mit seiner Mutter um das Leben des Vaters bangte – und sein eigenes Leben im Ausnahmezustand. Scheerer war damals 13 Jahre alt.

Herr Scheerer, Ihr Vater wurde vor 22 Jahren entführt, jetzt haben Sie darüber ein Buch geschrieben. Warum so spät?
Der Anstoss kam von aussen. Ein Verlag fragte mich an, ob ich ein Buch über meine Tätigkeiten als Musikproduzent schreiben will. Das hat mich zum Nachdenken gebracht. Ich habe gemerkt, dass ich zuerst diese Geschichte aufschreiben muss. Mit der Entführung meines Vaters muss ich mich in meinem Leben immer wieder auseinandersetzen. 22 Jahre sind für mich in diesem Zusammenhang keine so lange Zeit.

Es war der 25. März 1996, Ihr Vater verlässt abends das Haus, um im Nachbarhaus ein Buch zu holen. Stunden später findet Ihre Mutter den Erpresserbrief, mit einer Handgranate ­beschwert. Am anderen Morgen sagt Ihnen die Mutter, dass der Vater entführt worden sei. Wie erinnern Sie sich an diesen Moment?
Wenn man sich unvermittelt in einer Extremsituation befindet, ist man erst mal referenzlos. Man kann nicht auf gelernte Verhaltensweisen zurückgreifen. Das Einzige, was man hat, sind Verhaltensweisen, die man aus Filmen oder Büchern kennt. Aber es ist eben nicht wie im Film. Die Gefühle, die man hat, stimmen mit diesen erzählten Geschichten nicht überein. Als Erstes fällt man aus der Welt und weiss nicht mehr, wie man sich zurechtfinden soll. Als mir meine Mutter erzählte, was passiert ist, war ich erst mal erleichtert, weil ich nicht zur Schule musste und mir die Lateinarbeit, die wir an diesem Tag schreiben mussten, erspart blieb. Ich habe mich sofort dafür geschämt. Rückwirkend ist meine stärkste Erinnerung, dass ich keine Kontrolle darüber hatte, wie ich mich fühle.

Die nächsten Gedanken hatten mit Erleichterung nichts mehr zu tun: Sie wollten sich keine Hoffnung machen, dass der Vater lebend zurückkommt.
Ich habe kürzlich den tollen Podcast «Verbrechen» der Zeitung «Zeit» entdeckt. Da sagt die Chefredakteurin den schönen Satz: «Es ist die Hoffnung, die die Menschen fertigmacht.» Das bringt es auf den Punkt. Es ist die Hoffnung, die die Menschen fertigmacht, weil man immer wieder aufs Neue enttäuscht wird. Den Worst Case anzunehmen, war für mich damals die naheliegendste Variante, weil sie am schwankungsfreisten war.

Für einen 13-Jährigen – so alt waren Sie damals – klingt das erstaunlich reflektiert.
Ich kannte einfach nur diese Variante: Jemand wird entführt, man bezahlt, oder man bezahlt nicht, das ist im Grunde egal, weil der Entführte nachher umgebracht wird. So habe ich mir das vorgestellt. Ich war also, wenn Sie so wollen, eher unreflektiert. Natürlich hat die Polizei damals ihre Statistiken rausgeholt und gesagt, bei einem so hohen Lösegeld werde die Geisel in den seltensten Fällen umgebracht. Aber damit kann man ja nichts anfangen. Auch wenn ich damals mit Statistiken noch nicht vertraut war, konnte ich mir vorstellen, dass sie für den Einzelfall irrelevant sind.

Ihr Leben war im Ausnahme­zustand, zwei Polizisten zogen ins Elternhaus ein, die sich als «Angehörigenbetreuer» vorgestellt hatten. Die kommen in der Regel, wenn jemand verstorben ist. Hat Sie das irritiert?
Ja. Ich fand das eine irritierende Berufsbezeichnung.

Daher der Titel Ihres Buches «Wir sind dann wohl die ­Angehörigen»?
Genau.

Es waren auch zwei Anwälte da, einer von ihnen Johann Schwenn, der später Jörg Kachelmann vertrat. Er sollte das Lösegeld überbringen, was dreimal scheiterte. Die Entführer ­warfen ihm vor, sie austricksen zu wollen.
Dieses Entführer-Sprech, der Geldbote wolle die Entführer austricksen, ist an den Haaren herbeigezogener Verbrecher-Nonsens. Fakt ist, dass sich die Polizei sehr ungeschickt verhalten hat. Sie hat es nie hinbekommen, die Autos zur richtigen Zeit an den richtigen Ort zu fahren. Die technische Ausstattung der Autos war so dilettantisch durchgeführt, dass sie im Grunde gar nicht einsatzbereit waren. Bis heute ist nicht aufgeklärt, ob die Polizei immer mit so vielen Menschen vor Ort war, dass die Entführer das Lösegeld nicht nehmen wollten.

Ihre Mutter hat das Geld schliesslich selber überbracht. Es dauerte dann noch zwei Tage, bis der Vater wieder da war. Wie haben Sie diese Zeit des Wartens erlebt?
Die gelungene Geldübergabe war für mich kein Grund zur Freude. Es setzte für mich den Punkt, an dem mein Vater nun tatsächlich umgebracht wird, weil wir keinen Gegenwert mehr hatten. Davon abgesehen waren diese letzten zwei Tage nicht schlimmer als die 31 Tage davor.

Wie erinnern Sie sich an das Wiedersehen mit Ihrem Vater?
Die Gefühle meinem Vater gegenüber haben sich schnell normalisiert. Ich habe mich natürlich gefreut und war aufgeregt, ihn zu sehen. Wir haben uns auch irgendwie emotional begrüsst. Für mich hat das dann auch schon wieder gereicht. Das hat eine gewisse Komik, was ich gut finde. Ich habe meinem Vater mal gesagt, es habe nicht lang gedauert, bis ich wieder genervt von ihm gewesen sei. Auf diese Art und Weise haben wir unser Trauma verarbeitet.

Die Entführer haben 30 Millionen Mark abkassiert. Was löst das in Ihnen aus? Wut?
Natürlich habe ich eine Wahnsinnswut. Dabei geht es aber nicht um Geld, sondern um diese Ignoranz der Entführer, in der Vorstellung zu leben, dass man sich auf diese Art und Weise verhalten kann. Thomas Drach, der Drahtzieher, hat mehrfach gesagt, das Ganze sei ein Geschäft: Wir entführen den, ihr bezahlt, dafür lassen wir ihn wieder frei. Dann ging er dafür ins Gefängnis. In seiner Welt waren wir alle quitt. Er wurde sauer, als man geguckt hat, wo das Lösegeld geblieben ist. Das fand er irgendwie unfair. Es ist völlig absurd! Diese Verhaltensweise, die uns als Familie nachhaltig auf unterschiedliche Weise beeinträchtigt, über langwierige körperliche Probleme bis hin zu Einschränkungen in der Privatsphäre, macht mich wahnsinnig sauer.

«Ich kannte einfach nur diese Variante: Jemand wird entführt, man bezahlt, oder man bezahlt nicht, das ist im Grunde egal, weil der Entführte nachher umgebracht wird». Foto: Patrick Runte

Mit Einschränkungen meinen Sie Sicherheitsmassnahmen?
Ja.

Sie haben die Entführer beim Gerichtsverfahren gesehen. Wie haben Sie das erlebt?
Es war wahnsinnig deprimierend, weil alles so profan ist. Drach ist ja nicht das Superhirn, als das er in den Medien immer betitelt wurde. Er begeht aus Gier Verbrechen, und es ist ihm völlig egal, wie es anderen Menschen dabei geht.

Drach ist nach 15 Jahren Haft wieder draussen. Interessiert es Sie, was er macht?
Durch dieses Verbrechen und die lange Zeit, in der wir uns als Familie mit diesem Menschen auseinandergesetzt haben, entsteht eine perverse Verbindung, die man nicht so leicht loswird.

Wie gut gelang nach diesem Verbrechen die Rückkehr in ein normales Leben?
Ich weiss nicht, ob dieser Prozess schon abgeschlossen ist. Wer so etwas erlebt hat, sucht vielleicht für den Rest seines Lebens nach einem Weg, wieder dahin zurückzukommen, wo es sich mal normal angefühlt hat.

Richard Oetker, der 1976 entführt und mit Stromschlägen schwer verletzt wurde, sagte mal: Im Gegensatz zu den Tätern bekommen die Opfer immer lebenslänglich. Sehen Sie das auch so?
Ja. Das ist ein guter Satz. Es gibt kein Zurück in die Zeit davor.

In Ihrem Buch schreiben Sie: «Das Böse hat in dieser ­Geschichte gesiegt.» Heisst das, Sie tragen dieses Trauma immer noch mit sich herum?
Man kann ein Trauma bearbeiten, man kann es auf eine gewisse Weise auch verarbeiten. Es ist dann aber verarbeitet bei einem. Man kann es nicht abstreifen. Man muss sich ein Leben bauen, das damit funktioniert. Wir haben als Familie unser Bestes getan, dieses Trauma irgendwie zu bewältigen, wenn auch eher jeder für sich als gemeinsam.

Ihr Vater hat kurz nach der Entführung selber ein Buch darüber veröffentlicht. Haben Sie es gelesen?
Ich habe es erst zehn, fünfzehn Jahre später gelesen. Das ist für mich natürlich nicht so leicht zu ertragen, dieses Buch zu lesen. Unter anderem, weil es eine schmerzhafte Erinnerung ist.

Hat sich Ihr Sicherheits­bedürfnis verändert?
Mein Blick auf die Welt hat sich verändert. Er war vorher auf eine angenehme Art unbedarft. Heute lebe ich mit einem grossen Misstrauen in den Rest der Welt.

Haben Sie Angst, dass auch Sie entführt werden könnten?
Das Sicherheitsbedürfnis von sehr vielen Deutschen, die vermögend sind, hat sich nach der Entführung meines Vaters verändert. Ich weiss das aus erster Hand. Dadurch, dass ich das weiss, habe ich eine abstrakte Angst, klar. Aber ich führe ein ganz normales Leben. Mich hat neulich jemand gefragt, warum wir in Hamburg geblieben und nicht nach Amerika gezogen sind. Hätten wir uns entschlossen, aufgrund dieser Erfahrung das Land zu verlassen, wäre das eine ständige Erinnerung, in welcher Situation man sich befunden hat, indem man sogar in bestimmten Regionen dieser Welt nicht leben kann. Diesen letzten Triumph gönne ich den Entführern nicht.

Sie haben das Manuskript Ihres Buches den Eltern zu lesen gegeben. Wie haben sie reagiert?
Meine Mutter war ganz froh, dass sie so einen Einblick in das Seelenleben Ihres Teenagersohnes bekommt. Mein Vater fand es ein gutes Buch.

Er ist ein Mensch, der ständig Bücher um sich hat, liest oder schreibt. Hatten Sie keine Sorge, dass er in Ihrem ­Manuskript herumredigiert?
Natürlich. Er ist ja nicht nur mein Vater, sondern auch Literaturwissenschaftler.

Und, hat er?
Nee.

Sie sind verheiratet und Vater. Kann der Name Reemtsma auch für Ihre Kinder ein Sicherheitsrisiko sein?
Wir verhalten uns so, als wäre es eines. Ich merke aber, dass diese Entführung für meine Kinder vergleichbar ist mit einer Kriegsgeschichte vom Opa. Sie haben überhaupt keine Verbindung dazu.

Sind Sie froh, dass Ihre Eltern Ihnen den Nachnamen Ihrer Mutter, Ann Kathrin Scheerer, gegeben haben? Nimmt das etwas die Last, Sohn aus einer berühmten Familie zu sein?
Ja, darüber bin ich absolut froh. Das war eine gute Idee meiner ­Eltern.

Sie gehören zu einer sehr vermögenden Familie. Wurden Sie schon gebeten, jemandem Geld zu geben?
Einmal die Woche.

Nervt Sie das?
Ich bin nahezu von allen Menschen, die ich kenne, schon mal nach Geld gefragt worden. Auf die unterschiedlichste Art und Weisen: schenken, leihen, investieren. Ich mache das manchmal, und manchmal mache ich es nicht. Ich weiss, dass das etwas ist, woran Freundschaften sehr schnell zugrunde gehen. Und das, tragischerweise, egal wie man sich entscheidet. Sobald die Frage gestellt wurde, entsteht eine hierarchische Schieflage, die sich nicht wieder ausgleichen lässt. Gleichzeitig bin ich der Meinung, dass Menschen, die mehr Geld haben, als sie für sich selber brauchen, in der Verantwortung stehen, dieses Geld nicht nur für sich auszugeben. Deswegen lebe ich permanent mit einem schlechten Gewissen. Als gäbe es eine Art natürlicher Schieflage, die ich durch die Bejahung von solchen Anfragen ausgleichen kann. Das funktioniert aber nie.

Es heisst, bei Geld höre die Freundschaft auf. Haben Sie diese Erfahrung auch machen müssen?
Ich habe es schon anders erlebt, aber die Male, bei denen ich keine schlechten Erfahrungen gemacht habe, kann ich an einer Hand abzählen. Das ist sicherlich ein sehr weiser Satz.

Ihr Vater ist heute 65 Jahre alt. Ist er je wieder der geworden, der er vor der Entführung war?
Ich weiss, wie sich mein Vater verändert hat, und meine zu wissen, was davon mit dieser Entführung zu tun hat. Genauso, wie ich das bei mir und bei meiner Mutter weiss. Aber er war damals Mitte vierzig, jetzt ist er Mitte sechzig – da verändert man sich natur­gemäss.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 05.08.2018, 21:02 Uhr

Der Musikproduzent aus der Tabak-Dynastie

Johann Wilhelm Karl Jakob Scheerer wurde am 6. November 1982 als Sohn von Ann Kathrin Scheerer und Jan Philipp Reemtsma geboren. Er wuchs in Hamburg auf. Sein Vater ist Germanist, Mäzen und Spross aus der gleichnamigen Tabak-Dynastie. Scheerer machte Abitur und gewann mit der Schülerband «Am kahlen Aste» einen Talentwettbewerb. Er ist heute als Musikproduzent tätig und produzierte unter anderem ein Soloalbum des britischen Rockstars Pete Doherty. Scheerer ist verheiratet und Vater von vier Kindern.

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