Das Monster der Urmeere

Der Hai Megalodon war einer der grössten Meeresräuber. Vor kurzem fanden Forscher erstmals ein ganzes Gebiss des Giganten.

Der bis heute berühmt-berüchtigte Weisse Hai wirkt geradezu harmlos und wie ein Zwerg, vergleicht man ihn mit dem einstigen Riesenhai der Urzeit – dem Megalodon. Bild: Richard Bizley (Science Photo Library)

Der bis heute berühmt-berüchtigte Weisse Hai wirkt geradezu harmlos und wie ein Zwerg, vergleicht man ihn mit dem einstigen Riesenhai der Urzeit – dem Megalodon. Bild: Richard Bizley (Science Photo Library)

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Hollywood machte den Weissen Hai zum gefürchteten Raubtier der Meere. 1976 inszenierte der Regisseur Steven Spielberg blutrünstige Attacken auf schwimmende Urlauber und vermieste vielen den Strandaufenthalt. Sie hatten plötzlich Angst vor einer Begegnung mit dem im Film als Bestie dargestellten Meeresgiganten. Und dies, obwohl Angriffe auf Menschen nur sehr selten vorkommen.

Doch der bis heute berühmt-berüchtigte Weisse Hai wirkt geradezu harmlos und wie ein Zwerg, vergleicht man ihn mit dem einstigen Riesenhai der Urzeit – dem Megalodon, der ebenfalls zu den Makrelenhaien gehört. Dieser gewaltige Räuber in der Grössenordnung eines Lastwagens, der vor Jahrmillionen im Erdzeitalter Miozän und später noch im Pliozän lebte, muss ein wahres Monster gewesen sein. Riss er das Maul auf, stachen seine riesigen, dreieckigen Dolchzähne mit der Länge eines Steakmessers hervor. Biss der Muskelprotz zu, hatte das Opfer keine Chance und starb sofort.

Erstmals haben Fossiliensammler in der Küstenwüste Perus nicht nur einzelne Zähne dieses urzeitlichen Superjägers entdeckt, sondern auch Teile des Skeletts. «Weil dieses bei Haien aus Knorpel besteht, zerfällt es nach dem Tod rasch», sagt der Hai-Spezialist René Kindlimann. Das vor kurzem gefundene Gebiss eines Megalodons sei ein Glücksfall und bisher einzigartig.

Dem Riesenhai ging die Beute aus

In der aktuellen Spezialausstellung «Haie der Urmeere» im Sauriermuseum Aathal wird der versteinerte Zeitzeuge jetzt als Attraktion präsentiert. 37 grosse Zähne und der Schädel des Megalodons sind auf der 4,5 Meter langen Fossilplatte gut sichtbar. Die dort abgebildete Wirbelsäule stamme dagegen vermutlich von einem Beutetier, das der noch nicht ausgewachsene, etwa zehn Meter lange Megalodon damals gerade gefressen habe, sagt Kurator Kindlimann. Vielleicht sogar von einem grossen Knochenfisch.

Der riesige Hai mit dem wissenschaftlichen Namen Carcha­rocles megalodon durchstreifte die Meere vor 15,9 bis 2,6 Millionen Jahren. Der Koloss hatte eine enorme Beisskraft und stand damals an der Spitze der marinen Nahrungs­kette. Anhand von Bissspuren an fossilen Überresten, die auch aus den Pisco-Fossilschichten in Peru stammen, fand der italienische Forscher Alberto Collareta 2017 heraus, dass der Urzeit-Riese seinen grossen Hunger in dieser Gegend unter ­anderem mit der kleinen Bartwal-Art Piscobalaena nana stillte. Die Zwergwale starben noch vor dem Untergang des Monster­hais vor rund drei Millionen Jahren aus.

Könnte deren Verschwinden sowie dasjenige anderer kleinerer Meeressäuger letztlich auch dem schier nimmersatten Riesenhai den Garaus gemacht haben? Schliesslich fiel eine wichtige Futterquelle weg. Oder hat dem Megalodon die sich am Ende des Pliozäns bereits anbahnende Eiszeit zu schaffen gemacht?

«Was genau der Auslöser war, ist weiterhin ungewiss», erklärt der Paläobiologe Jürgen Kriwet von der Universität Wien. Momentan diskutierten sie verschiedene Möglichkeiten und suchten nach zusätzlichen Indizien, die zum Aussterben dieses über Jahrmillionen äusserst erfolgreichen Herrschers der Ozeane führte.

Sicher ist indes, dass durch das deutlich kühler werdende Klima der Meeresspiegel sank, da nun mehr Wasser in den polaren Eiskappen und Gletschern gebunden war. Aber auch die Meeresströmungen veränderten sich. Dies hatte starken Einfluss auf die marinen Lebensgemeinschaften. Zum Nachteil für den Riesenhai, der sich in der neuen Welt offensichtlich nicht mehr zurechtfand.

So kam eine Studie des Paläontologischen Instituts der Universität Zürich vor zwei Jahren anhand der Auswertung von 200 Funden aus Museumssammlungen und Datenbanken zu dem Schluss, dass der Megalodon aus den Ozeanen verschwand, weil sich die Artenvielfalt seiner Beutetiere im Pliozän reduzierte. Gleichzeitig tauchten neue Räuber als Konkurrenten auf – zum Beispiel die Vorfahren des Orcas und des Weissen Hais. Beide könnten dem Megalodon das Futter in seinen Jagdrevieren strittig gemacht haben.

Grössenvergleich: Gebiss des heutigen Weissen Hais neben Zähnen des Megalodons. Foto: U. Möckli/Sauriermuseum Aathal

War sein naher Verwandter, der Urahn des Weissen Hais, also besser gewappnet für die Zukunft? «Die beiden Giganten lebten damals noch eine Weile nebeneinander», sagt Kriwet. Doch dann überliess der Megalodon seinem kleineren Rivalen das Terrain. Erstaunlich sei, dass der Weisse Hai nicht wie andere Fische kaltblütig sei. Er könne bei Bedarf seinen «Motor» im Nu anwerfen. Dies ermögliche ihm, blitzschnell seine Muskeln zu bewegen und auch zuzuschnappen. Dank dieser Strategie spare er sehr viel Energie.

Der seltene Megalodon-Fund mit Teilerhaltung des Skeletts. Foto: U. Möckli/Sauriermuseum Aathal

Kriwet will nun mithilfe von Isotopenanalysen an Zähnen nochmals untersuchen, ob der Megalodon einen ähnlich effizienten An- und Ausschaltmodus besass. Denn trotz seiner Grösse sei er vielleicht flinker gewesen als bisher angenommen. Eine Studie lege nahe, dass er auf eine errechnete Spurtgeschwindigkeit von bis zu 37,2 Kilometer pro Stunde kam.

Zahnfunde belegen, dass der Vorfahr des bis zu 18 Meter langen Urzeit-Kolosses früher sogar in unseren Breiten jagte. «Vor 14 Millionen Jahren lag das gesamte Mittelland der heutigen Schweiz grösstenteils noch unter Wasser», sagt René Kindlimann. Seine Beute habe er ebenfalls beim ersten Biss erlegt, da auch seine Beisskraft um ein Vielfaches höher als diejenige des Weissen Hais gewesen sei.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 14.04.2018, 21:47 Uhr

Sensationsfund des uralten Grossmauls

Vor 15,9 bis 2,6 Millionen Jahren machte der Megalodon die Ozeane unsicher: Mit bis zu 18 Meter Länge war er einer der grössten Meeresräuber überhaupt. In einer Sonderausstellung «Haie der Urmeere» zeigt das Sauriermuseum Aathal ZH ab dem 20. April 2018 den weltweit ersten Fund eines ­fossilen Megalodon-Gebisses und eine Rekonstruktion des einstigen Grossmauls. Hinzu kommen mehr als zwei Dutzend Raritäten, die Einblicke in die Evolution der Haie geben. Darunter unter anderem auch Exemplare von Süsswasserhaien aus Deutschland, die vor 250 Millionen Jahren lebten.

«Der Megalodon-Fund ist eine Sensation, da man bisher nur die Zähne kannte», sagt Museumsdirektor Hans-Jakob Siber, der auf 14 eigenen Expeditionen in der Gegend der Fundstelle nach fossilen Walen suchte. Dort, in der Küsten­wüste Perus, wehe oft ein garstiger Wind, der viele der Fossilien durch Windschliff zerstöre. Umso grösser sei dann die Freude, etwas Intaktes dort zu entdecken. (bry)

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