«Das Pendel schlägt zurück, im Fokus steht wieder der Täter»

2015 wurden rund 18’000 Straftaten im häuslichen ­Bereich erfasst. Die Sozialpädagogin Pia Allemann kennt die Opfer – und sagt, weshalb sich manche von ihnen als «Retterinnen» sehen.

«Für die meisten Opfer steht die Bestrafung nicht im Vordergrund, sie wollen bloss, dass es aufhört»: Pia Allemann. Foto: Esther Michel

«Für die meisten Opfer steht die Bestrafung nicht im Vordergrund, sie wollen bloss, dass es aufhört»: Pia Allemann. Foto: Esther Michel

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In Deutschland machte vor kurzem ein grauenhafter Fall Schlagzeilen: Ein Mann band seine Ex-Partnerin ans Auto und schleifte sie Hunderte Meter mit. Sie erlitt lebensbedrohliche Verletzungen. Die Öffentlichkeit scheint nur in solchen Momenten wahrzunehmen, dass häusliche Gewalt Alltag ist.
Das ist leider so. Dann wird nach strengeren Strafen geschrien – die Opfer werden aber sich selbst überlassen. Mit der Einführung des Opferhilfegesetzes 1993 hat man sich erstmals überhaupt um die Opfer gekümmert, sie bekamen Unterstützung, rechtlich und therapeutisch. Jetzt schlägt das Pendel wieder in die andere Richtung.

Wie das?
Es verkauft sich besser, sich mit Tätern abzugeben. Vor allem Männer profilieren sich da gern – sich mit Opfern zu befassen, gilt als weiblich. Neuerdings reden alle vom «Gefahrenmanagement», ­darunter versteht man zum Beispiel Lernprogramme für Täter. Die sind wichtig und richtig. Aber damit ist der Fokus wieder beim Täter. Und wo der Fokus ist, ist auch das Geld. Für die meisten Opfer steht die Bestrafung gar nicht im Vordergrund. Sie wollen bloss, dass es aufhört, sie wollen – diesen Begriff verwenden alle – «in Würde» leben können.

Polizeilich registrierte Gewalt 2015 Grafik vergrössern

2015 wurden insgesamt 17’297 Straftaten im häuslichen ­Bereich erfasst. Was muss man sich unter «häuslicher Gewalt» vorstellen?
Das Spektrum ist gross. Anfangen tut es mit Beschimpfungen wie «Du bist nichts wert», «Du bist zu dumm» oder «Dir glaubt sowieso niemand». Das steigert sich meistens, es wird gedroht, dann geschlagen. Das kann bis zur ganz schweren Gewalt gehen, konkret bis zur Tötung. Dann gibt es die psychische Gewalt, dieses dauernde Runtermachen, das empfinden viele Frauen als fast noch schlimmer. Und schliesslich die sexuelle und die ökonomische Gewalt: Männer, die ihren Frauen verbieten, einer Arbeit nachzugehen, oder sie dazu zwingen.

Welche Frauen schaffen es überhaupt zu Ihnen?
Seit der Einführung des Gewaltschutzgesetzes 2007 wird jede Verfügung der Polizei automatisch an uns weitergeleitet. Weil wir die ­Opfer dann kontaktieren, erreichen wir 90 Prozent von ihnen. Die meisten kommen tatsächlich vorbei, die Frauen sind in grosser Not. Es gibt auch solche, die anonym anrufen, das ist eher der Fall bei jenen Frauen, die gut ausgebildet sind. Bei ihnen ist die Scham grösser, denn man könnte ja finden: Die ist nicht abhängig, wieso trennt die sich nicht einfach?

Ja, wieso nicht?
Eine Trennung fällt nie leicht. Das geht allen so, auch dann, wenn keine Gewalt in der Beziehung vorhanden ist. Bei häuslicher Gewalt kommt ein Kreislauf hinzu, der alles noch schwieriger macht: Wenn der Mann das erste, zweite oder dritte Mal geschlagen hat, kommt es zu intensiven Versöhnungs­szenen. Der Mann ist aufmerksam, lieb, charmant. Das Paar erlebt eine Art neue Verliebtheitsphase – und die kittet. Dieser Kitt macht es noch schwieriger als sonst, sich zu trennen. Die meisten schaffen es aber früher oder später dann doch.

Der typische Täter ist zwischen 30 und 34 Grafik vergrössern

80 Prozent aller Verfahren werden auf Wunsch der Frauen eingestellt. Auch das ist schwer verständlich.
Es geht viel um Abhängigkeit, das ist das eine. Das andere, dass es Frauen gibt, die ich etwas salopp als «Retterinnen» bezeichne; die denken, sie schafften es, einen Mann zu verändern, sodass er nicht mehr schlägt. Die Frauen versuchen auf diese Weise, ihre Ohnmacht in eine scheinbare Macht umzuwandeln. Ein Trugschluss.

Ihre Beratungsstelle ist nur für Frauen. Männer werden aber auch Opfer von häuslicher Gewalt.
Männer werden ebenfalls Opfer – aber teilweise Opfer von Männern. Es ist nicht so, dass sie nur von Frauen geschlagen werden, es handelt sich auch um homosexuelle Beziehungen. Natürlich ist es für einen Mann schwieriger, sich Hilfe zu holen, weil er möglicher­weise auf Unverständnis stösst. Trotzdem: Nur bei einer von zehn Gewaltschutzmassnahmen wird eine Frau weggewiesen, bei neun von zehn sind Männer die Gewaltausübenden. Neu ist, dass Männer in Einvernahmen immer häufiger sagen, die Frau habe sie geschlagen. Das stellt sich meist als Schutzbehauptung heraus, wird aber dennoch in die Statistik aufgenommen.

Migrantinnen sind dreimal häufiger Opfer Grafik vergrössern

Das wird sonst gern Frauen vorgeworfen: dass sie Männer zu Unrecht beschuldigten.
Dass Einsätze wegen häuslicher Gewalt als besonders gefährlich gelten und die Beamten in Vollmontur ausrücken, kommt nicht von ungefähr. Die Frauen schildern das Vorgefallene glaubhaft, logisch und kongruent, auch gegenüber der Polizei, die geschult ist in Befragungstechnik. Zudem erleben wir die Verletzungen hautnah, die physischen Verletzungen sind deutlich sichtbar, die seelischen spürbar. Und wie gesagt: Viele Frauen verteidigen ihr Partner und möchten ihm nicht mit einer Anzeige schaden. Der Vorwurf der angeblich häufigen Falschaussagen ist deshalb schlicht zynisch.

Es fand zwar eine Sensibili­sierung statt, aber wo gibt es ­Verbesserungspotenzial?
Ich erlebe oft, dass es bei den Staatsanwaltschaften hapert. Die stellen sich häufig auf den Standpunkt, dass man einen nicht verurteilten Täter nicht zur Teilnahme am Lernprogramm «Partnerschaft ohne Gewalt» zwingen kann. Der Kanton Bern ist da weiter: Er verpflichtet Männer, dieses zu absolvieren, mit dem Versprechen, das Strafverfahren danach einzustellen. Die Frauen wollen ja eben gerade meist keine Bestrafung, sondern dass dem Mann jemand aufzeigt, dass sein Verhalten inakzeptabel ist. Ich wünschte mir da in Zürich mehr Kreativität.

«Häusliche Gewalt ist kein Migrantenproblem, zu uns kommen Frauen aus allen Schichten.»

Der eingangs erwähnte Täter ist Kurde. Seine Herkunft wurde in vielen Berichten nicht ­erwähnt. Auch bei uns wird selten offen gesagt, dass Migranten dreimal häufiger Gewalt ausüben. Wieso?
Häusliche Gewalt ist kein Migrantenproblem, zu uns kommen Frauen aus allen Schichten. Aber man kann es nicht wegdiskutieren: Ausländische Männer schlagen häufiger. Alle Faktoren, die Gewalt begünstigen – wenig Geld, enge Wohnverhältnisse – treffen eher auf die ausländische Bevölkerung zu. Wenn sie dann noch aus Ländern mit patriarchalischen Strukturen stammen, in denen es kein Straftatbestand ist, seine Frau zu schlagen, wirken ungute Faktoren zusammen.

Wäre es nicht wichtig, das zu thematisieren? Migrantinnen werden sonst doppelt im Stich gelassen.
Das stimmt, denn es ist immer noch so, dass eine Frau, die noch nicht drei Jahre verheiratet ist, ihr Aufenthaltsrecht verlieren kann bei einer Scheidung. Artikel 50 im Ausländergesetz hält zwar fest, dass sie aus Persönlichkeitsgründen eine B-Bewilligung bean­tragen kann. Aber die Frau muss, und das ist unerhört, «Gewalt in genügender Intensität» nachweisen können. Eine zweimalige Tätlichkeit reicht dafür nicht.

«Sie wollen bloss, dass es aufhört, sie wollen in Würde leben können.» Foto: Getty Images

Es braucht gebrochene Rippen?
Ja, es braucht einen Polizeibericht und sichtbare Spuren, eventuell auch einen Aufenthalt im Frauenhaus. Die Argumentation ist zum Verzweifeln.

Inwiefern?
Wenn eine Frau die erforderlichen drei Jahre bei ihrem gewalttätigen Mann «ausgeharrt» hat und danach die Scheidung beantragt, wird ihr seitens des Migrationsamts vorgehalten, dass die Gewalt wohl nicht so schlimm gewesen sein könne, wenn sie drei Jahre gewartet habe. Und wenn sie sich nach zwei Jahren und vier Monaten trennt, heisst es, tja, sorry, Sie sind noch nicht drei Jahre verheiratet, dann müssen Sie leider gehen. Mir scheint oft, dass Gründe gesucht werden, die man gegen die Frauen aus­legen kann. Das Zürcher Migrationsamt ist besonders streng.

Wieso wird die Frau bestraft, wenn der Mann schlägt?
Eben. In Basel versucht man neue Wege und trifft Integrationsvereinbarungen. Wenn einer wegen häuslicher Gewalt bekannt ist, dann braucht es keine strafrecht­liche Verurteilung. Ihm wird mit mehr oder weniger Druck das Lernprogramm empfohlen und klargemacht, dass er sein Aufenthaltsrecht verlieren kann, wenn er sich weigert.

Verliert man den Glauben an die Menschheit, wenn man täglich mit Gewaltopfern zu tun hat?
Komischerweise nicht. Am Anfang dachte ich, dass ich diese Arbeit vermutlich nur drei oder vier Jahre lang machen kann, weil ich dann ausgebrannt sein würde. Im April des nächsten Jahres sind es zehn Jahre, und es gefällt mir immer noch. Dazu beigetragen hat auch, dass ich doch eine positive Bilanz ziehen kann. Die Hilfsangebote sind deutlich besser, die Polizisten werden gut geschult, die Frauen getrauen sich eher, Hilfe zu holen. Wir können allein damit, dass wir hier sind, zuhören, beraten, sehr viel für die Frauen tun. Ihre Dankbarkeit ist enorm. Was mich besorgt, ist, dass diese Errungenschaften wieder verloren gehen und man bei den Opfern spart.

Erstellt: 26.11.2016, 21:27 Uhr

16 Tage gegen Gewalt

Pia Allemann, 49, ist Sozialpädagogin und seit 2007 Co-Leiterin der Zürcher Beratungsstelle für Frauen, wo Opfer häuslicher Gewalt kostenlos Hilfe suchen können. Am vergangenen Freitag startete die Aktion «16 Tage gegen Gewalt an Frauen», in deren Rahmen noch bis am 10. 12. zahlreiche Veranstaltungen stattfinden.

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