Das Rätsel um die Krone Christi

Mit dem Dornenkranz wurde eine der wertvollsten Reliquien aus der brennenden Notre-Dame gerettet. Ihr genaues Alter ist noch unerforscht.

Jesus soll sie bei der Kreuzigung getragen haben: Die Dornenkrone wurde seit der Französischen Revolution in Notre-Dame aufbewahrt und bei Prozessionen umhergetragen.

Jesus soll sie bei der Kreuzigung getragen haben: Die Dornenkrone wurde seit der Französischen Revolution in Notre-Dame aufbewahrt und bei Prozessionen umhergetragen. Bild: Philippe Wojazer/Reuters

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Die Erleichterung war gross bei vielen Gläubigen, als Montag nachts die Nachricht kam, dass Feuerwehrleute und ein Kaplan die Dornenkrone aus der brennenden Notre-Dame hatten retten können. Die Dornenkrone gilt als eine der wertvollsten Reliquien der katholischen Kirche. Jesus soll sie bei der Kreuzigung getragen haben, wo sie ihm die römischen Soldaten aufgesetzt hatten, um ihn zu verspotten. So steht es in drei Evangelien im Neuen Testament.

Wie alt die Krone tatsächlich ist, weiss man allerdings nicht genau. Eine grosse Anzahl der Reliquien stammt aus dem Mittelalter und nicht aus dem ersten Jahrhundert. Reliquien hatten bis zur Reformation eine grosse symbolische Bedeutung und dienten als Machtinstrument. Wer eine wertvolle Reliquie in seinen Besitz bringen konnte, dessen Macht schien heller zu strahlen. Der Reliquienhandel war im Mittelalter zudem ein einträgliches Geschäft.

«Nach den mir zugänglichen Publikationen wurde die Dornenkrone zuletzt von Charles Rohault de Fleury um 1870 genauer untersucht», sagt David Ganz, ­Professor für Kunstgeschichte des Mittelalters an der Universität Zürich. Zum gleichen Schluss kommt Georges Kazan, Reliquienspezialist von der Oxford University.

Das heisst: Im Gegensatz zu anderen Reliquien gab es bei der Krone noch keine Untersuchung mit heutigen naturwissenschaftlichen Verfahren, um ihr Alter festzustellen.

Die Uni Oxford hat zu diesem Zweck 2015 ein Forschungszentrum eingerichtet. Im Oxford Centre for the Study of Religious Relics bestimmen die Wissenschaftler das Alter von Reliquien mit der sogenannten Radiokarbonmethode. Damit können Forscher das Alter von organischen Stoffen nachweisen. Mit einer solchen Radiokarbondatierung wiesen Forscher zum Beispiel nach, dass das Turiner Grabtuch, das angeblich das Grabtuch Jesu sei, nicht aus dem 1., sondern aus dem 14. Jahrhundert stammt.

Ludwig IX. von Frankreich erwarb sie 1238 für viel Geld

Der Dornenkranz besteht laut de Fleury aus zwei unterschiedlichen Pflanzen, die tatsächlich im Mittelmeerraum oder Nahen Osten wachsen. «Das sagt aber natürlich noch nichts aus über das Alter oder gar die Echtheit der Krone», sagt Ganz. Die Dornen stammten vom Ziziphus spina-christi (Syrischer Christusdorn), der Rest der Krone ist aus Binsen des Juncus balticus (Baltische Binse) geflochten.

Aufbewahrt wurde die Reliquie, so vermutet man aufgrund von schriftlichen Quellen, vorerst in Jerusalem. Erste Erwähnungen tauchen im sechsten Jahrhundert auf. Im Laufe des zehnten Jahrhunderts gelang es den byzantinischen Kaisern jedoch, sie nach Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, zu bringen. Die Byzantiner horteten vor allem Reliquien aus der Passionsgeschichte Jesu, die als besonders wertvoll galten.

1238 verpfändeten die verschuldeten Byzantiner die Krone nach Venedig. Dort erstand der als besonders fromm geltende französische König Ludwig IX. (1214–1270) die Reliquie schliesslich für eine damals astronomische Summe von 135'000 Livres, was seinem Budget für ein halbes Jahr entsprach. Im Jahr 1239 brachten Unterhändler sie nach Villeneuve, wo Ludwig sie in einer besonderen Zeremonie in Empfang nahm. Die Chronisten berichten, der König habe die Krone als Zeichen der Demut barfuss und nur im Hemd bekleidet übernommen und in die Stadt getragen.

Die Reliquie diente dem französischen König anschliessend zu seiner Machtlegitimation. Er steckte sich eine der Dornen in seine eigene Krone und wollte so symbolisieren, dass Jesus ihn gekrönt habe und er sein legitimer Vertreter auf Erden sei. Bei der Ankunft in Paris liess Ludwig die Dornen vermutlich entfernen, geblieben ist der Kranz. Die Dornen galten einzeln als Reliquien und befinden sich an verschiedenen Orten.

Wann wird die Krone in die Notre-Dame zurückkehren?

1248 liess Ludwig die Sainte Chapelle errichten, wo die Franzosen die Dornenkrone bis ins Jahr 1804 aufbewahrten. Seither gehörte sie zum Reliquienschatz der Kathedrale Notre-Dame. «Reliquien boten den Gläubigen die Möglichkeit, Heilige zu sehen oder sogar zu berühren», sagt Ganz. Im Fall der Dornenkrone sei das Berühren aber wohl kaum möglich gewesen. Trotzdem hätten diese Gegenstände in den Augen der Gläubigen eine besondere Kraft, die den Glauben viel greifbarer mache als ein abstraktes Gebet.

Wann die Krone in Notre-Dame zurückkehren wird, ist noch nicht klar. Das Team der Restauratoren könnte von unerwarteter Seite Hilfe bekommen, wie verschiedene französische Medien berichten. Im Videospiel «Assassin’s Creed Unity» spielt eine längere Sequenz in Notre-Dame. Das französische Studio Ubisoft hatte dafür eine aufwendige 3-D-Kopie der Kathedrale erstellt. Fans hoffen, die Vorlage könnte helfen. Noch detaillierter sind allerdings die Pläne, die der Kunsthistoriker Andrew Tallon mithilfe eines Laserscans erstellt hat.



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Erstellt: 20.04.2019, 17:12 Uhr

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