Das rechte Lager büsst seine Mehrheit ein

Die letzte Welle der Tamedia-Wahlumfrage bestätigt den Trend zu Mitte-links.

Mit der rechten Dominanz könnte es bald vorbei sein: Das Bundeshaus in Bern. Foto: Michael Buholzer (Reuters)

Mit der rechten Dominanz könnte es bald vorbei sein: Das Bundeshaus in Bern. Foto: Michael Buholzer (Reuters)

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Gestern war in Bern Klimademo. Zu Tausenden waren vor allem Junge unterwegs und jubelten dort dem Parteilogo der Grünen und deren Wahlslogan «Unser Klima. Deine Wahl» zu. Grün ist in diesem Wahljahr zum Selbstläufer geworden. Seit dem Beginn der Klimadebatte Ende letzten Jahres legt die Grüne Partei kontinuierlich zu. Wären heute Wahlen, käme sie gemäss der neuesten und letzten Wahlumfrage von Tamedia auf 10,1 Prozent. Das ist fast die Hälfte mehr als vor vier Jahren.

Und inzwischen deutet vieles darauf hin, dass aus der grünen Welle eine links-grüne Wende wird: Die Wählerinnen und Wähler dürften am 20. Oktober den Rechtsrutsch von 2015 rückgängig machen und wieder eine Mitte-links-Mehrheit installieren. SP, Grüne, Grünliberale (GLP), CVP und BDP kommen gemäss Umfrage zusammen auf 49,1 Prozent. Der rechte Pol aus FDP und SVP erhält demnach 43,5 Prozent. Vor vier Jahren, als diese den Rechtsrutsch feierten, waren beide Lager etwa gleichauf. Das hat FDP und SVP eine knappe Mehrheit im Nationalrat eingetragen.

Rot-Grün statt Grün für Rot: SP meldet sich zurück

SP und Grüne sind heute zusammen mit über 28 Prozent deutlich stärker als vor vier Jahren (26 Prozent) und sogar noch besser als bei ihrem Wahlsieg vor acht Jahren (27 Prozent). Denn inzwischen gewinnt Grün nicht mehr nur auf Kosten von Rot, wie das noch am Anfang des Wahljahres der Fall war. Seither hat SP-Chef Christian Levrat die Idee eines grünen Marshallplans präsentiert, der den ökologischen Wandel sozialverträglich gestalten soll. Damit hat er offensichtlich den Sinkflug seiner Partei stoppen können. In der Umfrage kommt die SP auf 18 Prozent. Das wären immer noch 0,8 Prozentpunkte weniger als vor vier Jahren. Die Sozialdemokraten stehen aber deutlich besser da als im Frühjahr, als sie von der grünen Welle überspült zu werden drohten und mit Verlusten von fast anderthalb Prozentpunkten rechnen mussten.

Minus 0,8 Prozent liegt innerhalb des statistischen Fehlerbereichs. Das kann am Ende trotz allem deutlichere Verluste für die Genossen bedeuten, welche die rot-grüne Wende relativieren würde. Doch der Trend spricht für die Linke. Wahrscheinlicher ist deshalb Stabilität, die dem links-grünen Lager die nötigen Sitze bringen würde, um die FDP-SVP-Mehrheit klar zu brechen.

Am härtesten trifft es die SVP. Ihre Strategie, auf die grüne Welle mit einem Anti-Öko-Wahlkampf zu reagieren, erweist sich als Flop.Source

Eine Hypothek bleibt die Mitte. CVP, Grünliberale und BDP kommen mit 20,9 Prozent nicht wesentlich über ihr Resultat von 2015 hinaus und bleiben weiter hinter ihrem Erfolg von 2011 zurück. Zwar ist die ökologische Mitte mit der GLP auf Gewinnkurs. CVP und BDP brechen aber mit 10,3 beziehungsweise 3,3 Prozent ein. Das wird Sitze kosten. Die BDP muss gar fürchten, nur noch in Bern und Glarus Abgeordnete stellen zu können. Der Wahltag wird zeigen, ob CVP und BDP genügend Sitze für eine solide Mehrheit zusammen mit der Linken retten können.

Die Stärke von Mitte-links ist die Schwäche von FDP und SVP. Beide Parteien waren seit Jahren auf der Siegerstrasse. Über die letzten Wahlen hinaus wurden ihnen weitere Stimmengewinne prognostiziert. Aber beiden Parteien ist es nicht gelungen, auf die veränderte politische Stimmungslage im Land zu reagieren. Zusammen verlieren sie gegenüber den letzten Wahlen 2,3 Prozentpunkte.

Am härtesten trifft es die SVP. Ihre Strategie, auf die grüne Welle mit einem Anti-Öko-Wahlkampf zu reagieren, erweist sich als Flop. Je mehr sie gegen eine aktive Klimapolitik ins Felde zieht, desto mehr Wählerstimmen verliert die SVP. Anfang Jahr prognostizierte die Tamedia-Umfrage noch Stabilität. Seither kämpft die SVP gegen das neue Klimagesetz mit dem Argument, es gefährde Wirtschaft und Wohlstand. Jetzt drohen ihr Stimmenverluste von 1,5 Prozentpunkten. Vor allem gelingt es der Partei nicht, ihre eigenen Themen in den Fokus zu rücken. Gemäss der jetzigen Umfrage hält nur noch eine Minderheit der Befragten Europa und Migration für drängende Probleme. Und ihr Wurmplakat schaffte es nicht, die EU-Debatte neu zu lancieren. Die Umfrage zeigt: Es wird von einer grossen Mehrheit als degoutant angesehen. Selbst ein Viertel der SVP-Anhänger findet es missglückt.

Zweifel an der Zusammenarbeit mit den Grünliberalen

Die FDP hat den umgekehrten Weg gewählt und mit einer grünen Wende auf ökologische Forderungen reagiert. So richtig glaubwürdig scheint sie damit aber nicht zu sein: Sie liegt 0,8 Prozentpunkte hinter ihrem Resultat von 2015 zurück, ist aber seit dem Frühling nicht mehr weiter eingebrochen.

Eine Mitte-links-Mehrheit ist nach den Wahlen also wahrscheinlich. Ob sie politisch auch funktionieren wird, ist eine andere Frage: Links gibt es schon erhebliche Zweifel, vor allem weil mit der GLP in der Mitte ein Partner erwächst, der in sozialen Fragen deutlich bürgerlich politisiert. SP-Chef Levrat warnt deshalb vor zu hohen Erwartungen: «Keine andere Partei arbeitet so aggressiv auf Rentenalter 67 und höhere Krankenkassenfranchisen hin. Das wird ein Zusammengehen mit der GLP sicher nicht einfach machen.» Ähnlich argumentiert der grüne Wahlkampfleiter Balthasar Glättli. Statt im Wahlkampf die sich abzeichnende neue Mehrheit zu thematisieren, ruft er lieber zur Stärkung des linken – beziehungsweise grünen – Pols auf. Dass es aber insbesondere der SP in der Schlussphase des Wahlkampfs gelingen wird, Wähler von der GLP zurückzuholen, ist eher unwahrscheinlich. In der Umfrage gibt es keine Anzeichen für ein Schwächeln der Grünliberalen.



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Erstellt: 28.09.2019, 23:03 Uhr

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Die Umfrage

20 515 Personen aus der ganzen Schweiz haben am 23./ 24. September online an der sechsten Welle der Tamedia-Wahlumfragen zu den Wahlen vom 20. Oktober teilgenommen. Die Umfragen werden in Zusammenarbeit mit Lee-Was durchgeführt. Lee-Was modelliert die Umfragedaten nach demografischen, geografischen und politischen Variablen. Der Fehlerbereich liegt bei 1,3 Prozentpunkten. Weitere lnformationen zu den Umfragen sind abrufbar unter
https://www.tamedia.ch/umfragen

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