Das richtige Leben im falschen

Überlegungen zum Wahlkampf in Deutschland.

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Da der Zugverkehr zwischen Deutschland und der Schweiz unterbrochen ist, steige ich in Frankfurt ins Flugzeug, um in Zürich am Europa­kongress der WOZ teilzunehmen. Auf dem Weg vom Hotel zum Bahnhof bin ich eine Viertelstunde durch den eiskalten Herbstregen gehetzt. Leichter Schwindel und ein Kratzen im Hals kündigen eine Erkältung an. Wie immer bei einer bevorstehenden Krankheit beginne ich abzuschweifen, und der Instruktionsfilm auf den Flachbildschirmen über dem Sicherheitscheck erscheint mit plötzlich als Metapher unserer Zeit. Die zwei Hauptfiguren – ein gut aussehender, erfolgreich wirkender Mann und sein weibliches Pendant – spielen darin die idealisierten Rollen meiner selbst.

Auch sie stehen in der Warteschlange, und auch auf ihren Gesichtern zeichnet sich ironische Genervtheit ab. Nur sehen sie natürlich besser aus dabei, vor allem aber machen sie – während ich bloss stumpf warte – etwas aus der Situation. Der Mann wirft der Frau verschwörerische Blicke zu, sie blinzelt kokett zurück. Auch das Abtasten durchs Sicherheitspersonal ist als leicht sexualisierter ­Minikontakt dargestellt, im Hintergrund ist bereits der Cappuccino-Bereich zu erkennen. Gleich werden die beiden ihre Erklärungen austauschen, warum sie trotz Klimawandel einen Kurzstreckenflug gebucht haben.

Ich will die Salonsoziologie nicht zu weit treiben. Aber ist es nicht genau das, worauf wir uns geeinigt haben: abzuwarten, die ständigen Sicherheitskontrollen entspannt über uns ergehen zu lassen und die Zeit dazwischen mit Kulturkritik zu vertreiben? Nachher, im Flugzeug, lese ich einen Artikel, in dem Martin Schulz als seelenloser Bürokrat dargestellt wird. Und ­tatsächlich ist das schulzsche ­Wahlkampfverhalten fast surreal ­konturlos. Man fragt sich, ob der ­uninspiriert über «Gerechtigkeit» ­quasselnde SPD-Kanzler-Kandidat nicht im Geheimen Merkel wählt.

Eine Politik, die sich nicht um die drängenden Weltprobleme, sondern um die lautstarke Justierung des Konsenses kümmert – die deprimierende Hintergrundmusik zum Safety-Check-Filmchen. Ex-Kanzler Gerhard ­Schröder war immerhin ein richtiges Arschloch, das auf Sektempfängen feist grinsend Rohstoffdeals abschloss. Auch Helmut Kohl bemühte sich, als vernagelter Hinterzimmer­patriarch in Erinnerung zu bleiben. Die blutleere Generation Merkel und Schulz dagegen segelt unter ­Wahlkampfparolen, die an abstrakte Poesie erinnern. Was ist der «unterbrechungsfreie Berufseinstieg», den die SPD fordert? Ist «Digital first, ­Bedenken second» Satire oder tatsächlich der zentrale Slogan der FDP?

All diese Gedanken mache ich mir, während ich im Flugzeug über Deutschland sitze und mein Halsweh sich verschärft. Gleich werde ich im Zürcher Volkshaus über eine gerechtere Europapolitik debattieren. Der ­indische Banker auf dem Platz neben mir lächelt mir verständnisvoll zu.

Milo Rau ist Theaterautor, ­Regisseur und Essayist (SonntagsZeitung)

Erstellt: 09.09.2017, 23:36 Uhr

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