Das Schlaraffenland

Beim Aufstieg auf den Freiburger Hausberg Moléson erschliesst sich einem die Bilderbuch-Schweiz ganz konkret.

Saftige Weiden, das Schloss Gruyères und der Moléson. Foto: Huber Images

Saftige Weiden, das Schloss Gruyères und der Moléson. Foto: Huber Images

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Für das Geheimrezept, das im Osten des Landes eifersüchtig und öffentlichkeitswirksam gehütet wird, haben die Kühe und Rinder diesseits der Saane nichts übrig. Sie zupfen auf den Weiden rund um den Freiburger Hausberg Moléson die saftigsten Kräuter zwischen den Gräsern heraus und wandeln diese in ihren vier Mägen in köstliche Milch um.

Der Bauer, der die Schaukäserei in Gruyères und die Schokoladefabrik in Broc mit frischer Milch beliefert, macht aus dem Rezept kein Geheimnis: Es kommt nicht darauf an, ob am Ende ein Fondue oder ein Praliné herauskommt, ob letztlich der Vacherin oder das Cailler-Branchli den Gaumen erfreut: Entscheidend ist, was am Anfang war: Der eiweisshaltige Alpenklee zum Beispiel, der mit ätherischen Ölen gesättigte Thymian oder das heilkräftige Silbermänteli – und noch so manches andere Wunder wirkende Kräutlein. Die Natur mischt ihre Ingredienzen in die Rezeptur für Vollmilchkäse und Milchschokolade – ein Genuss für Gourmets, ein Albtraum für jene, die Kalorien zählen müssen.

Zwei Bahnen führen zum Ziel auf 2002 Metern: Zunächst per Standseil von Moléson sur Gru­yères zur Mittelstation Plan Francey, dann per Luftseil bis zum Gipfel. Wer die Wanderschuhe nicht vergeblich geschnürt haben will, verzichtet auf die Bahntechnik und begibt sich zu Fuss auf den Sentier de la Crète, den Weg über den Grat. Unterwegs kann man den Kühen der Rasse Red Holstein beim Kräutermampfen und in der Berghütte Gros-Plané dem Senn beim Käserühren zuschauen.

Und dann dieses Panorama!

Mit jedem überwundenen Höhenmeter wird die Aussicht spektakulärer, und ganz oben, wo links und rechts der Abgrund gähnt, schlagen die Herzen der Schwindel­freien höher. Die anderen schauen stur nach vorne – zum Gipfelrestaurant, das einfach nicht näher kommen will.

Ein Glas Schoggimilch entschädigt später für die Strapazen des Aufstiegs – und das Panorama: von der Jurakette über die Berner und Walliser Hochalpen bis zum Genfersee. Man sagt, auf dem Moléson könne jeder Schweizer sein Hausdach sehen. Krass übertrieben! Jeder Freiburger? Schon eher. Jeder Greyerzer? Das auf jeden Fall, bei klarem Wetter.

Unten liegt sie, dem Wanderer zu Füssen – eine liebliche Voralpenlandschaft, wo Seen und Hügel, Wälder, Dörfer und Weiden ineinander übergehen, wo Milch und Käse fliessen. Und die Schokolade. Aus der Moléson-Perspektive präsentiert sich das Greyerzerland als helvetischer Mikrokosmos: Die Schweiz auf einen Blick. Mittendrin Gruyères. Oben das Schloss, wo einst die Grafen herrschten, davor die einzige Strasse, breit und kurz, autofreies Kopfsteinpflaster. Drum herum diealten, prachtvollen Gebäude. Mittelalter pur – ein grosses, von neunzig Einwohnern und Hunderten von Touristen belebtes Heimatmuseum.

Das Bier vom Nachbardorf

Vom Fensterplatz im Obergeschoss des Restaurants Chalet, wo das Fondue auch im Sommer auf den Tischen dampft, lässt sich das Städtchen am besten überblicken. Hinten links ragt der Chupia- Barba-Turm in die Höhe. Dort wurden einst die Gefangenen gefoltert, indem man ihnen die Bärte verbrannte. Und bevor sie hingerichtet wurden, durften sie einen letzten Wunsch äussern. «Ein Bier», soll ein durstiger Todeskandidat gefleht haben.

Die Serviceangestellte trägt eine Freiburger Festtagstracht, sie tischt Älplermagronen auf und dazu eine Stange bernsteinfarbiges Bier, frisch gebraut im Nachbardorf. La Dernière Volonté – der letzte Wunsch.

Der Abstieg über tausend Höhenmeter war steinig und steil, in den Oberschenkelmuskeln brennt der Kater. So hat auch der Wanderer einen letzten Wunsch: Morgen früh, gleich nach dem Frühstück, wird er den müden Knochen in den Bains de la Gruyères entspannende Ruhe gönnen – und vom Freiluftbassin des Wellnesstempels aus den Blick auf den Moléson geniessen.

Die Reise wurde unterstützt vom Freiburger Tourismusverband.



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Erstellt: 30.08.2019, 17:40 Uhr

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Das Greyerzerland

Anreise: Im Stundentakt mit der Bahn via Freiburg und Bulle nach Gruyères, mit dem Bus nach Moléson sur Gruyère, Standseilbahn und Luftseilbahn führen zum Gipfel. www.sbb.ch

Schlafen/Essen: Hotel Gruyères, gute Mittelklasse. Restaurant Chalet Gruyères, gemütliches Scheunen-Ambiente. Spezialität: Fondue. www.gruyereshotels.ch

Sehenswert: Schloss Gruyères, www.chateau-gruyeres.ch. Im Schloss: HR-Giger-Ausstellung. Kombiticket: 19 Fr. www.hrgigermuseum.com

Maison Cailler: Die aufwendig gestaltete Ausstellung erzählt in Broc die Geschichte der ersten Schweizer Schokoladenfabrik, www.cailler.ch

Musée Gruérien: Heimatmuseum im Bezirkshauptort Bulle mit Sonderausstellung «Milch»; www.musee-gruerien.ch

Wellness: Bains de la Gruyère: Wellnessparadies mit Sauna und Hamam im Val-de-Charmey; www.bainsdelagruyere.ch

Allg. Infos: www.fribourgregion.ch

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