Das sind unsere Sommerbücher

Diese Bücher packt die Kulturredaktion für die Ferien ein.

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Reinspringen mit dem Pool-Jungen

In die Ferien nehme ich neben einem Stapel Bücher auch immer ein halbes Dutzend Ausgaben des «New Yorker» mit. In einer solchen Ausgabe des Magazins war 2017 auch die Short Story abgedruckt, die zum Phänomen wurde – und die Kristen Roupenian über Nacht zum Star werden liess. Anfang Jahr ist «Cat Person» – jene Kurzgeschichte über ein schlimm missglücktes Date, die aber so vieles in der Schwebe lässt – auch in Buchform erschienen. Eröffnet wird der Band von «Böser Junge», einer Erzählung, die sehr lustvoll beginnt – und un­weigerlich in den Horror führt. Die Leser werden bei Roupenian zu voyeuristischen Komplizen der Täter, was zwar nicht sehr angenehm ist, aber die Geschichten umso dringlicher macht. Immerhin: Die Story «Der Junge am Pool» birgt eine gewisse Entspannung. Springt rein. Benedikt Sartorius

Kristen Roupenian: «Cat Person», Blumenbar, 288 S., ca. 32 Fr.

Seine Bücher muss man lesen, wenn man Zeit hat

Wie kann ich bloss ein Buch empfehlen, das ich noch gar nicht gelesen habe? Ganz einfach: Sein Autor heisst Ian McEwan. Seit langer Zeit verfolge ich seine Arbeiten, die mich stets überzeugten – sowohl formal als auch inhaltlich. Der Engländer ist nicht nur ein grosser Stilist, sondern auch einer, der sich zeitgenössischer Themen annimmt. So widmet sich auch sein neuer Roman, «Maschinen wie ich», einem brisanten aktuellen Thema, wie der Titel bereits andeutet. Da McEwan kein komplizierter, aber ein komplexer Autor ist, muss man seine Bücher dann lesen, wenn man wirklich Zeit dafür hat. Sollten Sie Quereinsteiger sein und an diesem Buch Gefallen finden, gebe ich Ihnen auch schon einen weiteren Tipp: «Saturday», für mich der bisher beste McEwan. Guido Kalberer

Ian McEwan: «Maschinen wie ich», Diogenes. 406 S., ca. 35 Fr.

Schöner Schund

Abgefahren ist eine schwache Bezeichnung dafür, was Bela B. Felsenheimer in seinem Romandebüt anstellt. Das Mitglied der Punkrockband Die Ärzte entwirft in «Scharnow» das Panorama einer Kleinstadt nahe Berlin, in der Randexistenzen durchdrehen. Ein Mann beginnt zu fliegen, der örtliche Supermarkt wird von nackten Trinkern überfallen, Seelen werden in Senioren parkiert, ein angeblich konspirativer Hund stirbt. Das ist so lässig aufgepimpter Schund, dass Quentin Tarantino seine helle Freude daran hätte. Hans Jürg Zinsli

Bela B. Felsenheimer: «Scharnow», Heyne. 416 S., ca. 32 Fr.

Urlaub von der Oberflächlichkeit

Mal aussteigen aus dem Alltagsgetriebe, einen Schritt zurück­treten – und so näher auf den Stoff schauen, aus dem die Wirklichkeit gestrickt ist: Das ermöglicht Marilynne Robinson mit dem spektakulär stillen Iowa-Roman «Gilead». Um diesen gabs zu Recht lauten Rummel samt Pulitzer-Preis.

Da bilanziert ein alter Provinzpriester 1956 sein kleines Leben, während er mit einer schwierigen Gegenwart zurande kommen muss und mit den grossen Fragen wie jener nach der Unterscheidung von Gut und Böse. Wenn er zweifelt, ob sein Lächeln gegenüber dem scheinbaren Tunichtgut des Dorfs verzeihend oder doch eher vergiftet gewesen war, beginnen wir, unsere eigenen Motive zu hinterfragen. Es ist, als ziehe die Autorin ein wenig am Vorhang des täglichen Gejufels, um sichtbar zu machen, was uns dahinter im Grunde antreibt – und wo unsere blinden Flecken die Schönheit der Welt verdecken. Ein Buch wie ein Urlaub von der Oberflächlichkeit. Alexandra Kedves

Marilynne Robinson: «Gilead», S. Fischer. 318 S., ca. 29 Fr.

Wer Balkan sagt, muss auch Andric sagen

Ivo Andrics «Brücke über die Drina» gehört zum Grundstock an Literatur aus und über den Balkan. Für Letzteren interessiere ich mich seit Jahren. Der jugoslawische Nobelpreisträger beschreibt in seinem historischen Roman, wie die Mehmed-Paša-Sokolovic-Brücke unter den Osmanen erbaut wurde, und lässt einen am Leben in und um Višegrad teilhaben – über vier Jahrhunderte lang und in unglaublicher Treue zum Detail. Die ersten Seiten, die ich bereits gelesen habe, wirken wie eine Prüfung. Grausam geht es zu während des Baus der Brücke im 16. Jahrhundert. Ich hoffe, dass der schlimmste Teil damit vorbei ist und die Jahre bis zum Ersten Weltkrieg friedlicher werden an der Drina. Aber auch wenn nicht, es gibt keine Wahl. Wer Balkan sagt, muss auch Andric sagen. Aleksandra Hiltmann

Ivo Andric: «Brücke über die Drina», DTV. 496 S., ca. 18.90 Fr.

Sommerhit mit Vampiren

Ich gebe es zu: In den letzten Jahren hat mein Serienkonsum meine Lesezeit aufgefressen. An verregneten Wochenenden binge ich bis zu zehn Episoden einer Serie. Doch die Sommerferien sind das literarische Pièce de Résistance. Da herrscht Screen-Verbot. Heuer habe ich mir die Vampirtrilogie «The Passage» besorgt. Sie war in der angelsächsischen Welt vor ein paar Jahren der Sommerhit schlechthin. Ich hab die Bücher ja noch nicht gelesen, aber offenbar geht es um ein Experiment, das zum Ziel hat, die Menschen unsterblich zu machen. Dann geht irgendetwas schief, und Vampire überrennen die Welt. Nachdem ich die Bücher gekauft hatte, fand ich heraus, dass sie bereits als Serie verfilmt worden sind – aber anscheinend sehr enttäuschend. Vielleicht sollte ich wieder mehr lesen. Philippe Zweifel

J. Cronin: «Die Passage-Trilogie», Goldmann. 3 Bände, je ca. 13 Fr.

In der antiken Abenteuerwelt

«Muse, erzähl mir vom Manne, dem wandlungsreichen»: So fängt es an und geht über 12'000 Verse weiter, Hexameter, deren Rhythmus man sogleich mittraben muss – jedenfalls wenn sie so zwingend dahinlaufen wie in der Übersetzung von Kurt Steinmann. Den ersten Gesang habe ich in einem Rutsch gelesen und mich begeistert an Versen wie diesem: «Welch ein Wort, mein Kind, entschlüpfte dem Zaun deiner Zähne!» Ja, mit Steinmann steigt man tief hinab in die antike Abenteuerwelt, ohne seinem Deutsch Gewalt anzutun. Die nächsten 23 Gesänge sind in den Ferien dran! Martin Ebel

Homer: «Odyssee», Penguin TB. 444 S., ca. 19 Fr.

Durchgeknallter Trip durch die wilde Welt des Denkens

Dieses Buch ist für alle: für Verächter wie für Liebhaber des schwierigen Denkens. Denn Laurent Binet hat einen durchgeknallten Krimi rund um die bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts geschrieben: Umberto Eco, Michel Foucault, Julia Kristeva – alle kommen vor. Und machen Jagd auf ein Manuskript von Roland Barthes, der bei einem Unfall starb. Oder wurde er ermordet? Barthes soll gewusst haben, wie man Menschen mit Sprache willenlos machen kann. Doch wo ist das Manuskript? Und was, wenn wir es hätten? Ein Trip für Tage auf dem Liegestuhl. Andreas Tobler

Laurent Binet: «Die siebte Sprachfunktion», rororo, 524 S., ca. 18 Fr.

Streunereien durch Paris und die Sprache

Ein Gör, diese Zazie. Ein Schelm, dieser Raymond Queneau, der das Mädchen 1959 in seinem Erfolgsroman «Zazie in der Metro» durch Paris streunen lässt. Und ein Zauberer, dieser Frank Heibert, der es geschafft hat, Queneaus Sprachexperimente ins Deutsche zu übertragen. «He Oheim, nehmwer die Metro?», fragt Zazie im Kapitel 1 seiner brandneuen Übersetzung, und schon in diesem Satz ist alles drin, was das Original ausmacht: das Flapsige und das ironisch Gespreizte, die Lust am Stilbruch und jene an der orthografischen Spielerei. Nehmwer das Buch mit an den Strand? Aber sicher. Denn erfrischender geht nicht. Susanne Kübler

Raymond Queneau: «Zazie in der Metro», Suhrkamp. 240 S., ca. 35 Fr.



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Erstellt: 09.07.2019, 21:29 Uhr

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