Das Skateboard, das die Welt bedeutet

Jonah Hill kennt man als Komiker, jetzt hat er mit «Mid90s» einen feinfühligen Film über Jugendliche inszeniert.

Unterwegs in L. A.: Olan Prenatt und Tyder McLaughlin. Foto: Tobin Yelland

Unterwegs in L. A.: Olan Prenatt und Tyder McLaughlin. Foto: Tobin Yelland

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Zuerst war er der Underdog in zahlreichen Komödien, zum Beispiel der dicke Junge in «Superbad». Dann wechselte er ins sogenannt seriöse Fach, spielte für Regisseure wie Martin Scorsese (in «The Wolf of Wall Street»), seine Partner waren Leonardo DiCaprio und Brad Pitt. Jetzt aber sitzt Jonah Hill, 35, in einem Berliner Hotel und sagt: «Ach, die Schauspielerei war eher ein Unfall. Ich wollte immer Regisseur werden.»

Das ist ihm gelungen. Sein Regiedebüt heisst «Mid90s», ist weder eine schrille Komödie noch ein ausgeprägter Schauspielerfilm mit Stars. Im Gegenteil. Es ist ein fein beobachtetes Drama um einen Dreizehnjährigen, der in Los Angeles auch ein so cooles Skateboard haben möchte wie die älteren Jungs in der Nachbarschaft. Es geht um das Skaten als Lebensgefühl, um das Zugehören zu einer Gruppe und um das Ausbrechen aus der Welt der Eltern – oder hier der Mutter und des strengen Bruders.

Trailer zum Film «Mid90s». Video: Youtube/KinoCheck

Premiere von «Mid90s» war im letzten September in Toronto, der Film bekam hervorragende Kritiken. Und der Regisseur muss seitdem immer wieder erklären, wie er zum Thema kam. «Alles ist autobiografisch», lautet die Kurzfassung der Antwort. Dann sind also Sie dieser Junge, der im Zentrum steht? «Sicher bin ich Stevie, der unbedingt dazugehören will», antwortet Jonah Hill. «Aber ich bin auch der Star der Gruppe, der die Skater-Kunststücke beherrscht wie kein anderer. Ich bin der Ungeschickte, der immer auf die Schnauze fällt. Ich bin die Mutter. Ich stecke in allen Figuren.»

Die Schausspielerei bezeichneter als «glücklichen Unfall»

Alle und niemand, eine praktische Antwort. Wahr ist: Hill wuchs in den 90er-Jahren in Los Angeles auf. Er war fett, ein Aussenseiter. Und er ist Skateboard gefahren, wodurch er etwas Anschluss fand. «Ich war allerdings ein schlechter Skater», erzählt er. Dann skaten Sie nicht mehr? «Wo denken Sie hin, ich habe mein Board immer dabei, gestern habe ich mir fahrend Berlin angeschaut.» So schlecht können Sie in diesem Fall nicht sein? «Ich komme klar. Aber zu den Besten gehöre ich nicht.»

Die Besten. Das ist das Stichwort. Mit weniger gibt sich Jonah Hill nicht zufrieden. Er kam schon als Kind mit dem Showbiz in Berührung, seine Mutter war Kostümbildnerin, sein Vater Roadmanager von Guns N’ Roses. Als Schauspieler engagierte sich Jonah stets mit dem ganzen Körper, wortwörtlich, nahm mehrmals drastisch zu und wieder ab, wenn es die Rolle vorsah. Auf dem Set spielte er nicht nur, sondern beobachtete, wie die Regisseure – er arbeitete auch für die Coen-Brüder, Tarantino, Gus Van Sant – ihre Sache angingen. «Ich meine es ernst, wenn ich sage, dass meine Schauspielerei ein Unfall war. Ein glücklicher allerdings», ergänzt er, «das war in gewisser Hinsicht meine Filmschule, ich habe auch in schlechteren Filmen immer etwas gelernt. Deshalb wusste ich, dass ich es kann.»

Komiker, Regisseur und Amateurskater: Jonah Hill, 35. Foto: Getty Images

Diese Zuversicht strahlt auch auf die Mitwirkenden in «Mid90s» aus. Profis sind nur Lucas Hedges (der Bruder) und Katherine Waterston (die Mutter). Den Rest rekrutierte Hill in den Skateparks. Es sind Jungs, die gut fahren können, darunter der in diesen Kreisen bekannte Na-Kel Smith. Erstaunlich aber, dass dieser nicht nur Kunststücke präsentiert. Sondern in einer Schlüsselstelle einen Monolog hält, der leicht lächerlich wirken könnte. Wie er ihn vorträgt, wirkt aber echt und berührend: «Er ist einfach ein Naturtalent», sagt Jonah Hill. Und: «Nun gut, vielleicht habe ich ihm auch ein paar Tricks beigebracht. So wie er mir auf dem Board.»

Er arbeitete vier Jahre am Traum, diesen Film zu drehen

Der Trumpf des Films ist, dassalles perfekt aufeinander abgestimmt ist: Der Look mit der in den 1990ern begehrten Fischaugoptik, die entsprechenden Songs von A Tribe Called Quest bis zu den Pixies mit einem zusätzlichen Soundtrack von Trent Reznor (Nine Inch Nails) und Atticus Ross. Und auch die Örtlichkeiten: «Wir haben uns Mühe gegeben, den Park vor dem Gerichtsgebäude, wo wir uns einst versammelt hatten, wieder so aussehen zu lassen wie damals», sagt Jonah Hill. Er wollte nichts dem Zufall überlassen. Und arbeitete vier Jahre lang am Drehbuch und am Traum, diesen Film zu drehen.

Das ist ihm bestens gelungen. Nur mit einem Kompliment hat er Mühe. Mehrmals wurde «Mid90s» als «männliche Version von ‹Lady Bird›» beschrieben, dem ersten Film der Schauspielerin Greta Gerwig, der es als Independent-Hit bis an die Oscars brachte. «Ich mag ‹Lady Bird› sehr, meine Schwester spielt darin mit, aber ich denke schon, dass ich etwas Eigenständiges realisiert habe», sagt Jonah Hill. Er arbeitet längst an einem weiteren Regieprojekt, will aber nicht sagen, um was es geht.

Oder doch? Ganz am Ende des Interviews macht der Ex-Komiker doch noch einen Witz: «Mein nächster Film wird die männliche Version von dem sein, was dann gerade gross herausgekommen sein wird.»

«Mid90s»: ab Donnerstag im Kino

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 13.04.2019, 19:31 Uhr

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