Das Supergenieorakel

Der britische Astrophysiker Stephen Hawking war eine Projektionsfläche für die Sehnsucht nach Übermenschlichem – und der einzige globale Popstar der Wissenschaft.

Der bekannteste Physiker: Stephen Hawking war in den Hörsälen genauso zuhause wie in TV-Serien. Foto: Keystone

Der bekannteste Physiker: Stephen Hawking war in den Hörsälen genauso zuhause wie in TV-Serien. Foto: Keystone

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Was für ein genialer Titel. «Kurz», also handhabbar, dazu eine «Geschichte», also spannend und womöglich historisch. Und als Thema die «Zeit», die wohl wertvollste Ressource im Leben jedes Menschen. «Eine kurze Geschichte der Zeit», verfasst von Stephen Hawking, wurde eines der erfolgreichsten Bücher der Welt, zweifellos auch dank des Titels.

Hinzu kam eine geniale Formel des Autors. Sie lautete: Jede mathematische Gleichung halbiert die Zahl der Leser. Also gab es keine Formeln in seinem Buch. Das dritte Element des Erfolgs war der Autor selbst: Gefesselt in einem schwindenden, zunehmend leblosen Körper, schien hier ein allen irdischen Niederungen enthobenes Genie seine womöglich letzten Einsichten zu verbreiten.

Millionen Menschen sehnten sich danach, von dieser Geistesnahrung etwas abzubekommen. Ob das Buch am Ende häufiger gekauft als gelesen und letztlich auch verstanden wurde, blieb stets umstritten. Zweifellos hat es den Autor und bis dahin leidlich bekannten Cambridge-Physiker Stephen Hawking in die höchsten Sphären der Popkultur katapultiert.

Hawking hatte ein ausgeprägtes Showtalent

Hawking wurde zur Projektionsfläche der urmenschlichen Sehnsucht nach Superlativen und Übermenschlichem. Die Ikonifizierung erreichte absurde, mit seiner durchaus beachtlichen, aber nicht unübertroffenen wissenschaftlichen Leistung nicht mehr begründbare Ausmasse. Als die Universität Cambridge im vergangenen Jahr seine Doktorarbeit zum Download anbot, brachen die Server zusammen. Das «Jahrhundertgenie» («Der Spiegel»), der «Master of the Universe» (BBC), dem man zutraute, «die Formel Gottes» («Focus») zu finden, hatte indes selbst nie Probleme mit der Rolle eines Superstars. Im Gegenteil, sie brachte vor allem eine weitere geniale Begabung des Physikers Stephen Hawking zutage. Er hatte ein ausgeprägtes Showtalent.

Das mag seltsam klingen angesichts seiner Krankheit, einer amyotrophen Lateralsklerose (ALS), die ihn im ungewöhnlich frühen Alter von 21 Jahren traf. Nervenzellen, die im Gehirn und Rückenmark die Muskeln steuern, gehen dabei zugrunde. Irgendwann trifft es auch die Atemmuskulatur, und der Tod ist unausweichlich.Hawkings Erkrankung erwies sich als seltene Sonderform von ALS, die nur langsam voranschreitet.

Ein Mann voller Lebenslust

Obwohl sein Körper irgendwann dem eines «Holocaust-Opfers» ähnelte, wie es seine erste Frau Jane beschrieb, liess sich der Physiker nie die Lebenslust nehmen. Er führte zwei Ehen, bekam drei Kinder und ein Enkelkind. Die Farbe seiner Autos war ihm ebenso wichtig, wie nach einem Vortragsprogramm um drei Uhr nachts Champagner zu trinken und mit seinem Rollstuhl auf der Tanzfläche herumzukurven. Hawking verstand es zeitlebens meisterhaft, seine Berühmtheit zu pflegen und neu zu entfachen, was ihm mitunter den Neid seiner Fachkollegen einbrachte, die teils zu Recht beanspruchten, mehr zum Fortschritt der Wissenschaft beigetragen zu haben als der Popstar im Rollstuhl.

Um die Physik wie auch sich selbst in den Schlagzeilen zu halten, entwickelte Hawking ein enormes Talent für die Dramaturgie. Da waren zum Beispiel die Wetten mit dem Astrophysiker Kip Thorne, der 2017 den Nobelpreis gewann. Im Grunde ging es um weltfremdes Zeug. Eine der Fragen war, ob Information erhalten bleibt, nachdem sie von einem Schwarzen Loch verschlungen wurde. Diese hochtheoretische Frage schaffte es in die Hauptnachrichten, als Hawking kamerawirksam den Wetteinsatz übergab – einmal ein Penthouse-Abonnement, ein andermal eine Baseball-Enzyklopädie.

Immer mit Sprachcomputer unterwegs

Die Popularisierung tat seiner Strahlkraft in Fachzirkeln keinen Abbruch. Egal, wo Stephen Hawking auftrat, ob bei der Nasa oder im Auditorium des Teilchenbeschleunigerzentrums Cern: Die Säle waren voll. Seit einem Luftröhrenschnitt im Jahr 1985 konnte er nicht mehr selbst sprechen. Nahestehende lernten zwar, sein Gemurmel zu entschlüsseln, aber in der Öffentlichkeit benutzte Hawking einen Sprachcomputer, den er in den ersten Jahren mit einem Griffel bediente, später mit Augenbewegungen.

Seine Vorträge kamen vom Band, mühsam eingetippt. In den 1990er-Jahren war es äusserst anstrengend, der synthetischen Stimme seines Sprachcomputers zu folgen. Doch wer die Geduld aufbrachte, konnte nicht nur einiges über Schwarze Löcher lernen, sondern auch den überaus erfrischenden und nicht selten selbstironischen Witz des berühmten Physikers spüren.

Er sitze zwar auf Newtons Lehrstuhl, scherzte er einmal, doch sei dieser Stuhl inzwischen reichlich elektrifiziert. Dieser Humor machte Stephen Hawking zur personifizierten Big Bang Theory, lange bevor es die gleichnamige TV-Serie gab. Und als es sie gab, bekam Hawking einen Gastauftritt. Zuvor war er bei «Star Trek» aufgetreten, wo er mit Newton, Einstein und Data, dem Offizier des Raumschiffs USS Enterprise, Poker spielt. Die Idee dafür kam, was sonst, von Hawking selbst. Mehrmals trat er auch bei den «Simp­sons» in Erscheinung. Nur sein Wunsch, den Bösewicht bei James Bond zu geben, erfüllte sich nicht.

Mindestens so ausgeprägt wie sein Showtalent war sein Bewegungsdrang. Er war stolz darauf, in einem Heissluftballon und einem U-Boot unterwegs gewesen zu sein. Er bereiste Dutzende Länder. Sein oft spontanes Verlangen aufzubrechen, verlangte seiner Frau, seinen Assistenten und den allgegenwärtigen Krankenschwestern viel ab. 2007, als praktisch kein Muskel seines Körpers mehr funktionierte, liess er sich sogar an Bord eines Experimentalflugzeugs bringen, um sich im Sturzflug einige Minuten lang der Schwerelosigkeit anzuvertrauen.

Hawking riet dazu, die Erde zu verlassen

So wie sich Hollywoodstars zur Politik äussern, hatte auch der Physiker Hawking keinerlei Hemmungen, allerlei Themen zu kommentieren, Genetik zum Beispiel, von denen er kaum mehr verstand als jeder aufmerksame Zeitungsleser. Doch Hawking war eben Hawking. Das Supergenieorakel.

Die heutige Menschheit verglich er oft mit den Europäern vor Kolumbus – nicht zuletzt, um für Finanzmittel in der Grossforschung zu werben. Er malte dystopische Zukunftsszenarien im Angesicht überhandnehmender Computerintelligenz und riet dazu, die Erde zu verlassen, um neue Lebensräume auf fernen Planetensystemen zu erkunden. Hawking war überzeugt, dass es in anderen Winkeln des Universums Leben gibt. Nur nicht unbedingt intelligentes Leben. Es war eine schelmische Reminiszenz an Albert Einstein, der einst daran zweifelte, dass es auf der Erde intelligentes Leben gebe.

Tatsächlich verband ihn mit Einstein auch ein schwieriges Eheleben. Seine erste Frau Jane verliess er nach 25 Jahren, um eine seiner Krankenschwestern zu ehelichen. Einen «Imperator» nannte ihn Jane später in ihrer Biografie.

Die Physik betreffend, war es am Ende jedoch nicht Hawkings grösstes Verdienst, so wie Albert Einstein den Erkenntnishorizont der Menschheit um eine Dimension erweitert zu haben. Hawkings bleibende Leistung war es, mit Hingabe und Geduld bei seinen meist deutlich weniger gebildeten Gesprächspartnern eine Faszination für Physik und Wissenschaft zu entfachen. Dafür gebührt ihm aller Respekt. Am Mittwoch ist Stephen Hawking im Alter von 76 Jahren verstorben.

Erstellt: 18.03.2018, 12:51 Uhr

Drei Geistesblitze
von Stephen Hawking

Vor allem in jungen Jahren hat Hawking wichtige Beiträge zur theoretischen Astrophysik geleistet:

Hawking-Strahlung
1975 betrachtete Hawking Schwarze Löcher quantenphysikalisch und erkannte, dass sie nicht wirklich schwarz sind. Sie strahlen Teilchen und Licht ab, die Hawking-Strahlung. Diese wurde zwar bis heute nicht entdeckt, dennoch ist sie relevant: Sie dient als Testfeld für die Quantengravitation, welche Allgemeine Relativitätstheorie (ART) und Quantenphysik vereint.

Informations-Paradox
Die Hawking-Strahlung ist völlig gleichmässig. Sie enthält keine Information über den Zustand des zu einem Schwarzen Loch kollabierten Sterns. Das heisst: In einem Schwarzen Loch wird scheinbar Information vernichtet. Das darf gemäss der Quantenphysik aber nicht sein. 2004 behauptete Hawking, das Informations-Paradox gelöst zu haben. Das ist jedoch umstritten.

Die Singularitäten-Theoreme
Inmitten Schwarzer Löcher gibt es einen Punkt unendlicher Materiedichte, die Singularität. Physikalisch ist das Unsinn. Dennoch sind Singularitäten ein fester Bestandteil der kosmologischen Modelle. Das hat Hawking ab Ende der 60er-Jahre mit dem Briten Roger Penrose gezeigt. Das heisst: Die ART verliert im Zentrum Schwarzer Löcher und beim Urknall ihre Gültigkeit. (jol)

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