Das Wichtigste, was wir haben

Milo Rau über die Heiligkeit des Lebens.

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«Wenn man mit Milo arbeitet, dann weiss man erst fünf Minuten vor der Premiere, wie ein Stück aussehen wird», sagte kürzlich einer ­meiner Lieblingsschauspieler einer Zeitung. ­Natürlich ist das sehr diplomatisch ausgedrückt: Ich habe auch fünf Monate nach der Premiere keine Ahnung, wie meine Stücke aussehen ­sollen. Auf der Bühne ist jeder Moment der ­erste, nichts bleibt. «Das Leben ist das, was ­passiert, während man andere Pläne hat», lautet ein Sprichwort. Und genauso ist es auch im Theater.

Wenn mich deshalb ein Schauspieler fragt, wie er einen bestimmten Satz sagen soll, dann antworte ich ihm: «Mach, was dir richtig scheint. Und dann schauen wir zusammen ­weiter.» Ein Regisseur kann einem Schauspieler technische Hinweise und Sicherheit geben. Die Wahrheit eines Vorgangs oder eines Gefühls kennt aber nur der Darsteller selbst. Weshalb ich jedem Regisseur eine einzige Regel ans Herz lege: Suche Menschen, denen du wirklich zuschauen willst. Und dann vertraue ihnen.

Momentan arbeite ich mit einem Heer von ­ungefähr 150 Darstellern an einem Bibelfilm, im süditalienischen Matera, wo Pier-Paolo ­Pasolini einst das «Matthäusevangelium» verfilmte. Einige von Pasolinis Schauspielern sind auch bei mir dabei, etwa sein Jesus, der bei uns Johannes den Täufer spielt. Oder der ­Bürgermeister von Matera, ein unterdessen 84-jähriger Mann, der Simon von Cyrene ­geben wird, der Jesus das Kreuz abnimmt. Andere Rollen werden von Flüchtlingen ­gespielt, Polizisten, arbeitslosen Stahlarbeitern, Pensionären, Türstehern.

«Man sieht, dass jede und jeder der erste und der letzte Mensch ist.»

«Ich glaube nicht, ich fühle religiös», hat Pasolini einmal gesagt. Wenn man mit Laien einen Film dreht, dann beginnt man an die Heiligkeit des Lebens zu glauben. Man fühlt einfach, man sieht, dass jede und jeder der erste und der letzte Mensch ist. Schaue ich ­meinen Darstellern zu, wie sie die Texte der Evangelien sprechen, wie sie dem Heiligen Wort Leben einhauchen, dann ist es, als würde meine Seele gewaschen – gereinigt von all dem narzisstischen Small Talk und den respekt-­losen Scheindebatten, die unser katastrophisches Zeitalter begleiten.

Nehmen wir etwa unseren Judas, gespielt von einem Nigerianer: ein ehemaliger Lehrer, der bis vor kurzem in einem von der Armee geschlossenen Flüchtlingslager lebte. Auch nach zwanzig Jahren Arbeit mit Schauspielern ist es eine ­Offenbarung, ihm bei der Interpretation dieses komplexesten Charakters der Bibel zuzuschauen. Wie sein Gesicht, wenn die Kamera läuft, plötzlich alles weiss. Wie er auf geheimnisvolle Weise versteht, wie ein liebender und wie ein letzter Blick aussieht. Was Verrat, was Schuld und was Einsamkeit ist.

Denn das ist das Wichtigste, was wir haben, während sich im Ozean eine Plastikinsel dreht, so gross wie Europa: den Mut, den Schmerz, die Anmut, die Grosszügigkeit, die Würde des ­Lebens wieder zu entdecken. Und vor allem den Respekt fürs Dasein, der zuerst Respekt für ­jeden Einzelnen ist.



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Erstellt: 07.09.2019, 23:55 Uhr

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