Das Wunder von Zug

Die Stadt wurde zur weltweiten Nummer 1 für Kryptowährungen und die Blockchain-Technologie. Jungunternehmer versuchen hier, Grosskonzerne aus dem Markt zu drängen.

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Es ist vier Uhr nachmittags, als sich Bernd Lapp in seiner ­Wohnung in Zug mit einer Kaffeetasse an den Bürotisch setzt. Der Computer läuft. Einige Mausklicks, und auf dem Bildschirm erscheinen die Arbeitskollegen. Der Programmierer aus den USA wirkt noch verschlafen, und der Mann aus China geht demnächst ins Bett. Die tägliche Sitzung kann beginnen.

Ihr Projekt heisst Swarm City. Es geht um Share-Economy. Ein halbes Dutzend Leute sind beteiligt, jüngere Männer und eine Frau. Sie arbeiten an einer Blockchain-Plattform, über die im Internet ­jeder jedem nützliche Dinge oder Dienstleistungen anbieten kann.

Beim Thema Blockchain führt derzeit kein Weg an Zug vorbei. Weltweit. Nirgendwo gibt es eine höhere Dichte an Experten und Jungunternehmern, die auf diese Technologie setzen. In wenigen anderen Ländern sind die rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen derart ideal.

In Anlehnung an das berühmte Silicon Valley ist deshalb bereits vom Crypto Valley Zug die Rede. Wobei Crypto etwas irreführend ist. Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ether gibt es zwar nur dank Blockchain. Doch eine Blockchain kann deutlich mehr. Sie macht es möglich, dass Menschen im Internet direkt und sicher Verträge abschliessen sowie damit verknüpfte Zahlungen auslösen können.

cryptovalley.directory liefert eine Übersicht über Firmen der Blockchain-Branche.

Im Bankenbereich ist Melonport eines der Vorzeige-Jungunternehmen im Crypto Valley. Es arbeitet an einer Blockchain für Anlagefonds. «Ein herkömmlicher Vertrag kann 100 Seiten dick sein, in der Blockchain fällt er weg», sagt Mona El Isa. Selbstbewusst fügt sie hinzu: «Mit der Blockchain sind Fonds für Anleger effizienter, billiger und erst noch sicherer.» Wenn es um Bankgeschäfte geht, ist die 34-jährige Britin keine weltfremde Träumerin. El Isa war unter anderem bei der Investmentbank Goldman Sachs tätig. Das Wirtschaftsmagazin «Forbes» hat sie 2012 mit der Aufnahme in die Liste der «Top 30 unter 30» geehrt.

In die gleiche Rangliste schaffte es ihr Geschäftspartner, der Blockchain-Programmierer Reto Trinkler. Gemeinsam bilden sie eine vielversprechende Symbiose: Um alte Geschäftsmodelle neu zu entwerfen, braucht es vertieftes Wissen aus der bisherigen Praxis und aus der neuen Technologie.

Banker «interessiert und verunsichert»

Ihr Start-up geniesst einen ­beachtlichen Vertrauensvorschuss: Als sie vor einem Jahr Startkapital sammelten, waren die angepeilten 2,5 Millionen Franken innerhalb von zehn Minuten beisammen. Mit einem halben Dutzend Mitarbeitern schaffen sie eine Plattform, auf der Privatpersonen weltweit in wenigen Minuten und für wenige Franken einen Anlagefonds gründen können.

Ihre alten Kollegen bei traditionellen Banken reagierten «interessiert und gleichzeitig verunsichert» auf die neue Technologie, erzählt Mona El Isa. Sie prophezeit den alten Finanzinstituten keine rosige Zukunft: «In zehn Jahren wird die Liste der Top 5 komplett anders aussehen.»

Die Aufbruchstimmung in der Szene ist bei jedem Treffen spürbar. Stets drängt die Zeit. Und wer sich Zeit nimmt, hat viel zu erzählen. Angetrieben von der Idee, bei einer weltweiten Umwälzung ­vorne mitzuspielen, arbeiten die Leute im Crypto Valley euphorisch an ihrer Vision, die Welt zu verändern und zu verbessern.

Ein Tsunami zerbricht alte Geschäftsmodelle

Mona El Isa ist nicht die ­einzige Bankerin, die einen lukrativen Job aufgab und voll auf die Karte Blockchain setzte. Hansjörg Hettich hat kürzlich seine Stelle bei der LGT-Bank gekündigt, wo er noch bis Ende Monat in der Fondsstrukturierung arbeitet. Zusammen mit Mona El Isa hat er in Zug den Non-Profit-Verband Multichain Asset Managers Association gegründet – als eine Schnittstelle zwischen der Blockchain-Technologie und der Fonds- und Vermögensverwaltungs­branche. Der Verband hat bereits fünfzig Mitglieder, darunter die CS.

Als Vater eines kleinen Sohnes fragte er sich, ob er das Risiko eingehen wolle, sich ganz Blockchain zu verschreiben. Doch seine Zweifel sind verflogen. Denn die Bewegung, welche die neue Technologie ausgelöst habe, lasse sich nicht mehr aufhalten. «Sie kommt in Form eines Tsunamis, unter dem viele alte Geschäftsmodelle zerbrechen», sagt Hettich.

Es gibt aber durchaus auch Leute, die das ganz anders sehen. Ein namhafter Kritiker ist der bekannte Ökonom Nouriel Roubini. Die Blockchain hält er gar für den «übertriebensten Technologie-­Hype aller Zeiten». Sie sei viel zu wenig schnell und effizient. Ein grosser Nachteil sei, dass sich Daten und Verträge nicht nachträglich ändern liessen. Dabei hat Roubini nicht einmal erwähnt, dass der Tatbeweis immer noch fehlt: Kein einziges Projekt auf Blockchain-Grundlage ist bisher richtig durchgestartet und hat traditionelle Unternehmen verdrängt oder auch nur bedrängt.

Das bestreitet auch im Crypto Valley niemand. Dennoch lässt sich dort selbst von der harten Kritik Roubinis niemand beunruhigen. Das wichtigste Gegenargument: Die Technologie steckt noch in den Kinderschuhen, entwickelt sich aber rasant. Viele kluge Leute arbeiten an den bekannten Problemen. Andere Ideen und Produkte wie zum Beispiel Computer hätten auch riesige Entwicklungsschritte gemacht.

Auch viel «Bullshit» im Crypto Valley

Längst nicht alles ist grandios, was die aufstrebende Branche hervorbringt. Auch das wissen und bestätigen alle im Zuger Crypto Valley. Darunter ist André Wolke, Geschäftsführer und Mitbegründer der Firma Validity Labs. Er bietet in Zusammenarbeit mit der ETH Zürich und der Hochschule Luzern Blockchain-Kurse an und erstellt auch Blockchain-Plattformen.

Im Gespräch am Stehtisch wirkt der Unternehmer locker, Kopfhörer baumeln um den Hals. Sobald es um sein Kerngeschäft geht, gibt der Schnellsprecher Gas. «99 Prozent der ICO sind Bullshit», sagt er. Den Initial Coin Offering (ICO) nutzen Start-ups, um Kapital zu äufnen. Obwohl die Jungunternehmer nur eine Idee und kein marktreifes Produkt zu bieten haben, kommen dabei hohe Summen zusammen, vereinzelt sogar mehr als 100 Millionen. In aller Regel würde ein Bruchteil davon genügen. «Wir bauen jede Plattform für weniger als 4 Millionen Dollar», sagt Wolke. Er ärgert sich sichtlich über den «ICO-Tourismus», der dem Ruf des Crypto Valley in Zug schade. «Einige haben schlicht keinen Plan für die Umsetzung ihrer Idee.»

Weiteren Nonsens ortet Wolke bei den vielen Blockchain-Konferenzen, an denen sich Interessierte in verschiedenen Ländern treffen. «Es gibt viel zu viele Bullshit-Konferenzen», sagt er. Das sind für ihn jene Konferenzen, an denen «Blender» auf den Hype aufspringen wollen und wo mit der Vermietung von Standplätzen «richtig viel Geld gemacht wird».

Dem Lockruf des Crypto Valley folgen nicht nur die Weltveränderer, sondern ebenso jene, die das grosse Geld wittern. Goldgräberstimmung und Wildwest-Methoden sind deshalb auch Teil der Szene. Wie in Westernfilmen kommt es sogar zu Überfällen. Die Räuber sind selbstredend nicht mit rauchenden Colts und Pferden unterwegs. Stattdessen hacken sie sich mit Rechnern in Systeme ein und ziehen auf Tastendruck mehr Geld ab, als eine Gruppe von Cowboys hätte tragen können.

«Die Blockchain überzeugt jeden, der sie im Alltag ausprobiert.»Stephan Karpischek

Diese Erfahrung machte Bernd Lapp vom Projekt Swarm City. Es war im vergangenen Sommer: ­Ungläubig starrte er auf den Bildschirm. Eben noch waren 44'000 Einheiten der Kryptowährung Ether da. Auf einmal zeigte das zuvor als «extrem sicher» eingestufte Konto einen neuen Stand von null an. Ein Gegenwert von heute 25 Millionen Franken hatte sich in Luft aufgelöst.

Bernd Lapp schaltete sofort eine Gruppe von sogenannten White Hats ein – das sind die Guten unter den Hackern. Nach einer halben Stunde wussten sie, wie sich das Konto knacken liess. Sie räumten weitere 500 Konten leer, um das Vermögen zu ­sichern und den rechtmässigen ­Besitzern zurückzugeben. Der Verlust gefährdete das Projekt Swarm City nicht. Denn schon vor dem Raubzug schuf das Team eine eigene Kryptowährung. Der Gegenwert dieses Kapitals liegt heute bei 700'000 Franken.

Trotz aller Bedenken zweifelt André Wolke nicht daran, dass sich die Blockchain durchsetzen wird. Er verweist auf mehrere vielversprechende Projekte, die noch dieses Jahr oder spätestens 2019 lanciert werden. Für Stephan Karpischek, der mit Etherisc eine Versicherung bei Flugverspätungen erfolgreich getestet hat, ist klar, dass sich der Technologieschub nicht mehr aufhalten lässt: «Wer eine Blockchain nutzt, stellt sofort fest, dass zum Beispiel Geldüberweisungen viel weniger kompliziert sind als im alten System – die Blockchain überzeugt jeden, der sie im Alltag ausprobiert.»

Daran glauben auch die rund 100 Start-ups, die im «Crypto Valley Labs» Büroraum gemietet haben. Es stellt Blockchain-Firmen Arbeitsplätze zur Verfügung. Im Gebäude unweit des Bahnhofs Zug riecht es nach frischer Farbe. In einem Büro arbeitet ein halbes Dutzend Leute an selbst mit­gebrachten Notebooks und Rechnern. Das Start-up heisst Mybit, die Teammitglieder kommen aus verschiedenen Ländern, nur nicht aus der Schweiz.

Der US-Amerikaner Ian Worrall ist Gründer, Geschäftsführer und Weltverbesserer. Er investierte früh in Bitcoin und kam so zu einem stattlichen Vermögen. Im Gespräch mit Banken stellte er fest, dass diese für die Vermögensverwaltung bis zu 20 Prozent der Rendite abschöpfen. Mit Mybit will er Anlagen für eine Gebühr von 1 Prozent anbieten. Das kommt nicht zuletzt armen Menschen aus Entwicklungsländern zugute, die mit wenigen Dollars eine Anlage tätigen können, was ihnen herkömmliche Banken verwehren.

Spekulation mit Kryptowährung als Starthilfe

Worrall ist nicht der einzige Blockchain-Unternehmer, der mit Kryptowährungen ein Vermögen gemacht hat. Fast alle aus dieser Start-up-Szene hätten viel Geld verdient, wird erzählt. Konkrete Zahlen nennt niemand. Doch dass Einsätze um das 5000-Fache gestiegen sind, ist keine Seltenheit. «Deshalb haben wir heute die historisch einmalige Situation, dass viele junge Leute sich voll ihren Ideen verschreiben können, ohne dass sie existenzielle Probleme fürchten müssen», sagt ein Blockchain-Unternehmer.

Die Nachfrage im Crypto ­Valley Labs ist gross: Die Bürofläche wurde schon mehrmals erweitert. Und bald sollen weitere 800 Quadratmeter, verteilt auf zwei Etagen, hinzukommen. «Für mehr als die Hälfte davon liegen bereits Reservationen vor», stellt ­Mathias Ruch fest, Gründer und Managing Partner bei Lakeside, der Firma, die hinter dem Crypto Valley Labs steht. Veranstaltungen und ein Wettbewerb steigern die Attraktivität. Die Mieten sollen erschwinglich bleiben. «Wir werden keinen signifikanten Gewinn erwirtschaften», sagt Ralf Glabischnig, Partner bei Lakeside. Das Ziel ist, fruchtbaren Boden für Start-ups zu schaffen, damit clevere Blockchain-Projekte durchstarten können. Bei aussichtsreichen Unternehmen steigt Lakeside als Investorin ein und hofft, so finanziell profitieren zu können.

Inzwischen klopfen bei ­Lakeside auch traditionelle Firmen aus aller Welt an, um Rat für Blockchain-Projekte zu holen, wie Mathias Ruchsagt. Das dürfte dem Optimismus im Crypto Valley weiteren Schub verleihen.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 18.03.2018, 16:03 Uhr

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