«Das ist eine Bankrotterklärung für diesen Kontinent»

Katharina von Schnurbein bekämpft den Judenhass in Europa und erklärt, wie sich dieser bei Muslimen, Linken und Rechten zeigt.

«Die Juden in Europa leben tatsächlich in Angst»: Katharina von Schnurbein. Foto: Sebastian Magnani

«Die Juden in Europa leben tatsächlich in Angst»: Katharina von Schnurbein. Foto: Sebastian Magnani

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In Frankreich registrierte man im vergangenen Jahr 541 antisemitische Vorfälle – 74 Prozent mehr als 2017. Auch in Deutschland und Grossbritannien nahmen die Anfeindungen zu. Katharina von Schnurbein hat von der EU-Kommission den Auftrag, den Judenhass zu bekämpfen.

Mehr als 70 Jahre nach dem Holocaust ist die Zahl der antisemitischen Übergriffe gestiegen. Müssen Juden in Europa wieder Angst haben?
Wir sehen auf jeden Fall, dass sie tatsächlich in Angst leben. Neun von zehn Juden in Europa sagen, Antisemitismus sei ihr grösstes Problem. 40 Prozent gaben in einer aktuellen Umfrage der EU an, sie hätten sich im letzten Jahr überlegt, Europa zu verlassen. Zum ersten Mal seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges sinkt die Zahl der Juden in Europa. Das ist eine Bankrotterklärung für diesen Kontinent.

Welche Form der Bedrohung erleben Juden im Moment?
Das kommt auf das Land an. Religiöse Juden, die eine Kippa tragen, nehmen in Westeuropa vermehrt eine physische Bedrohung wahr. Andere sind vorsichtig geworden und tragen zum Beispiel ihren David-Stern lieber unter dem Pullover. In Osteuropa sind es mehr die klassischen Vorurteile. Wenn der Stadtbeamte fragt: «Wie, ihr wollt Geld für euer Projekt? Ihr habt doch Geld!»

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland hat Juden davor gewarnt, die Kippa in der Öffentlichkeit zu tragen. Diese Stimmen gibt es auch in Frankreich. Finden Sie das richtig?
Ich habe hier nichts richtig oder falsch zu finden. Wenn jüdische Vertreter das so sehen, ist das ihre Einschätzung. Ich stelle aber fest, dass neben der Frage der Sicherheit für viele Juden auch die Frage nach der Identität schwierig ist.

Wie meinen Sie das?
Das Gedenken an den Holocaust ist ein wichtiger Teil der jüdischen Identität. Dazu gehört auch die Unterstützung Israels. Dieser Identität muss man auch in nichtjüdischem Umfeld Ausdruck geben können.

Es gibt aber nicht wenige Juden, die Israels Politik kritisieren.
Ich meine nicht die Unterstützung der Politik Israels. Juden in Europa wollen nicht dafür verantwortlich gemacht werden, was Israel als Staat für eine Politik verfolgt, und ihre politische Couleur ist so vielfältig wie bei jedem Volk. Aber der Glaube an Israel als letzter Hafen, als Zufluchtsort, wenn in Europa für die Juden wieder alles schiefgehen sollte, ist weit verbreitet. Das ist in vielen Ländern Europas nicht einfach auszusprechen.

Deutsche Rapper spotten über Auschwitz, werden mit dem Musikpreis Echo geehrt, in Frankreich wird eine Holocaust-Überlebende ermordet, jüdische Schüler werden gemobbt: Erlebt Europa eine Rückkehr des Antisemitismus?
Er war nie weg. Sicherlich war die Schoa eine gewisse Impfung dagegen. Aber sie wirkt schwächer, je weiter der Holocaust zurückliegt. Deshalb sind viele der alten Vorurteile wieder stärker geworden. Daneben gibt es einen neuen Antisemitismus: Die Idee, dass die Juden selber schuld waren am Holocaust. Und ebenso gibt es die verschiedenen Verschwörungstheorien, wonach Juden im Hintergrund die Fäden ziehen. Die gibt es heute in allen Schichten.

Warum kommt der Hass jetzt wieder hoch?
Man scheut sich heute weniger, antisemitische Aussagen zu machen, als das vielleicht vor zehn Jahren der Fall war. Das hat sich geändert. Früher war das einfach inkorrekt. Man hat das vielleicht gedacht, aber nicht gesagt. Heute sagt man es. Die Hemmschwelle ist gesunken. Das hat auch mit den sozialen Medien zu tun. Die Hassrede im Internet hat zugenommen, nicht nur gegen Juden.

Wie verbreitet ist Ihrer Einschätzung nach der Antisemitismus in der Schweiz?
Die Situation ist insofern eine andere, als die Biografie derjenigen, die hier über die Jahrhunderte gelebt haben, ungebrochen ist. Das ist fast einmalig in Europa. Trotzdem wird auch hier von den jüdischen Organisationen ein zunehmender Antisemitismus wahrgenommen, wenn auch nicht als eine physische Bedrohung. Aber die Verschwörungstheorien, die Idee, dass die Juden die Banken kontrollieren, wird auch hier wohl mehr ausgesprochen als früher.

In der aktuellen EU-Befragung nennen Juden als anti-­semitische Täter am häufigsten radikale Muslime, gefolgt von politisch Linken und Rechts extremen. Ist der wachsende Antisemitismus mit der Zuwanderung von Muslimen nach Europa verbunden?
Es ist tatsächlich so, dass antisemitische Vorurteile in der muslimischen Bevölkerung zwei bis dreimal häufiger sind als unter der europäischen Gesamtbevölkerung.


«Man scheut sich heute weniger, antisemitische Aussagen zu machen, Früher war das einfach inkorrekt.»

Woher kommt der Antisemitismus bei den Muslimen? Wieso ist er so tief verankert?
Das hat mit der Geschichte zu tun, insbesondere der jüngeren. Holocausttrivialisierung und antizionistischer Antisemitismus sind weit verbreitet. Wie in Europa, gab es auch vor dem 20. Jahrhundert Verschwörungstheorien und Judenhass in muslimischen Ländern.

Gibt es ein Rezept dagegen?
Wir müssen diese Vorurteile klar ansprechen. Zum Beispiel in den Schulen. Die Muslime, die während der Flüchtlingskrise nach Europa gekommen sind, die sich befreit haben von einer Diktatur und den mühsamen Weg nach Europa auf sich genommen haben, sind auch fähig, sich von antisemitischen Vorurteilen zu befreien. Wir müssen ihnen klarmachen, dass es in Europa einen Konsens darüber gibt, dass jüdisches Leben dazugehört und dass man das akzeptieren muss, um in unserer Gesellschaft dazuzugehören.

Das findet heute zu wenig statt? Man schaut einfach zu?
So deutlich wird das nicht ausgesprochen. Wenn ein jüdischer Schüler von muslimischen Schülern gemobbt wird, und der Schulrektor sagt: «Na, es gibt eben einen Nahost-Konflikt – kein Wunder, dass sich das hier niederschlägt», dann zeugt das von grosser Ignoranz. Es kann nicht angehen, dass wir Gewalt in Europa mit einem Konflikt woanders in der Welt rechtfertigen.

Antisemitismus nehmen die Juden auch bei den Linken wahr. Wie äussert er sich?
Vor allem durch die Idee, dass sich Juden in Europa für den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern rechtfertigen müssen. Durch Aussagen nach dem Motto: «Was hat dein Premierminister da wieder gemacht!» Damit meint man dann Netanyahu und nicht den Premierminister im jeweiligen europäischen Land, in dem die Juden leben.

Die Antisemitismus-Definition der EU, die auch die Schweiz übernommen hat, bezieht gewisse Formen der Israel-Kritik ein. Vielen fällt es schwer zu erkennen: Was ist legitime Kritik an Israel, und wo fängt der Antisemitismus an?
Die Definition macht klar, Kritik an Israel, so wie sie an jedem anderen Land geübt wird, kann nicht als antisemitisch angesehen werden: Kritik an der Regierung, an dem politischen Handeln, an den besetzten Gebieten. Wenn es aber um die Existenz Israels geht oder das Selbstbestimmungsrecht der Juden infrage gestellt wird, obwohl es anderen Ländern zugebilligt wird, das ist klar antisemitisch.

Sie hätten also nichts dagegen, wenn wir sagen würden, die israelische Siedlungspolitik sei ein Skandal?
Nein, das könnten Sie ja auch über andere Länder sagen, die Gebiete besetzt halten.

Alexander Gauland, der Chef der rechtspopulistischen AfD, hat jüngst die NS-Zeit als «Vogelschiss» in der Geschichte bezeichnet . . .
. . . das trifft die jüdische Identität ins Mark. Es ist wichtig, dass gegen solche Äusserungen Leute in den eigenen Reihen aufstehen. Das Schwierige an der Antisemitismus-Bekämpfung ist der Antisemitismus in den eigenen Reihen. Das gilt für den Sportverein genauso wie für entsprechende Äusserungen, die im Familienkreis gemacht werden.

Sie vermissen Zivilcourage?
Ja. Nicht nur bei antisemitischen Äusserungen. Das Gleiche gilt bei Fremdenhass, bei Feindlichkeiten gegen Muslime oder Homosexuelle. Aufzustehen für jemand anderen, wenn Unrecht passiert, ist nicht Europas Stärke. Das war es wahrscheinlich nie in der Geschichte.

Sie wurden 2015 als erste Antisemitismusbeauftragte der EU ernannt. Was haben Sie in den letzten drei Jahren konkret erreicht?
Teil meines Mandates war zunächst, den engen Kontakt zu den jüdischen Gemeinden zu suchen. Ich bin viel gereist, um zu hören, wie die Situation vor Ort ist. Wir haben dann verschiedene Massnahmen ergriffen und unter anderem diese Definition von Antisemitismus erarbeitet, die Sie erwähnt haben. Im Dezember haben die EU-Mitgliedsstaaten im Rat einstimmig eine Deklaration verabschiedet, in der sie sich verpflichten, Antisemitismus in den verschiedenen Bereichen zu bekämpfen. Zum Beispiel mit Bildung. Die Deklaration darf kein leeres Versprechen bleiben. Unser Ziel ist es, dass bis Ende 2020 alle EU-Mitgliedsstaaten eine Strategie zur Bekämpfung von Antisemitismus haben und diese umsetzen.

Der deutsch-jüdische Historiker Michael Wolffsohn, der sich stark in der Antisemitismus-Bekämpfung engagiert, warnt davor, Bildung als Allheilmittel zu betrachten. Er verweist darauf, dass jene Menschen, die Juden in den 30er-Jahren retteten, oft einfache Leute waren, während die Professoren nichts unternommen haben.
Ich glaube, dass insbesondere die Schulbildung zentral ist. Man muss hier Faktenwissen vermitteln.

Das wird doch schon gemacht, offenbar mit eher bescheidenem Erfolg.
Ja, zum Teil wird das bereits gemacht. Aber dabei geht es oft um die Juden als Opfer oder um den Nahost-Konflikt. Dass die Juden über Jahrhunderte hinweg Teil der europäischen Gesellschaft waren und einen Beitrag im künstlerischen und politischen Leben geleistet haben und wieder leisten, wird nicht vermittelt. Es wäre wichtig, das zu zeigen. Erst dann versteht man, was die Schoa für ein Einschnitt war und was es heisst, wenn wir heute wieder diese Anzeichen von Judenhass haben.

Sie sind selber keine Jüdin. Nehmen Sie das bei Ihrer Aufgabe als Antisemitismus-Beauftragte als Vorteil wahr?
Ja, weil ich nicht die Interessen meiner eigenen Community vertrete, sondern die Interessen von Europa als Ganzes. Antisemitismus ist ja nicht ein Problem der Juden, sondern der Antisemiten. Und Antisemitismusbekämpfung ist deshalb auch nicht in erster Linie eine Sache der Juden, sondern von uns allen.

Erleben Sie auch Anfeindungen, bekommen Sie Hassbriefe?
Bisher ist alles verkraftbar, meistens sind es virtuelle Anfeindungen. Churchill soll gesagt haben: «Haben Sie Feinde? Gut. Das heisst, dass Sie irgendwann mal für irgendetwas aufgestanden sind.»

Warum haben Sie diesen Job angenommen?
Ich wollte ihn. Bei uns zu Hause war immer Thema, dass man als Deutsche in Europa und sicherlich gegenüber den Juden eine besondere Verantwortung trägt.

Welche Reaktionen haben Sie bekommen?
In den israelischen Medien gab es die Überschrift «Deutsche als Antisemitismusbeauftragte ernannt». In Europa war gelegentlich die spontane Reaktion: «Antisemitismusbeauftragte? Ich dachte, nur Muslimenhass sei ein Problem.» Das hat sich inzwischen aber geändert – leider, muss man sagen. 5 von 10 EU Bürgern nehmen Antisemitismus als Problem in ihrem Land wahr.

Jüdische Vertreter beklagen einen wachsenden Widerstand gegen die Erinnerung an den Holocaust. Nimmt die Bereitschaft, sich zu erinnern, tatsächlich ab?
In einer Umfrage des US-Fernsehsenders CNN, durchgeführt in sieben europäischen Ländern, gab ein Drittel der Befragten an, wenig oder nichts über den Holocaust zu wissen. In Deutschland gab es eine Umfrage unter 15-Jährigen. Vier von zehn sagten, sie wüssten mit dem Wort «Auschwitz» nichts anzufangen. Deshalb glaube ich, dass Bildung wichtig ist. Es braucht aber auch eine Auseinandersetzung mit diesem Thema. Die Verantwortung des Holocaust-Gedenkens liegt ja nicht bei den Juden, sie liegt bei der Gesamtbevölkerung. Das Europäische Parlament muss das wahrnehmen. Der internationale Holocaust-Gedenktag am 27. Januar ist ein offizieller Gedenktag geworden . . .

. . . eingeführt wurde er von den Vereinten Nationen 2005 am 60. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau . . .
Es gibt Holocaust-Überlebende der zweiten und dritten Generation, die auch oft noch stark geprägt sind. Ich habe neulich mit einer Dame geredet, die sagte, sie habe nie Kinder gewollt, obwohl sie früh geheiratet habe, damit man ihr die Kinder nicht wegnehmen kann. Das muss man sich mal vorstellen, was die Nazis über die Leben, die sie direkt umgebracht haben, an weiteren Leben zerstört haben. Bis heute. Auch deswegen glaube ich, dass wir neue Formen des Gedenkens finden müssen.

Der Auschwitz-Überlebende und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel hat auf die Frage, was nach dem Tod des letzten Zeitzeugen geschehen werde, geantwortet: «Jeder, der heute einem Zeugen zuhört, wird selber Zeuge werden.» Stimmt das, oder sehen Sie das weniger optimistisch?
Es ist tatsächlich so, wenn man Holocaust-Überlebende hört, wenn man ihre tätowierte KZ-Nummer auf dem Arm sieht oder wenn man von einer Zeitzeugin hört, wie sie von Josef Mengele missbraucht wurde, geht einem das nicht aus dem Sinn. Aber das ist nicht die einzige Möglichkeit, die Erinnerung am Leben zu erhalten.

Welche anderen gibt es?
Zum Beispiel dieses tolle Projekt der Gamaraal-Stiftung, «The Last Swiss Holocaust Survivors». Da werden im Rahmen einer Ausstellung Porträtfotos mit kurzen Erklärtexten gezeigt, mittlerweile überall auf der Welt. Wenn man das sieht, denkt man sofort: Wie wäre es für mich gewesen, wenn ich als siebenjähriges Kind von meinen Eltern getrennt worden wäre? Man muss sich das selber klarmachen. Dann hat man auch ein anderes Verständnis, sowohl für unsere eigene Geschichte als Europäer als auch für die Geschichte der Juden.

Erstellt: 09.03.2019, 21:48 Uhr

Seit 2004 bei der EU

Die Deutsche Katharina von Schnurbein ist 1973 in Schlossau bei Regen im Bayerischen Wald geboren. Sie studierte Politische Wissenschaften und Slawistik in Bonn und Oxford. Seit 2004 war sie in verschiedenen Funktionen für die EU-Kommission tätig, unter anderem arbeitete sie im Beratergremium des damaligen EU-Kommissionschefs José Manuel Barroso. Im Dezember 2015 wurde sie zur ersten EU-Antisemitismusbeauftragten ernannt. Von Schnurbein ist verheiratet und Mutter von vier Kindern.

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