Davos hat gezeigt, wie die globale Ordnung gerade zerfällt

Das System der internationalen Zusammenarbeit, das nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffen wurde, steckt in einer Legitimitätskrise – auch wegen des WEF.

Hat mit dem Davoser Forum die Globalisierung stark vorangetrieben: WEF-Gründer Klaus Schwab spricht mit der deutschen Kanzlerin. Bild: World Economic Forum / Benedikt von Loebell

Hat mit dem Davoser Forum die Globalisierung stark vorangetrieben: WEF-Gründer Klaus Schwab spricht mit der deutschen Kanzlerin. Bild: World Economic Forum / Benedikt von Loebell

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Kein Wort wurde in den vergangenen Tagen am Weltwirtschafts­forum (WEF) in Davos öfters verwendet als «Kooperation». Die Kooperation stand bei den Staats- und Wirtschaftsführern deshalb so hoch im Kurs, weil es um sie schlecht bestellt ist. Vor allem die Amerikaner unter Präsident Donald Trump verweigern sich der internationalen Zusammenarbeit zusehends. Zum WEF ist kein einziges Mitglied der US-Regierung angereist.

Letztlich geht es um fundamentale Veränderungen: Eine davon ist der internationale Machtkampf um die strategische Vorherrschaft zwischen den Weltmächten – aktuell vor allem zwischen China und den USA. Ohne diesen Hintergrund lässt sich der Handelsstreit der beiden nicht verstehen. Aber auch Russland gebärdet sich auf der internationalen Bühne immer aggressiver im Buhlen um Einfluss.

Die Konfrontation zwischen den grossen Mächten der Welt hat auch der «Globale Risikoreport» des WEF als grösste Gefahr für die nahe Zukunft aufgeführt. Von einem «Schlafwandeln in die Krise» warnt WEF-Präsident Borge Brende in diesem Bericht.

Video: «Es wurden viele Probleme angesprochen, aber keine gelöst»

Markus Diem Meier, Chefökonom Tamedia, berichtet direkt aus Davos und fasst das diesjährige WEF zusammen.

Die zweite grosse Veränderung ist die sinkende Akzeptanz der internationalen Ordnung, die nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffen wurde. Die «Vielzahl von Störungen und Verunsicherungen im multilateralen System», wie Angela Merkel es nannte, war das Hauptthema der deutschen Kanzlerin in ihrer Rede beim Besuch in Davos. Die damals geschaffenen Organisationen dienten alle der internationalen Zusammenarbeit. Dazu gehören der Internationale Währungsfonds, die Weltbank, das Gatt als Vorgängerin der Welthandelsorganisation (WTO), die OECD und vor allem die UNO. Die damaligen, vom Krieg gezeichneten Politiker wollten damit eine weltweite Architektur bauen, um die Kooperation der Länder zu institutionalisieren.

Diese Ordnung bricht auseinander – und zwar nicht wegen Donald Trump. Dessen Wahlerfolg ist selbst eine Folge des Bedeutungs- und Legitimationsverlusts der alten Institutionen. Dass es aber gerade die US-Regierung ist, die diese Institutionen infrage stellt und als Hindernis für das nationale Interesse betrachtet, hat eine besonders grosse Bedeutung: Denn es waren die aus dem Krieg als Sieger hervorgegangenen USA, die diese Institutionen vor allem geprägt und gestützt haben. Nur eine dominierende Grossmacht kann die Stabilität einer internationalen Ordnung sicherstellen.

Der freie Markt versprach Verbesserungen für alle

Doch was sind die Folgen? «Wenn die Geschichte uns etwas über die Zukunft sagen kann, dann das, dass wir an einen sehr gefährlichen Punkt gelangt sind.» Zu diesem Schluss kam der Politikwissenschafter und Konfliktforscher Michael Mazarr an einem Panel in Davos. Damit meinte er, dass nach dem Zerfall der letzten internationalen Ordnungen Kriege folgten.

Forderte zu einer Reform der globalen Kooperation auf: Angela Merkel. Bild: Keystone

Eine internationale Architektur der Kooperation verlangt nach Institutionen, Regeln und Normen. Sie ist immer mit einem gewissen Souveränitätsverlust der einzelnen Länder verbunden. Damit die Länder das akzeptieren, braucht es nicht nur eine Macht, die in der Lage ist, die gemeinsamen Regeln durchzusetzen. Es braucht – wie Mazarr in Davos betont hat – auch ein fundamentales Paradigma; man könnte auch von einer Ideologie sprechen, die für die Leute ein Versprechen bereithält, das sie dazu motiviert, einen Teil ihrer Unabhängigkeit für die globale Architektur aufzugeben.

Dieses Paradigma ist die liberale Marktwirtschaft: das Verteidigen und Aufrechterhalten von möglichst freien Märkten über die Landesgrenzen hinaus. Das versprach nicht nur einen massiven Wohlstandszuwachs, sondern auch Freiheit in politischer wie in wirtschaftlicher Hinsicht – und Frieden. Das WEF hat sich diesem Paradigma ganz besonders verschrieben.

Warnte die Elite vor der Wut der Enttäuschten: Giuseppe Conte. Bild: AFP

Die global von den USA gestützte Architektur, die auf diesem Paradigma basiert, war überaus erfolgreich. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1989 verschrieben sich ihr die meisten Länder der Welt. Dies erschien so erfolgreich, dass der Politologe Francis Fukuyama im Jahr 1992 das Ende der Geschichte verkündete.

Die Führungsschicht hat ein Glaubwürdigkeitsproblem

Seither hat das Paradigma enorm an Glaubwürdigkeit eingebüsst. Die Finanzkrise vor zehn Jahren ist ein Grund dafür. Viele fühlen sich um die versprochenen Früchte der Globalisierung und der offenen Märkte betrogen, weil sie im Vergleich zu den Reichsten zurückfallen, weil ihre Fähigkeiten nichts mehr zählen, weil ihre gewohnte Gemeinschaft sich in Auflösung befindet und weil sie sich von der Elite allein gelassen fühlen. Das gilt besonders für die USA, wo die Ungleichheit stark zugenommen hat und die soziale Absicherung für Verlierer der Globalisierung und der technologischen Revolution deutlich weniger ausgebaut ist als in Europa. Dass der Wahlspruch «America First» (Amerika zuerst) dort auf grossen Anklang stösst, ist wenig verwunderlich.

An Glaubwürdigkeit hat die Nachkriegsordnung aber auch verloren, weil die politischen und ökonomischen Eliten überbordet haben. Gerade jene, die sich in Davos versammeln, haben im Namen der globalen Marktintegration zu viele Zugeständnisse bei der demokratischen Selbstbestimmung der Länder und der Öffnung der Grenzen verlangt. Das Extrembeispiel für Übertreibungen ist die Währungsunion.

Stellte fest, dass auf den letzten Zerfall internationaler Ordnungen Kriege folgten: Michael Mazarr. Bild: Greg Beadle

Davon zeugte in Davos die Rede des italienischen Ministerpräsidenten Giuseppe Conte. Er warf der Weltelite an den Kopf, ihre Rezepte hätten bei der Bevölkerung nicht verfangen: «Das Resultat war sehr viel anders, als man es versprochen hatte», sagte er. Nur wenige hätten profitiert, und der Enthusiasmus über die Versprechungen der ­Zukunft habe sich in Verzweiflung verwandelt. Warnend hat er dann noch hinzugefügt: «Die Geschichte lehrt, dass alles geschehen kann, wenn sich die Leute betrogen fühlen.»

Die deutsche Kanzlerin ihrerseits forderte zu einer Reform der globalen Zusammenarbeit auf, um sie wieder zu stärken. Doch die Worte der Europäer haben kaum mehr Gewicht auf der Weltbühne. Ihre Forderung erscheint einerseits als Ausdruck ihres schwindenden Einflusses. Andererseits geniessen die Europäer in Bezug auf eine Kooperation ohnehin wenig Glaubwürdigkeit, angesichts des Chaos, das sie auf dem eigenen Kontinent nicht meistern. Man denke nur an die Eurokrise oder den Brexit.

Erstellt: 26.01.2019, 21:44 Uhr

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